zwischen brauchen und wollen.

Umzüge sind bitches. Während man die alte Wohnung leer räumt, passiert in der Regel Folgendes: man stellt fest, dass man eine Menge Zeug hat. Also trennt man sich von etwas Zeug. Bleibt immer noch ganz schön viel Zeug übrig. Weil der eigene Geschmack auch eine bitch ist und man sich nach ein paar Jahren gern von so manchem Möbelstück trennt, betritt man die neue Wohnung nun also mit ganz schön viel Zeug, ohne Orte zu haben, wo man das Zeug unterbringen könnte. Also kauft man mehr Zeug, um dort alles mögliche reinzulegen, was hier unangetastet die nächsten Jahre verweilt. Den Rest verfrachtet man in den Keller, wo es noch viel unangetasteter vor sich hin liegt, bis man es beim nächsten Umzug von einem Kellerraum in den nächsten Kellerraum bewegt.

Eine heilsame Wirkung hat so eine Wanderschaft mit all seinem Hab&Gut aber: man wird von dem Verlangen befreit unnütze Dinge zu kaufen. Sonderlich bedroht davon war ich ja noch nie (von Schuhen und Kleidung jetzt mal ganz abgesehen). Ich bin ein Freund davon auf möglichst vieles zu verzichten – das haben mir meine Eltern gut antrainiert, als sie sich damals gegen Barbies, Polly Pockets, Tamagotchis und sämtliche Produkte der Spielzeugindustrie entschieden. Ich lebte auf 9 qm2 fast Zeug-freiem Kinderzimmer und war glücklich, von Büchern umgeben zu sein. (Ein bisschen neidvoll schielte ich natürlich dennoch auf die bunte Spielzeugwelt außerhalb der meinen). Heutiges Resultat ist dafür: Wer braucht schon Eierkocher, wenn ein Topf genügt? Wozu Äpfel in Spiralen schneiden, wenn man reinbeißen kann? Warum dekantieren, wenn der Wein auch im Glas atmet? Wozu Pfannen, wenn man aufs Spiegelei verzichten kann? Nur nach drei Monaten ohne Kühlschrank ereilte mich dann doch die Erkenntnis, dass nicht jeder Verzicht tragbar ist.

Trotz vieler nicht-Anschaffungen sammelten sich dennoch einige Dinge an, schließlich richtet man so ein Zuhause mit der Zeit ja doch etwas wohnlich ein. Und ein paar, sagen wir, Erinnerungsberge, von denen wir uns nicht trennen wollen, die wachsen einfach. Und das ist auch fein so. Neben Dingen, die man nur ein- bis keinmal im Jahr anfasst, wurmen mich vor allem die Dinge, die die Welt nicht braucht. Beim Gang durch die Möbelhäuser und Dekobutzen fragt man sich doch wirklich, wer das alles kaufen soll. Das Zeug, was im Saisontakt ausgetauscht wird. Die Kunstblumen, Wackdackel, Kerzenständer, Weihnachtsornamente und Plastik-Osterhasen dieser Welt. Wir müllen die Welt und unsere Leben voll mit Dingen, die wir meinen zu brauchen, um uns dann irgendwann im Zuge des großen Frühlingsputzes von diesen, uns nun belastenden Dingen zu befreien. Wir werfen Ballast ab und machen Raum für neues Zeug.

Aus diesem Grund empfinde ich momentan große Zuneigung gegenüber den Dingen, die sich irgendwann, nachdem sie mir viel Freude bedeutet haben, einfach auflösen. Kerzen zum Beispiel. Gesichtsmasken. Eistüten. Lippenstift. Genauso toll finde ich Dinge, die man irgendwann entsorgen muss, weil sie „es hinter sich haben“. Laufschuhe zum Beispiel, mit denen man 1000 km gelaufen ist (pfff). Lieblingspullover, die nach 10 Jahren auseinanderfallen. Matratzen, die durchgelegen sind. Und dann sind da die Dinge, bestes Beispiel Schuhe, die man meint wegwerfen zu müssen, obwohl man aus abgelatscht, ganz schnell fast neu machen kann. Ich hoffe sehr, dass uns diese Handwerkskunst noch lange erhalten bleibt.

Was ich schon immer wusste und auch im Zuge dieses Umzugs erneut deutlich wurde ist, dass mein Umgang mit Produkten der Bekleidungsindustrie definitiv Optimierungspotential hat. Immer wieder ertappe ich mich dabei, Dinge in meinem Kleiderschrank mit verächtlichem Blicke zu begegnen. Du wirfst Falten, du bist nach dem Waschen immer knittrig, du bist unbequem, du trägst auf, du gefällst mir nicht mehr. Der Zeigefinger ist konsequent und verzeiht nichts. Ja, mein Kleiderschrank scheint wie ein schwarzes Loch, lediglich ein paar wenige Teile entziehen sich dem Sog und erreichen Status Lieblingsstück. Und egal wie hart ich seit Jahren daran arbeite/(kaufe), einer strukturellen Veränderung gegenüber scheine ich machtlos. Schuld daran ist neben meinem inkonsistentem Geschmack selbstverständlich auch die Verlockung eines nicht enden wollenden Stroms an textilen Neuheiten und einige Jahre in ständiger Konfrontation.

Ein Umzug bringt also viele Erkenntnisse. Die wichtigste: weniger ist definitiv mehr. Vielleicht sollte man beim Kauf von Schuhpaar No.80, Vase No.10 und Verteilersteckdose No.11 immer daran denken: diese Wohnung könnte nicht die letzte sein.

 

 

another holy moly.

Inzwischen brauche ich schon gar nicht mehr betonen, wie verrückt es ist, dass ich mich erneut dem Jahresrückblick zuwende. Da draußen, in der kalten Dezemberluft, der Abend des letzten Tages hat noch nicht einmal begonnen, fliegen bereits die Böller, während ich, zumindest gedanklich, noch im Verlauf des Jahres festhänge. Jedes Jahr nehme ich mir aufs Neue vor, mehr Zeit ins Schreiben zu investieren und schon ertappe ich mich wieder dabei festzustellen, dass kreativer Output zu kurz kam. Zeit ist ein seltsames Ding, manchmal meine ich, sie rennt von Jahr zu Jahr schneller. Und mit ihr verändern sich manchmal auch die Dinge, die gefühlt immer da waren oder zumindest, für sehr lang. „Wie lang ist für immer“, fragte schon Alice und der Hase antwortete: „Manchmal nur eine Sekunde“.

Wie viele andere, pflege auch ich die Tradition des zurück Blickens und Bilanz Ziehens. Leider gelingt das in der Regel besser als der Blick auf das Kommende – aber das ist ein anderes Thema. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht, aber ich werde an den letzten Tagen des Jahres wirklich immer ein wenig sentimental. Deshalb nehme ich mir zu dieser Zeit auch mehr Zeit zur Reflexion, als zu jeder anderen des Jahres. Des Öfteren packt mich dann eine gewisse Aufbruchsstimmung, so dass ich am liebsten mein Leben auf den Kopf stellen möchte. Diese vielen Optionen, diese Erwartungshaltung an einen selbst „live your life to the fullest“. Du meine Güte, das kann ganz schön anstrengend sein. Und ist doch irgendwie auch eine ganz schön wichtige Maxime.

Während die letzten letzten zwei Jahre durch viel Neues geprägt waren, durch viele ups und downs, ist 2016 im Vergleich doch weitaus stabiler gewesen. Der Wunsch nach weniger Turbulenz vom vorletzten Jahr ist also definitiv in Erfüllung gegangen. Nichtsdestotrotz vergeht kein Jahr ohne Überraschungen – manche positiv, andere weniger. Manches versteht man auch im Rückblick trotz Kopfzerbrechens nicht, so dass man nur  hoffen kann, dass vielleicht das neue Jahr den Knoten löst.

2016 war aber vor allem ein Jahr der Erkundungstouren und das ist etwas, das sich auf keinen Fall ändern soll. Endlich wurde mal wieder so ziemlich jeder Urlaubstag für Reisen genutzt – egal ob ins ferne Thailand, in die bekannten USA, Nachbarländer, innerhalb Deutschlands oder der eigenen Stadt: jede Reise ist die Reise wert. Das Hashtag neverstopexploring trifft es wohl am besten und obwohl ich das Prinzip von klassischen, immer wiederkehrenden Vorsätzen (mehr Sport, gesünder leben, mehr Geld sparen, blabla) ablehne, so bringt die Reflexion eines Jahres doch zumindest gewisse Erkenntnisse in den Kategorien: „Hat irre glücklich gemacht“ und „Ist völlig überbewertet“. Mehr Zeit in Reisen investieren macht irre glücklich. Beziehungen pflegen macht irre glücklich. Mit einer gewissen Regelmäßigkeit Sporteln macht irre glücklich. Ziele haben macht irre glücklich, Stolpersteine auf dem Weg dahin machen nur temporär unglücklich.

Über alles was traurig gemacht hat und wir nicht ändern können, denken wir mal nicht nach – davon gab es dieses Jahr außerhalb unseres persönlichen Umfelds leider auch eine ganze Menge. Hoffen wir, dass 2017 uns mit weniger Aufregung überrascht.

Auf ein gesundes, friedliches & buntes Jahr 2017! Guten Rutsch ihr Lieben!

 

 

 

Wenn alles anders kommt.

Bei der Landung in Miami war das Erste, das ich erblickte, ausgerechnet Trumps Privatflugzeug. Es sollte Böses ahnen lassen. In den zwei Wochen im Swing State Florida begegnete mir Trump überall. In den Vorgärten, an Highways, auf Autos – wer Trump unterstützte, der wollte dem auch Ausdruck verleihen. In den konservativen Südstaaten Alabama, Mississippi und Louisiana das gleiche Bild. In jedem Motel, jeden Morgen beim Frühstück, spulte Fox News die immer gleichen Schlagzeilen rund um Clintons eMail-Affäre ab. Viel Wind um nichts, wie sich später zeigen sollte – jedoch nicht, ohne Schaden anzurichten.

Lediglich in New Orleans, der wohl liberalsten Stadt von Louisiana, wenn nicht gar der Südstaaten, war Clinton deutlich präsenter. Hier, wo Schwule und Lesben von der Polizei eskortiert durch die Stadt tanzen, wo die prüden Amerikaner freizügig werden und ohne Papiertüte Alkohol auf offener Straße trinken können.

Und doch hatte ich all die Zeit die Hoffnung, dass jemand so offensichtlich nicht geeignet für die Rolle als Präsident, keine reale Chance hätte. Wenn Menschen im Nike-Store mit den Kassierern darüber diskutieren, was zu tun sei, wenn es tatsächlich soweit käme. Wenn so viele dieses Thema bewegt. Aber Moment, die Menschen die ich diskutieren sah, waren stets jene Bevölkerungsgruppen, die Trump angegriffen hatte. Ihre Stimmen haben leider nicht ausgereicht. Es war die schweigende Mehrheit derer deren Nerv er getroffen hat mit seinen simplen, leeren Statements. Leer aber catchy und einprägsam. Simple aber gemacht für die breite Masse. Letztendlich waren es die Ultrakonservativen, die Älteren, die Weißen, die enttäuschte Mittelschicht. Die, die der Meinung waren Obama hätte einen schlechten Job gemacht und jemandem glauben wollen, der behauptet „No one knows the system better than me, which is why I alone can fix it“. Er gab denen Futter, die sich gegen Obamacare stellten. Die, die sich vom copycat Slogan „Make America great again“ blenden ließen. Und natürlich die, die per se niemals einen Demokraten wählen würden. Oder eine Frau. Und davon gibt es einige im diesem Land, das gern an seinen konservativen Werten festhält. Und am Recht zur Selbstbewaffnung.

Ich habe vieles in diesem gottesfürchtigen Land nicht verstanden, das seine politischen Entscheidungen vielerorts von der Haltung zur Abtreibung und der gleichgeschlechtlicher Ehe abhängig macht. Das heutige Wahlergebnis jedoch erreicht den Gipfel meines Unverständnisses.

Aber genug davon. Eigentlich hatte ich vor über die Schönheit Floridas zu schreiben. Über die spannende Flora und Fauna mit seinen stolzen Delphinen, wagemutigen Pelikanen, gutmütigen Manatees, angsteinflößenden Alligatoren und Panthern. Über mächtige Mangroven, enorme alte Eichen behangen mit spanischem Moos, die leicht bizarr und der Gegenwart entrückt wirken. Über unzählige Palmen und menschenleere Strände.

Möglicherweise hätte ich auch über die USA als einer der größten Müllproduzenten geschrieben, denn man kommt nicht daran vorbei, sich unentwegt verwundert die Augen zu reiben angesichts der Müllberge, die man als Konsument gezwungen wird zu produzieren. Aber das ist ein Thema, das, so fürchte ich, in den nächsten vier Jahren nur wenig Aufmerksamkeit erhalten wird. Was mich zum neuen Kopf der USA zurück bringt. Daher ein andermal mehr dazu – heute muss der Schock erstmal verdaut werden. Dabei helfen Erinnerungen an, genau, die schöne Flora und Fauna.

home is…

Wenn die Season-Switch Erkältung zuschlägt, dann ist wohl ein guter Augenblick gekommen, einmal inne zu halten und sich Zeit für die Schreiberei zu nehmen. Bleibe ich doch sonst doch nur in der Welt von Queen B und Chuck Bass hängen, um mich über den traurigen Zustand hinwegzutrösten, dass das wilde Leben gerade ganz weit weg ist.

Ein guter Moment auch, um dieses und jenes zu realisieren. Wie schnell die Zeit voran schreitet ist ja bekanntlich nichts Neues. Aber dass in 5 Tagen das 5-jährige Jubiläum meiner vier Wände und mir ansteht, das ist schon ganz schön verrückt. Angesichts des Vorhabens, die Wohnung bald aufzugeben, lohnt sich ein Blick zurück.

Zurück in die Zeit, als die Wohnungssuche in Berlin noch das kleinere Problem war. Man konnte sich ja über vieles wundern und ärgern. Über das nicht enden wollende Drama des Flughafenbaus zum Beispiel. Die steigenden Preise der S-Bahn, den dreisten Fahrradklau, Abfall hinterlassende Parkbesucher, Straßentaugliche Seifenkisten & Bierbikes… Was uns aber damals noch nicht stresste, war die Suche nach einer neuen Wohnung.

Ja, die Suche damals, sie war eine einfache. Ich kniff noch etwas die Augen zusammen als ich den Mietvertrag unterschrieb. 640 Euro, das war damals noch recht viel Geld für 50 qm2 und 1.5 Zimmer. Aber egal, dachte ich mir, es musste schnell gehen. Die Lage passte, die Wohnung war nicht wie viele andere, ich wollte sie haben. Ein paar Dinge realisierte ich erst im Nachhinein. Die etwas laute Kochstraße zum Beispiel. Die Terrasse, die nie nie nie von der Sonne geküsst wird, die kochende Küche im Sommer aufgrund von massiver Sonneneinstrahlung. Ich verfolgte weiterhin die Wohnungsannoncen, in der Hoffnung, doch noch etwas besseres zu finden. Doch die Suche nervte und irgendwann gab ich auf. Denn, auch wenn es einen Moment gedauert hatte, wir beide, die kleine Wohnung und ich, waren warm miteinander geworden. Ich richtete mich langsam ein, es folgte Farbe an den Wänden, irgendwann gar eine Deckenlampe, um nicht weiterhin bei Betreten der Wohnung durch die Dunkelheit zu tapsen. Auch wenn ich die Kochstraße weiterhin für ihren Verkehr verteufelte, so näherten auch wir uns an. Ich entdeckte den Obst- und Gemüsehändler meines Vertrauens, der mich im Sommer mit großartigen Wassermelonen versorgte und nicht nur mit unschlagbaren Preisen punktete, sondern auch mit einer Fußläufigen Erreichbarkeit von 2 Minuten. Das Café Westberlin direkt ums Eck wurde mein Rückzugsort zum Schreiben und Entspannen und bot auch dann stets Nahrung, wenn mein Kühlschrank mal wieder gähnende Leere präsentierte. Unschlagbar: das Ziegenkäse-Rote Beete Stüllchen. Die Nähe zum Tiergarten, sie war weiterhin das ganz große Plus. Zum Joggen stets wunderbar zu erreichen, ob tagsüber oder am Abend. Zum Rumliegen auf der Decke oder zum Spazierengehen – es war und blieb mein liebster Park. Aber auch der Gleisdreieckspark, der sich in den letzten Jahren immer einladender gestaltete, wurde Laufziel, Zeitungsleseziel, Picknickziel.

Verließ ich meine Wohnung über den Hof, so durchquerte ich stets die Zimmerstraße, die in den 5 Jahren wohl die größten Veränderungen durchlief. Die Trabi-Safari war stets da, soweit ich mich erinnern kann. Der Welt-Ballon auch, wurde in der Zwischenzeit aber ausgetauscht und leuchtet inzwischen im Dunkeln. Außerdem geriet er bei regem Wind in Schieflage und erschreckte etwa 20 Touristen, woraufhin er für einige Woche am Boden bleiben musste. Ein Stasi Museum kam und ging. Ein Winters-Hotel eröffnete und brachte nicht enden wollende  Bus-Kolonnen mit sich. Das Mauerpanorama von Asisi öffnete, ein amerikanischer Schulbus verkaufte Waffeln und Eis und verschwand wieder. Der Händler von russischen Fellmützen und Gasmasken wurde vom Pizzaladen verdrängt.Ein Trabi-Museum eröffnete. Einzig treue Seelen der Zimmerstraße waren die beiden Designläden mit originalen made in Berlin Produkten, in denen man auch als Nicht-Touri wunderbar stöbern konnte sowie ein Laden namens „Wall Street Gallery“, dessen Bestimmung ich noch nicht herausfinden konnte. Lediglich von spiritueller Natur scheint er zu sein. Des nachts brennt stets eine Kerze im Schaufenster, angezündet von einer grauhaarigen Dame im langen Gewand, die aussieht, wie die weibliche Version von Gandalf.

Nun ist die Zeit für einen Tapetenwechsel und ein neues Kapitel gekommen. Die Suche nach einem neuen Zuhause ist für alle ein Drama, die genaue Vorstellung von dem haben, was sie wollen und wo sie es wollen. Es führt dazu, dass man plötzlich recht flexibel mit dem ursprünglichen festgelegten Miet-Budget umgeht. Und feststellt, dass Berlin doch irgendwie gar nicht so groß ist. Sicherlich gibt es sie noch, die Wohnungen für 600 bis 700 Euro pro Nase, die ganz zauberhaft sind. Aber sie liegen eben immer da, wo sie nicht liegen sollten. Und ja, ein bisschen anspruchsvoll möchte man in Berlin eben noch gern bleiben. Noch sind wir nicht bei Londoner, Pariser oder New Yorker  Zuständen angekommen. Noch möchten wir so zentral wohnen, wie wir es uns vorstellen – wobei zentral immer da ist, wo man gerade sein Zentrum sieht. Wo die Freunde wohnen, man arbeitet, man sich Freizeit und Entspannung gut vorstellen kann.

Nun, allen Umzugswilligen sei an dieser Stelle viel Durchhaltevermögen und Erfolg gewünscht. The hunt has just begun.

 

gen osten und westen.

Ich spiele in letzter Zeit öfter mal Tourist in meinem eigenen Land. Und merke dabei: es gibt eine Menge zu entdecken. Tatsächlich habe ich weite Teile von meinem eigenen Heimatland noch gar nicht gesehen. Auch wenn die Urlaube in meiner Kindheit mich stets nur in deutsche Gebirge oder an die Ostsee führten: ich habe mir tatsächlich erst einen Bruchteil meines Landes erarbeitet. Was vielleicht auch nicht ganz überraschend ist, gehöre ich doch zu der Generation, die, auch wenn die Zeit der Mauer nicht ganz so prägend war, einen enormen Drang verspürte andere, fremde Orte und Länder kennenzulernen. Deutschland hatte ein wenig an Glanz verloren. Die große weite Welt lag unentdeckt vor einem.

Und so schön und faszinierend jede Reise in die wirkliche Fremde ist: Ein bisschen mehr Heimat sollte man hier und da für sich entdecken. Viel Gutes liegt tatsächlich ganz nah. Zum Teil nur ein paar Katzenhüpfer entfernt. Und wenn nicht ein paar Katzenhüpfer, dann auch nicht viel mehr als zwei Folgen Tatort oder vier Folgen der Lieblings-Netflixserie.

Da wäre zum Beispiel das wunderschöne Elbsandsteingebirge. Gerade mal ein Autostündchen entfernt. Man fährt quasi geradeaus, biegt drei Mal links ab und schon ist man da. Und Hallo Dresden & Leipzig: wann seid ihr denn so hübsch geworden? Von Krieg und Sowjets verunstaltet, haben sich die beiden Städte ganz arg gemausert. Leipzig tritt so selbstbewusst auf, man könnte meinen, es sei nie das kleine hässliche Ostkind gewesen, das so viel Häme und Spott über sich ergehen lassen musste.

Auch das Rheinland war bisher unentdecktes Terrain. Der Kölner Dom, du meine Güte. Was für ein beeindruckendes Ding. Da staunt man über die italienischen und spanischen Meisterwerke von Gotik und Barock und schafft es nicht einmal die lächerlichen 500 km gen Westen zu reisen. Abe warum auch, die Sonne scheint schöner in der Ferne und sind wir mal ganz ehrlich: die Dolce Vita, die Pasta Pomodoro und Gelato infinitamente sind in Kombination natürlich absolutes Totschlagargument. Kein Wunder, dass Köln auf der Holzbank sitzen bleiben musste, während die Schulkameraden bereits um den Sieg kämpften.

Und ist man erst einmal da, so stellt man fest: so ganz uninteressant ist die gesamte Region um Köln nicht. Ich muss ja gestehen: ich hatte so meine Vorbehalte, wenn es um die diversen Rhein-Metropolen ging. Was man aus Kölner Karnevalszeiten so mitbekommt, das ist einem als Berliner ja nicht ganz geheuer.  Und beim Düsseldorfer Modegeschmack kann man auch nur verwundert den Kopf schütteln. Manch einer mag ja Recht haben, wenn er sagt, Berlin fehlt es manchmal etwas an Chic, aber das was Berlin zu wenig hat, hat Düsseldorf doch ganz klar zu viel.

Aber: irgendwie hat dann doch jede Stadt ihren Charme und sowohl Köln, als auch Düsseldorf, konnte ich bisher positives abgewinnen. Und während ich das schreibe, kotzt mich meine eigene Großstadtarroganz mal wieder an, denn wie selbstverständlich bildet man sich doch ein, anderswo gäbe es dieses und jenes nicht und überhaupt, anderswo geht’s eh nicht besser.

Am letzten Wochenende kam dann noch Münster, Bad Honnef und Köln zu meinem Stadtschatz dazu. Beschauliche Städtchen, eingebettet in idyllische Landstriche. Entdeckt in diesem Zuge auch: das Siebengebirge mit all seinen Burgen und Wandermöglichkeiten. Du meine Nase, Deutschland du wirst immer hübscher. Ein Plädoyer also an alle, die mal wieder raus wollen, ohne Deutschland zu verlassen. Ein langes oder kurzes Wochenende, das nicht an die Ostsee führt (so wunderbar sie auch ist). Es ist an der Zeit, mal ein paar neue Geschichten zu schreiben. Von sächsischen Felsformationen, 50 Bergen, ruhigen Seen und Denkmalen, die größer sind als der Eifelturm. Von mehr Fahrrädern als Einwohnern. Von Fahrradstraßen rund um Altstädte. Von schwerfälligen, düsteren Gemäuern, die uns mit auf eine Zeitreise nehmen.

Danach geht’s dann wieder zurück nach Berlin. Weil’s daheim eben doch am schönsten ist.

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vom dorf im pflaumenhain.

Wieder zurück auf Berliner Boden, fühlt sich das Stadtleben von Bangkok (wörtlich übersetzt mit Dorf im Pflaumenhain) irgendwie surreal an. Berlin ist – im Vergleich – so aufgeräumt, so leer, so strukturiert. Meine Augen suchen die Gehwege nach Essenständen ab, in meinen Ohren klingt immer noch der Lärm der Straßen, das Hupen der Taxis, der Dröhnen der Tuk Tuks. Beim Verlassen von Geschäften laufe ich gegen keine Hitzewand. Ich sehe keine Stromkabel, die sich zu dichten Wollknäueln zusammen fügen und muss nachts nicht aufpassen, dass mir eine Kakerlake über meine nackten, in Sandalen steckenden Füße rennt.

Ja, Bangkok ist wahrlich keine schöne Stadt. Aber sie ist eine verrückte, chaotische Stadt, die auf neue Besucher viel Faszination ausübt und sicherlich einen jeden in ihren Bann zieht. Leben könnte ich in dieser 12 Millionen Metropole nicht. Die Hitze, sie würde mich wahnsinnig machen. Bangkok ist im Jahresdurchschnitt die weltweit heisseste Stadt – mit einer durchschnittlichen Tagestemperatur von 28 Grad. Hinzu kommen der Lärm und der Smog, verursacht von einem katastrophalen Verkehrsaufkommen. Das U- und Hochbahnnetz der Stadt kann nur einen kleinen Teil des öffentlichen Verkehrs abdecken. Dafür hat die Stadt das größte Busnetz weltweit. Man addiere rund 100.000 Taxis, gefühlt hunderttausende Roller und ein paar tausend Tuk Tuks und fertig ist das perfekte, nie enden wollende Verkehrschaos. Die uns bekannte Rushhour wird in Bangkok obsolet. Rushhour ist ein omnipräsenter Zustand. Atemschutzmasken sind angesichts der massiven Luftverschmutzung also nicht verwunderlich. Gerade jene, die den Abgasen direkt ausgesetzt sind, wie Tuk Tuk Fahrer und Straßenverkäufer, sind besonders häufig mit ihnen zu sehen.

Leider fehlt es der Stadt an Grünflächen, welche sich positiv auf die urbane Luftqualität auswirken würden. Als Berliner sind wir so verwöhnt von den vielen Parks und Freiflächen, die sich überall finden lassen. Von grünen Oasen inmitten von viel Trubel, die Ruhe und Erholung versprechen. In Bangkok gibt es gerade mal zwei größere Parks – Schatten sucht man hier leider größtenteils vergeblich. Auch die vielen Kanäle, die die Stadt einst hatte – Bangkok wurde gar als Venedig des Ostens bezeichnet – existieren heute nicht mehr. Sie mussten den vielen Straßen weichen, auf denen sich heute der Verkehr staut. Auf den Kanälen spielte sich das tägliche Leben und der tägliche Handel ab. Überbleibsel ist der schwimmende Markt, der besonders für Touristen ein beliebtes Ziel ist.

Bangkok ist sage und schreibe 17 mal größer als die nächst größere Stadt. Hier konzentriert sich die gesamte Wirtschaftskraft des Landes. Dies ist, angesichts der Tatsache, dass Bangkok in einer Senke und gerade mal 2 Meter über dem Meeresspiegel liegt, eine besonders kritische Tatsache. Steigt der Meeresspiegel wie vorhergesagt wird an, so bedeutet dies eine ernste Bedrohung für Thailands Wirtschaft. Davon abgesehen, wie unvorstellbar die Evakuierung einer 12 Millionen Metropole ist.

Von 1970 bis 2000 hat sich die Einwohnerzahl der Stadt verdoppelt. Die Metropolisierung begann in Asien deutlich später – geschah dafür aber in einem unfassbaren Tempo. Welche Herausforderungen dies für die Stadtplanung bedeutet, ist vorstellbar. Ein gesamtstädtisches Konzept ist quasi nicht existent. In Windeseile werden Hochhäuser dort hochgezogen, wo eben noch Wellblechhütten standen. Ein 5-Sterne Hotel neben bitterer Armut. Hochmodernes neben Traditionellem. Business-Tower neben Tempelanlage (wovon es übrigens sage und schreibe 485 gibt). Bangkok ist eine Stadt des krassen Kontrasts. Es sind zwei Welten die da aufeinanderprallen und die Schere zwischen Arm und Reich, sie klafft riesengroß.

Preisverhältnisse, so wie wir sie kennen, werden völlig ausser Kraft gesetzt. Man kann ein Gericht für etwas mehr als einen Euro erhalten. Ein Bier kostet gleich viel oder mehr. Für einen Kaffee oder Eis zahlt man in der Regel europäische Preise. Man kann sich stundenlang für ein paar Euro von Taxi oder Tuk Tuk durch die Gegend fahren lassen. Ein Tagesticket für den Sky-Train kostet fast drei mal so viel wie ein Gericht an einem der Straßenstände und etwa so viel wie 45 Minuten Taxifahren. Kleidung, technisches Geräte, alle Marken, die aus Europa, den USA importiert werden, liegen im uns bekannten Preissegment. Für einen Thai mit dem Durchschnittseinkommen von unter 400 US-Dollar im Monat absoluter Luxus.

Was besonders auffallend war: so chaotisch, durcheinander, heruntergekommen die Stadt auch ist, ihre Gehwege sind auffallend sauber, obwohl nirgendwo Mülleimer zu finden sind. Wenn man Glück hat, findet man hier und da süße kleine Müllbeutel, wo man sein Papier entsorgen kann. Dazu kehren Thailänder regelmäßig die Gehwege – ein Bild, was in Berlin undenkbar wäre. Hier stehen an jeder Ecke Mülleimer und dennoch versinken wir im Müll.

In der Nacht verändert sich Bangkok und entwickelt eine ganz andere Dynamik. Die sengende Hitze und das gleißende Sonnenlicht weichem buntem Licht, das von riesigen Werbeflächen, den vielen Shops und Restaurants strahlt. Die Gehwege sind voller als am Tage, das Nachtleben pulsiert eifrig. Befindet man sich auf einem der Hochhäuser und schaut hinunter auf die hektischen Straßen, die von hier oben wie kleine Ameisenkolonnen aussehen, lässt man den Blick schweifen in die Weite der Stadt, die vielen blinkenden Skyscraper, dann vergisst man für einen Moment die Kontraste und sieht Bangkok so, wie es sich nach aussen präsentieren möchte. Dabei wird die Stadt immer tief mit seinem traditionellen und spirituellen Charakter verwurzelt bleiben. Egal wie viele Häuser man noch in die Höhe schießt, das Bild, welches sich einprägt, wird auf der Straße geschaffen. Es zeigt die Wats mit goldenen Buddhas, Blumenkränze als Glücksbringer, Woks am Straßenrand, Verkaufsstände wohin das Auge reicht.

Man kann sicherlich gespannt sein, wie sich Bangkok in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird. Ich hoffe, sie bekommt einige ihrer größten Probleme wie Luftverschmutzung und Verkehr in den Griff. Und ich hoffe, man findet auch in Zukunft noch so großartige Papaya Salate, Phad Thais, Currys und Mango Smoothies in der Si Lom Straße wie heute.


  
  

    

far far away

Abstand vom Berliner Winter, er war so bitter nötig. Ab Februar fallen viele von uns, mich eingeschlossen, ja beinahe in eine Winterdepression. Und das so kurz vor dem absehbaren Ende. Dann beginnen die letzten harten Meter, auf denen es gilt durchzuhalten und nicht an den ständig grauen, dunklen, kalten Tagen zu verzweifeln. In den Wochen vor dem Urlaub kämpfte ich mich morgens auf dem Radel durch die immer gleichen null Grad. Dicke Fäustlinge an den Fingern, die ich eigentlich schon längst verbannt haben wollte. Zwei Paar Socken an den Füßen, weil ich die hässlichen, aber wunderbar wärmenden EMUs schon längst verbannt hatte. Der Himmel hing schwer und grau-weiß auf die Stadt hinunter und weil es Mister Wettergott gern herausfordernd mag, liess er dem regelmässig niederprasselnden Regen auch noch Schnee, Graupel und Hagel beimischen. Die Anzahl meiner Vitamin D-Kapseln katapultierte sich von 0 aufs Maximum der empfohlenen Tagesdosis, ich zog es in Erwägung eine Tageslichtlampe in meinem Wohnzimmer aufzubauen und fing tatsächlich wieder an zu joggen – währenddessen ich mir einredete, den Frühling schon riechen zu können. In Wirklichkeit musste ich aufpassen, nicht in der leicht angefrorenen Pfütze auszurutschen. Nur die Aussicht auf Sonne und Wärme hat mich davor bewahrt beim allmorgendlichen Blick aus dem Fenster keine Schreikrämpfe zu bekommen.

Und so betrat ich in heller, wahnsinniger Urlaubsvorfreude einen Flieger bei 4 Grad und stieg 15h später bei knapp 40 Grad aus. Licht, endlich wieder Licht! Die Wärme lullte ein und verwandelte sich langsam in Hitze, während ich entzückt war vom Grün der Bäume und vom Geruch des Sommers.

In Bangkok war die Luft allerdings noch eingenommen von Verkehr, vom Lärm der Tuk Tuks, vom Gewusel der Rollerfahrer. Straßenstände über Straßenstände, die verrücktesten Dinge in Woks und auf Grillen. Reichtum vs. bittere Armut. Wellblechdächer vs. Skyscraper. Im Norden Thailands dann die satte Vegetation von Teakholzbäumen, Bambus, Orchideen und Hibiskus. Chiang Mai ist die zweitgrößte Stadt des Landes und zählt doch nur 135.000 Einwohner. Trotzdem gibt es um die 1000 Unterkünfte für Reisende. Zu dieser Zeit, es beginnt der Sommer, die Hauptreisezeit ist vorbei, findet man viele Hotels fast leer vor. Die Preise sinken mit jedem Tag, last-minute Buchungen lohnen sich. Aktivitäten wie Trekking-Touren oder 12-Stunden Tagesausflüge dagegen verlieren etwas an Attraktivität. Die Nähe zum fast Menschenleeren Pool ist zu reizvoll. Abends auf dem Markt von Stand zu Stand futtern. Pad Thai und Papaya Salat für einen Euro. Immer unterschiedlich, aber immer lecker. Die leckersten Mango-Smoothies für einen halben Euro. Und Wassermelone, jeden Morgen Wassermelone.

Dafür nie dabei: das Handy. Unfreiwillig ist der Kontakt zur Außenwelt, zumindest in Hinblick auf whatsapp, sms und co. abgebrochen. Über einseitige Kommunikation also bitte nicht wundern. Deutschland fühlt sich auch deshalb sehr weit weg an.

    
  

#mania.

Aufregen tut manchmal wirklich gut und ich kann jedem empfehlen, sich hin und wieder über irgend etwas Belangloses aufzuregen. Sei es über das Wetter, den Berliner Verkehr, Paarship-Werbung, unreife Avocados, Taxi-Fahrer, schlechten Kaffee. Ziel sollte es jedoch nicht sein, zu jenen Mitbürgern zu mutieren, deren einziger Lebensinhalt es scheint, nach Gründen zu suchen, ins Wettern zu verfallen. Das sind dann nämlich die, die glauben andere erziehen zu müssen und ihre  – so glauben sie – einzig richtige Form von Lebensführung missionarisch unters Volk zu bringen. Das sind die, die erhobenen Zeigefingers an der roten Ampel auf die Anwesenheit von Kindern verweisen. Die, die alles schon gesehen haben. Die, die alles wissen. Für sie ist ihre Lebensweisheit letztendlich nur ein Vorwand, um ordentlich wettern, schimpfen, motzen und grummeln zu können. Alte Leute machen das ja ganz gern. Manch junge meinen gar, sie freuten sich aufs Alter, weil sie dann das Recht hätten, den ganzen Tag über zu motzen. Bitte nicht. Denn wenn die Bevölkerung 2030 wie vorhergesagt aus 16 Millionen Rentern besteht, dann ist`s vorbei mit heiter Sonnenschein.

Aber wie auch immer. Wie bei allen anderen Dingen gilt auch hier: solange nur in Maßen genossen, schadet es weder einem selbst noch den anderen. Und weil so ein Sonntag ein guter Tag zum Aufregen ist, dank des gedanklichen Raums, der einem dafür zur Verfügung steht, widmen wir uns doch gleich mal einem Thema, das für alle, die sich in den sozialen Netzwerken bewegen, omnipräsent ist. Ein Phänomen, über das ich mich gern stundenlang echauffieren könnte. Einfach ausgedrückt: Verschlagwortung von Bildmaterial, im hippen Fachjargon wird`s zum Hashtag. Hashtags auf Instragram im Speziellen.

Ich verstehe den ursprünglichen Charakter von Hashtags, die von Twitter-Nutzern eingeführt wurden, um ihre Tweets zu kontextualisieren. Auch erschließt sich mir der enorme Marketing-relevante Nutzen, den Unternehmen aus den Rauten ziehen können.  Grundsätzlich finde ich an der Idee, Bilder, die für viele User interessant sein könnten, einem Kontext zuzuweisen, auch nicht verkehrt. Wir möchten Menschen zeigen, dass Berlin schön ist, sein kann, obwohl viele die Stadt als hässlich bezeichnen? Zeigen wir ihnen die schönen Seiten und #gen „Berlin“. Wir sind große Fans von Chinesischen Faltenhunden? Lasst uns unsere Liebe teilen und die knuffigen Bilder meinetwegen auch für anderen Chinesische Faltenhunde-Fans verfügbar machen.

Ebenso wenig, eigentlich eher im Gegenteil, stört mich die individuelle Beschreibung von Bilderinhalten anhand von Hashtags. Nicht jedes Bild kann das vermitteln, was der Bildeigentümer damit ausdrücken möchte. Ein deskriptives Hashtag macht viel mehr Spaß, als die simple Zuweisung von Adjektiven oder Kategorien, deren Zusammenhang zum Bild so offensichtlich ist, dass es schon wieder keinen Sinn macht.

Diese zum Teil irritierende, nicht erklärliche, bisweilen groteske Verwendung von Rauten lässt mich immer wieder wundern. Warum in aller Welt, sollte ich daran interessiert sein, mein Foto einer Bildsammlung von „Männern“ oder „Frauen“ beizufügen? Warum sollte meine Interpretation von „schön“ oder „süß“ oder „klein“ ein wertvoller Beitrag zur Bildergemeinschaft dieser Welt sein? Warum sollte es eine Ansammlung von Bildern geben, auf denen ungeschminkte Frauen, Bilder ohne Filter oder Bärte zu sehen sind?

Gucken Leute sich die Fotos hinter den Hasttags wirklich an? Warum verspüre ich das Bedürfnis ein Bild anhand von Hashtags zu erklären, die nicht erklärend sind? Oder glaube ich, dass interessierte Instagram-Nutzer tausende von Bildern zu einem Hashtag durchwühlen? Was passiert eigentlich mit diesen gigantischen Ansammlungen von verschlagworteten Darstellungen? Werden sie irgendwann, in 50 oder 100 Jahren herangezogen, um den Zeitgeist unserer Generation zu analysieren und zu interpretieren? Wird man sich dann fragen, warum so viele Menschen halbnackt vor Badespiegeln standen, sich in Fahrstühlen fotografierten und warum Frauen stets ihre Lippen in Schnuten von sich streckten?

Wie lange wird sich dieses Phänomen wohl noch halten? Und was macht es aus unserer Kommunikation? Wird die Verknüfung von # & Begriff fester Bestandteil unserer Sprache? So wie sich einst LOL, HDL und BFF in unsere verbale Welt schlichen. Wird man sich irgendwann auch als uncool outen, wenn man HashtagTGIF oder HashtagDealbreaker durch die Flure ruft? Hach, was die digitale Welt mit unserer Sprache macht – es ist schon ein seltsames Phänomen.

Auch überraschend ist: plötzlich spricht niemand mehr von der allseits so gefürchteten Komplettüberwachung. Von der gefährlichen Transparenz des eigenen Lebens. Nineteeneighty-Four ist der fröhlichen Vertaggung des eigenen Lebens gewichen. Das Netzwerk hat dem Wort Transparenz eine ganz neue Bedeutung gegeben. Im Jahr 2014 zählte Instagram bereits 20 Milliarden Bilder. Statistiken aus diesem Jahr zufolge kommen jeden Tag etwa 26.4 Millionen neue Beiträge dazu.

#holymoly! #wasfüreinewundersameweltinderwirleben.

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dance now. think later.

Tanzende Menschen sind etwas wunderbares. Es lohnt sich, hin und wieder am Rand zu stehen, statt mittendrin zu sein. Zu beobachten, wie sie ihren eigenen Rhythmus zur Musik finden, mit ihrem Tanzpartner Standardtänze neu erfinden oder in größeren Gruppen zu einem einzigen, sich bewegenden Etwas verschmelzen. Und das völlig unabhängig vom Alter – tanzende Menschen sehen schön aus.

Schade ist, wir tun es viel zu selten. Und oftmals brauchen wir ein paar Schlückchen Alkoholisches um uns locker zu machen. Je angetüdelter, desto befreiter. Je befreiter, desto Kopfungesteuerter tanzen wir. Dann ist es egal, wer zuschaut. Dance like no one is watching. So sollte es immer sein. Aber wir sind so gefangen in unserer Alltagsrolle, im stets professionellen und kontrollierten Auftreten, dass wir einen Moment brauchen, bis wir es schaffen, aus dieser Rolle zu schlüpfen.

Am Wochenende habe ich eine Gruppe von fremden Menschen beim Tanzen beobachten können. Privatparty, etwa 70 Gäste. Ein paar der Gäste kannte ich von Erzählungen oder habe nur kurz mit ihnen gesprochen. Zeit für eine kleine Sozialstudie. Es ist spannend, zu sehen, wie deckungsgleich der erste Eindruck mit dem Tanzstil sein kann. Da sind die gutmütigen, die lieben, die die selten oder nie ausbrechen und sich in ihrer Beständigkeit sehr wohl fühlen. Ein bisschen schüchtern, lieber im Hinter- als im Vordergrund. Sie tippeln zaghaft auf einer Stelle, konzentrieren sich bewusst auf ihren Tanzpartner – sei es Freund oder Freundin und sind sich nicht so ganz sicher, ob sie sich tatsächlich wohlfühlen oder lieber wieder an die Bar oder in ein Gepräch flüchten wollen.

Das andere Extrem sind die, die die ganze Tanzfläche dominieren. Davon gibt es bei der Gruppengröße immer mindestens ein oder zwei Gäste. Im fliegenden Wechsel wandern sie zwischen den Tanzgästen umher und tanzen allen und jeden an, egal ob DJ oder ältester Gast. Sie brauchen Aufmerksamkeit. Viel davon. Und Körpernähe. Sie umarmen, busseln, knutschen was das Zeug hält. Ob gleichgeschlechtlich oder nicht. Ein gewisser Alkoholpegel ist an dieser Stelle nicht ganz unwahrscheinlich. Ein bewusst gesteuerter Kontrollverlust gehört einfach dazu. In der Regel sind das genau die Menschen, die auch im Alltag gern die kleinen Rebellen sind. Oder die, die gern Rebellen sein wollen, aber es einfach nicht hinbekommen. Die die Aufmerksamkeit mögen, oder gar brauchen. Die Lauten, die mit den immer aufregenden Geschichten.

Und dann sind da die, die das Gruppengefühl brauchen. Die allein irgendwie verloren sind, aber in der Gruppe aufgehen. Das sind auch die Personen, die es nicht akzeptieren können, dass jemand am Rand steht, an der Bar oder Unterhaltungen führt. Sie tauchen plötzlich auf, fixieren ihr potentielles Tanzopfer und ziehen es auf die Tanzfläche. Ein Nein wird nicht akzeptiert. Je weniger Personen auf der Tanzfläche, desto weniger erträglich für sie.

Gern werden aus Tanz-Duos auch große Gruppen von Tanzenden, die einander anfassen, umarmen. Das ist besonders schön zu beobachten, wenn man weiß, dass diese Menschen bereits seit vielen Jahren befreundet sind. Im Alltag sagt man sich ja selten, wie glücklich man ist einander zu haben. Beim Tanzen weiß man es auszudrücken. Die Musik und der Alkohol machen uns ein bisschen emotionaler und ein bisschen anhänglicher als wir es normalerweise sind und, vielleicht auch, zeigen wollen.

Es gibt aber auch die, die es genießen für sich zu tanzen. Zwar mögen sie es, andere um sich zu haben und ihre Freude via Mimik und Gestik zu kommunizieren. Sei es die Euphorie über bestimmte Songs, oder auch einfach nur über den Akt des Tanzens an sich. Aber gleichzeitig versinken sie auch in der Musik und sie würden es kaum merken, würden sie plötzlich allein auf der Tanzfläche stehen. Das sind die Augenverschließer. Die, die plötzlich merken, dass der Alltag ganz weit ist. Die sich wünschen, die Nacht wäre ein nicht enden wollender Tanz.

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Diese heterogenen Tanz-Charaktere können die Tanzfläche tatsächlich zu einem kleinen winzigen Ausschnitt unserer Gesellschaft machen. Und wenn die Gesellschaft, so wie am Wochenende, größtenteils aus Gästen im Alter 35+ besteht, dann empfinde ich es schon fast als Beruhigung, wie absolut zeitlos diese Art von Bewegung sein kann. Wer die Moves in jungen Jahren hat, hat sie auch im Alter. Wer Spaß am Tanzen hat, wird immer Spaß daran haben. Wer sich wohl fühlt, wer los lassen kann, wer darin aufgeht, der wird nie aufhören.

Tanzende Menschen sind schön. Let`s dance all night. Dance like no one is watching.

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thehalifaxjungle.tumblr.com

pop up und wech.

Es ist zum Trend geworden, auf den Überraschungseffekt zu setzen. Das Neue, das Temporäre, das Limitierte… so viel glanzvoller und aufregender als das, das immer da ist. Pop-up nennt sich das Phänomen im Fachjargon. Davon gibt es inzwischen nicht nur Stores, sondern auch alles, was sonst noch so aus dem Boden gestampft werden kann. Pop-up Dinner, Pop-up Exhibition, Pop-up Event, Pop-up Cinema,… All diese Pilze, die in Windeseile wachsen und nur von kurzer Lebensdauer sind haben in der Regel eins gemein: Sie finden an außergewöhnlichen oder exklusiven Orten statt, ihre Teilnehmer rekrutieren sie größtenteils über Social Media und ihre Attraktivität erhalten sie durch die Verknappung ihrer Leistung. In einer Welt, in der es alles im Überfluss gibt, reizt genau das, das exklusiv und rar ist.

Wie hat sich unser Konsumverhalten in den letzten Jahrzehnten aber auch verändert. Gehe ich einmal von mir aus: In meinen ersten Lebensjahren musste man nichts bewusst verknappen – es war einfach alles knapp. Wenn der Onkel aus dem Westen kam mit seinem Auto voller Aldiprodukte, die ich in meinem Leben noch nicht gesehen hatte, dann war das ein Grund für unkontrollierte Euphorie. Meine Zuckertüte zur Einschulung eröffnete mir zum ersten Mal das Tor zur Welt von Haribo und Ferrero. Kinderschokolade, Werthers Echte, Goldbären. So viele leckere Dinge auf einmal… doch ich aß sie nicht, um möglichst lange Freude daran zu haben. Man konnte ja nicht wissen, wie lange diese neue Freiheit anhalten würde. In meinem Kinderzimmer hortete ich Süßigkeiten, um sie mir bis zu einem ganz besonderen Augenblick aufzuheben. War dieser gekommen, waren die süßen Leckereien alle schlecht. Diese Erfahrung lehrte mich, dann zu genießen, wenn  Genuß und Appetit in meinem Besitz sind.

Das Internet brachte dann plötzlich noch einmal eine ganz neue Form von Verfügbarkeit. Plötzlich war da so viel Angebot und so viel von allem, egal ob wohnhaft in Millionenstadt oder 50-Seelen-Dorf. Man wühlte sich nicht mehr durch dicke Kataloge, schickte Bestellungen per Post ein oder diktierte endlose Bestellnummern dem freundlichen Herrn am Ende der Hotline. Wir konnten alles haben! Und nicht nur das: auch im stationären Handel gab und gibt es immer mehr. Neue Produkte, neue Läden, neue Malls. Es ist wie Schlaraffenland, nur mit EC-Karte und nicht so schön quietschebunt und süß, wie ich mir das immer vorgestellt habe.

Tja und nun, nun sind wir alle so verwöhnt vom Überangebot, dass der Wunsch nach jenen Gütern und Leistungen aufkommt, die nicht in Massen erhältlich sind. Die besonders sind, zu denen wir eine andere Verbindung aufbauen können. Pop-up Stores, zum Beispiel, bieten Produkte an, die limitiert und nicht überall verfügbar sind. Pop-up Exhibitions zeigen Werke, die es sonst nicht zu sehen gibt. Pop-up Dinner vereinen Kochkunst und Ambiente, das es sonst nicht zu erleben gibt.

In den Genuss eines derart besonderen kulinarischen Erlebnisses bin ich letztes Jahr gekommen, als ich am Pop-up Dinner von „Wild und Wiese“ teilnahm. Die beiden Köche haben sich einen ungewöhnlichen Ort für ihr 4-Gänge-Menü gesucht. Im Krematorium im Wedding dinnierte man an langen Tafeln zu beeindruckenden Lichtinstallationen und DJ-erzeugten Klängen. Die Kombination aus Sehen, Schmecken und Hören, die bei normalen Restaurantbesuchen nicht in solch hohem Maße positiv besetzt wird, machte diesen Besuch zu viel mehr als „nur“ essen gehen. Bei hochsommerlichen Temperaturen ein Gefühl wie im fernen Urlaub…

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Bei meiner Recherche zum Thema Pop-up stieß ich auf „The Pale Blue Door“ von Tony Hornecker. Der Londoner Künstler, so könnte man vermuten, brachte den Pop-up Stein 2010 ins Rollen. Er schuf kleine, von persönlichen Erinnerungen behaftete Häuser, in denen Gäste in den einzelnen Räumen dinnieren konnten. Mit diesem Projekt tourte er durch sechs verschiedene Länder und gewann enorme mediale Aufmerksamkeit. Die Installationen, sie sind ein Mix aus Phantasie und Realität. Sie erinnern an lebensgroße Puppenhäuser oder die Werke von sehr talentierten Kindern, die man zu lange im Garten hat allein gelassen.

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Anscheinend sehnen wir uns beim Konsum, beim Genuss, nach mehr Emotionalität, nach echten Erlebnissen, nach etwas anderem als nur einem Bild auf einem Screen und dem Klick auf den Warenkorb. Und es funktioniert. Ich habe schon viele wunderbare Pop-up Stores gesehen, die so viel mehr Atmosphäre kreiert haben, die so viel emotionalisierter waren, als der stationäre Handel, der sich, gefühlt, seit Jahren in Hinblick auf das Einkaufserlebnis nicht weiter entwickelt hat. Was so schade ist, schimpft er doch immer, dass der böse Onlinehandel ihn überrollt. Wo bleiben denn die innovativen Ladenkonzepte und die Strategien zur Kundenbindung (nein, ich meine damit nicht die wahrlich abenteuerliche Möglichkeit des Herze oder Punkte sammelns). Vielleicht sollten sich die Alteingesessenen mal ein Beispiel am jungen Pop-Up-Trend nehmen.

Sind wir gespannt, wie lange dieser Trend anhält, welche neuen Pop-ups noch folgen und was als nächstes kommt. Ich hätte nichts gegen ein paar Ben&Jerry Pop-Up Eistheken (gern in der Berliner Zimmerstraße) oder wie wäre es mit Pop-up Konzerten. Florence + the Machine, Mumford & Sons – ich flüstere euch jetzt mal, dass ihr diesen Trend auf keinen Fall verpassen solltet…

auf tempelhofer spuren.

Wir alle haben unsere Lieblingsorte in dieser Stadt. Orte an die wir regelmäßig zurückkehren. Die wir mit etwas verbinden. Die es uns ermöglichen Dinge zu tun, die wir mögen. Orte, die wir als schön empfinden, befreiend, ruhig oder imposant.

Ich ertappe mich immer wieder dabei, an Orte zurückzukehren, über die ich tatsächlich viel zu wenig weiß. Allerhöchste Zeit also, mal wieder in den Recherchemodus zu verfallen. Ort des Interesses: Flughafen Tempelhof. Natürlich kennt man als Berliner die Geschichte der Berlin-Blockade und der Luftbrücke, man weiß den Bau zeitlich einzuordnen, man erinnert sich an die Schließung 2008 und die vielen Diskussionen die es hinsichtlich seiner Zukunft gab. Aber das ist letztendlich doch nur ein kleiner Tropf auf dem Historienstein – es gibt so viel mehr zu entdecken.

Es ist wichtig sich der Geschichte bewusst zu sein, denn gewissermaßen ist das doch auch eine Form von Wertschätzung. Wir wandern heute wie ganz selbstverständlich über diese unfassbar große Fläche. Wir sehen die überdimensional großen Flughafenhallen, skaten & joggen über ehemalige Start- und Landebahnen, picknicken und grillen, stellen die wildesten Sachen mit Drachen und Windböhen an, tanken Sonnenstrahlen und Erholung. Wir lieben dieses Gelände für seine Weite, das Gefühl von Freiheit und für den Freiraum, der rar ist in Berlin. Nirgendwo anders in dieser Stadt befinden sich so wenig Menschen auf so viel Fläche.

Der Flughafen wurde auf einem ehemaligen Exerzierplatz erbaut. Hier fand bereits 1909 der erste Motorflug statt. Es folgten viele Demonstrationsflüge, die auf großes öffentliches Interesse stießen. Das Tempfelhofer Feld war gar Schauplatz für den ersten Passierflug über 1.35h und den Höhenrekord von 172 Metern. Für das Jahr 1909, wie ich finde, eine erstaunliche Leistung. Im selben Jahr flog ein gewisser Hubert Latham den ersten Streckenflug über eine Stadt – von Flughafen Tempfelhof zum Flugplatz Johannisthal (nahe Adlershof).

1922 überlegte man das Gelände für Messen zu nutzen, entschied sich dann aber doch für die Rolle als Zentralflughafen. 1924 wurde die heute noch bestehende Berliner Flughafen-Gesellschaft gegründet und der Ausbau des Flughafens begann. Dazu gehörten auch die drei westlichen Hallen, die sich schnell als zu klein erwiesen, woraufhin die drei östlichen Hallen mit einer Höhe von acht Metern gebaut wurden. Über den ebenfalls neu eröffneten U-Bahnhof Flughafen (heute Paradestraße) konnte der Flughafen erreicht werden. Interessant: Diese Flughafenanbindung war seinerzeit weltweit einzigartig. Doch nicht nur die Anbindung ans öffentliche Netz war ein Novum. Nach dem weiteren Ausbau des Flughafens, der 1930 folgte, um auf die rasche Entwicklung des Luftverkehrs zu reagieren, stand Tempelhof mit seinem Verkehrsaufkommen noch vor London, Paris und Amsterdam.

Erneut stieß der Flughafen schnell an seine Kapazitäten und so entschied man sich 1934 für einen weiteren Neubau. Architekt Ernst Sagebiel wurde beauftragt ein bauliches Konzept zu entwickeln, das der monumentalen Architektur des Nationalsozialismus entsprach und bis zu 6 Mio. Passagiere pro Jahr befördern konnte. 1936 begann der Bau, die Fertigstellung des Gebäudes erfolgte 1941. Für zwei Jahre war das neue Flughafengelände mit einer Fläche von 307.000 Quadratmetern das Flächengrößte Gebäude der Welt, bevor es vom Pentagon abgelöst wurde. Der britische Architekt Lord Norman Foster bezeichnete Tempelhof eins als „Mutter aller Flughäfen“, da er der Bau erstmalig alle Anforderungen eines modernen Flughafens vereinte und zur Zeit seiner Fertigstellung, in dieser Form einmalig war.

Während des Baus des „neuen“ Flughafens kam es übrigens zu keinerlei Beeinträchtigungen des Flugverkehrs da das neue Gelände quasi um das alte herum konstruiert wurde und man verschiedene umliegende Bereiche wie Volkspark, Sportplätze und Kleingartenflächen einbezog. Der U-Bahn-Zugang verschob sich im Zuge des Baus des neuen Flughafen-Geländes zum Bahnhof Kreuzberg, der damals in Flughafen umbenannt wurde und heute Platz der Luftbrücke heißt.

Für mich auch besonders interessant zu erfahren: Von Oktober 1939 bis Märze 1940 befürchtete man eine Bombardierung des innerstädtischen Flughafens, so dass man die zivilen Passagiere mit Bussen zum Flughafen in Rangsdorf transportierte – der Nachbarort meines Heimatdorfes am Rande von Berlin, von wo aus Stauffenberg seinen Anschlag auf Hitler startete.

Der weitere Ausbau des Flughafens wurde Ende der 30er Jahre eingestellt. Hermann Göhring entschied Teile der Produktion eines Flugzeugwerks nach Tempelhof zu verlagern, wodurch der Flughafen zu einem der größten Endmontagewerke für Bomber weltweit wurde. Man produzierte größtenteils in den unterirdischen Anlagen des Flughafens. Hier wurden ab ´39 viele Zwangsarbeiter eingesetzt, die entlang des Columbia-Damms und des Tempelhofer Felds in Baracken untergebracht waren.

Der „neue“ Flughafen wurde tatsächlich nie ganz fertig gestellt. Während des Krieges wurde er durch Alliierte Angriffe immer weiter beschädigt. Kurze vor Ende des Krieges stellte man den zivilen Luftverkehr dann auch aus Mangel an Treibstoff gänzlich ein. Die letzte Lufthansa Maschine flog im April 1945 von Tempelhof nach Warnemünde.

In der Schlacht um Berlin eroberte die Rote Armee Tempelhof. Hitler gab anscheinend den Befehl der kompletten Zerstörung des Flughafens durch Sprengung, dem man sich aber widersetzte. Lediglich die Haupthalle wurde durch eine Sprengung für einige Zeit unbenutzbar. Alle Teile des alten Flughafens dagegen wurden zerstört und der unterirdische Bunker samt Filmarchiv brannte komplett aus.

Im Juli ´45 übernahmen dann die Amerikaner den Flughafen und es begannen die Aufräumarbeiten, so dass man bereits im August den Flugbetrieb wieder aufnehmen konnte.

Eine ganz neue Bedeutung erhielt der Flughafen, der in den Jahren nach Kriegsende größtenteils als militärischer Stützpunkt diente, im Jahr 1948, als die Sowjetunion alle Straßen und Schienenverbindungen nach West-Berlin sperrte. Eine trotzige Reaktion auf die Währungsreform – für das noch immer in Trümmern liegende Berlin, in dessen Westsektor 2.2 Millionen Menschen lebten, die komplett von der Belieferung von außen abhängig waren, eine Katastrophe. Über fast ein ganzes Jahr war West-Berlin von der Belieferung über die Luft abhängig. Die Amerikaner optimierten das Prinzip Luftbrücke, so dass man die Fracht von 750 Tonnen auf 2000 Tonnen pro Tag steigern konnte. Dies funktionierte größtenteils darüber, dass man 3 Luftkorridore beflog, die als Einbahnstraßen fungierten. Die äußeren Korridore wurden für die ankommenden Flüge genutzt, der mittlere für die Abflüge. Jedes ankommende Flugzeug hatte nur einen einzigen Landeversuch – wenn dieser scheiterte, musste es wieder zurück fliegen. Bei der straffen Taktung von 3 Minuten pro Flugzeug verständlich. Zeitweise landete gar alle 90 Sekunden eine Maschine in Tempelhof. Nach 30 Minuten musste jedes Flugzeug wieder starten. Den Abwurf von Gütern hatte man nach einer kurzen Testphase wieder eingestellt, da es sich als unzweckmäßig herausstellte.

Nicht nur Amerikaner transportierten die Hilfsgüter nach Berlin. 33% davon übernahmen die Briten. Neben den Amerikanern und Briten unterstützen auch Piloten aus Australien, Neuseeland, Kanada und Südafrika.

Im Mai 1949 sah sich die Sowjetunion schließlich veranlasst, die Blockade aufzulösen. Unglaubliche Mengen an Fracht wurden während der Zeit der Berlin-Blockade transportiert. In 277.569 Flügen bewegte man 1,5 Mio. Tonnen Kohle, knapp 500.000 Tonnen Lebensmittel, 160.000 Tonnen Baustoffe und knapp 230.000 Passagiere. 83 Personen verloren bei Flugunfällen ihr Leben.

Eine ganze Menge Geschichte also und das alles ist nur eine Zusammenfassung der markantesten Eckpfeiler. Erinnern wir uns also beim nächsten Besuch an die bewegende Geschichte dieses mächtigen Areals und vergessen sie nicht. Ganz gleich, wie sich der Ort in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird.

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und jährlich grüßt das murmeltier.

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Es kommt mir vor, als hätte ich vor ein paar Wochen erst das Jahr 2014 Revue passieren lassen. Nun hängt 2015 in den letzten Atemzügen. Der Puls wird ruhiger, das Tempo gedrosselt, die Welt ein wenig langsamer, bevor wir uns alle im neuen Jahr, im gleichen rasanten Tempo wiederfinden.

Während 2014 chaotisch, unruhig, miesepetrig war, konnte 2015, wie erhofft, vieles, was 2014 verbockt hatte, wieder gut machen. 2015 hat ganz viel neu gemacht und ganz viel gut. Diesmal sagt der Blick zurück nicht „Möge das  neue Jahr anders werden“, sondern „Möge das neue Jahr so bleiben“.

Jeder von uns blickt zurück und erinnert sich an ein paar Ereignisse ganz besonders detailliert, während andere in zarten Skizzen verschwimmen. Bei all den Sinneseindrücken, die da permanent auf uns einprasseln, fragt man sich doch, warum bestimmte Momente, Situationen, Emotionen besonders im Gedächtnis bleiben. So erinnere ich mich an den heißen Sommer vor allem anhand der Erinnerung an einen Abend, an dem ich um 20 Uhr durch die stehende 35 Grad heiße Berliner Luft radelte, um mit Freunden im Weinbergspark zu liegen und bei der kurzen drei-minütigen Regenhusche Luftsprünge zu machen. Ich trug ein rotes Kleid, war beladen mit frischen Sommer-Sale Schnäppchen aus meinem Lieblingsladen und kaufte auf dem Weg Oliven ein. Ich erinnere mich noch daran, wie großartig die sich abkühlende Luft angefühlt hat. Das wiederum führt zu vielen anderen Abenden draußen bei Wein und Käse, Wanderschaften entlang der Spree, auf Decken sitzen, Kietzbummeleien und plötzlich erscheint das ganze Jahr wie ein einziger Berliner Hochsommer, der hätte nie zu Ende gehen müssen. Hach, es lebe die selektive Erinnerung.

Die Monate im Büro dagegen verkleben zu einem einzigen Erinnerungsbrei. Wenn auch ein guter Erinnerungsbrei – eine Erleichterung nach 2014. Natürlich blickt man zurück und kann sagen, was man alles gemeinsam erreicht hat. Aber Details lassen sich nur anhand von ganz bestimmten Ereignissen rekonstruieren. Dieser Alltagstrott, er raubt uns ganz anscheinend die Erinnerung.

Umso wichtiger ist es, den Trott durch selbst kreierte Ereignisse und Höhepunkte zu durchbrechen. Abstecher in die Natur, Sprünge auf Heuballen, Picknicke am See, Ausflüge in Weinberge, fremde Städte erkunden, beste Schokolade essen, fürstlich dinieren, vom Meer erwischt werden, Füße in den Strand stecken, lachen bis zum Bauchweh, Apfelbäume lieben lernen, vermissen & sich freuen, lauthals und schief singen, wild tanzen.

Dieses Jahr hat uns erneut gelehrt, uns nicht mehr von Dingen tangieren zu lassen, die wir sowieso nicht ändern können. Geklaute Fahrräder zum Beispiel oder verplante Flüge. Zumindest geben wir uns allergrößte Mühe. Wir haben aus 2014 gelernt, wenden es an und merken, dass es manches einfacher macht. Weniger aufregen zum Beispiel. Oder Arbeit, die Spaß macht. Urlaub nehmen. Seine Meinung sagen. Wir haben keine Vorsätze für 2016, behaupten wir, und doch haben wir insgeheim bereits ein paar persönliche Ansprüche im Kopf fest verankert. Das oberste Ziel aller: jauchzend durch 2016 zu wandern.

Happy new year everyone!

 

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Berlin verlassen.

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Düsseldorf entdecken.

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In Portugal verlieben.

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Herbstsonne tanken.

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Stark fühlen.

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Barfuß sein.

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Draussen tanzen.

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Im Park liegen.

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Basel erkunden.

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Zeit mit dem besten Hund verbringen.

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Natur tanken.

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Hamburg wiedersehen.

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Wald riechen.

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Freundschaften pflegen.

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Kennenlernen.

 

zwischen fado & selfiesticks.

Eigentlich gab es da einen Plan für die zwei Wochen Urlaub – für die vollen 10 Tage ohne die üblichen Verpflichtungen, dem sich immer ähnelnden Tagesablauf und dem ständigen aber doch stets scheiternden Wunsch in 40h+ Arbeitswochen Beziehung, Freunde, Sport, Kreativität und viel Schlaf zu quetschen.

Der Plan war unter anderem: Viel Sehen, viel Lesen, viel Schlafen, ein bisschen Schreiben, ein bisschen Sport. Lissabon war der auserkorene Ort für diese bescheidenen Bedürfnisse. Eine Stadt, in die es dieses Jahr gefühlt jeden zweiten aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zog.

Ich kann bereits vorweg nehmen, dass der Plan hinsichtlich ein bisschen Schreiberei kläglich scheiterte. Beim Gedanken daran, einen Laptop aufzuklappen – dieser tägliche, all morgendliche Handgriff, der sich im Laufe eines Arbeitstages unzählige Male wiederholt; die Vorstellung vom konzentrierten Blick auf den Bildschirm, dem Gefühl der Tasten unter den Fingern – erschauderte ich und der Raum, der eigentlich da war, um Worte auf digitalen Seiten erscheinen zu lassen, wurde vom Bedürfnis eingenommen, Eindrücke letztlich nur in Bildern einzufangen und zu teilen.

Bilder von einer Stadt, die ihre glanzvollste Zeit bereits hinter sich gelassen hat. Die trotz ihrer gerade mal 500.000 Einwohnern eine beachtliche Größe hat, weil sie von Touristen durchspült wird. Die Spaziergänge zu Mini-Workouts werden lässt, weil beachtliche Höhenunterschiede bewältigt werden müssen. Die nicht viel von breiten Gehwegen hält. Eine Stadt mit ihrem charakteristischen Fliesen-Dekor an den Außenwänden der Häuser. Vielerorts wunderschön, pittoresk und doch oft mit einem morbiden Charme versehen. Leerstand in bester Lage, baufällige, vor sich hin modernde, allein von Tauben bewohnte Gebäude mit zugemauerten oder fest vernagelten Fenstern.

In einer Ausgabe des Spiegels hieß es 1992 „Die Hauptstadt des Weltschmerzes soll zur High-Tech-Metropole umgebaut werden“. Es herrsche Aufbruchsstimmung. Nun, es mag viel passiert sein, in diesen letzten 23 Jahren, doch ein Großteil der Baukunst, die damals schon vor sich hin bröckelte, tut es auch heute noch. Ich war erstaunt über so viel Leerstand, über so viel Verfall. Die vielen Baustellen erscheinen wie Tropfen auf dem heißen Stein des Restaurierungsbedarfs. Zu einer High-Tech-Metropole hat sich die Stadt nicht gemausert, aber das würde auch gar nicht zu ihrem Charakter passen.

Der Kontrast zwischen alt & neu, zwischen traditionell & modern – er sticht in Lissabon besonders hervor. Während man zwischen Wäscheleinen an Häuserwänden entlang wandert, auf denen Großmutters Schlüppis hängen und Tuk Tuks an einem vorbei rauschen, sieht man Verkäufer Selfiesticks anpreisen, bekommt man offensichtlich und ohne Zurückhaltung Hasch angeboten, hört man das Hupen der großen Freizeitdampfer, die ihre Passagiere zurück in die Arme des All-Inclusive Entertainment-Programms holen. Moderne Restaurants zäumen das Ufer des Tejo, allesamt im reduzierten, geradlinigen Stil, wenn nicht gar mit der allseits beliebten industriellen Note versehen. Im Mercado da Rebeira – einer riesengroßen Markthalle, wie man sie genauso in Berlin finden könnte – essen und trinken sich Touristen und vor allem die jüngeren Generationen der Portugiesen durch ein riesiges Angebot an allem, was das internationale Herz eines jeden Geniessers begehrt – umgeben von Elektro-Beats und lautem Stimmengewirr. Während man in Alfama am späten Abend durch die schmalen Gassen wandert, von den Klängen des Fado umzingelt und in kleinen Restaurants einkehrt, die alsbald Käse, Brot und Butter servieren. Im Bairro Alto, dem historischen Zentrum, schieben sich die Touristen über das Kopfsteinpflaster, essen dort, wo es Menükarten in vier Sprachen mit vielen bunten Bildern gibt, während man versucht ihnen Sonnenbrillen, blinkende Mickey-Maus-Ohren und Hüte zu verkaufen.

Des nachts erwacht Lissabon sowieso erst zum Leben und erstrahlt in einem ganz anderen Licht. Die Dunkelheit legt sich wie ein Weichzeichner auf die Stadt, das Licht der alten Laternen kreiert einen natürlichen Sepia-Effekt, dessen Wirkung auf die Atmosphäre der Stadt sich irgendwo zwischen verwegen, romantisch und geheimnisvoll bewegt. Jede Stadt mag des nachts ein anders Gesicht zeigen, als am Tage – in Lissabon ist mir der Unterschied besonders aufgefallen.

Diese Reise nach Lissabon, sie hat sich manchmal angefühlt wie eine Reise in längst vergangene Tage. Diese wahnsinnig alt erscheinenden Bauten, die man einst mit sehr viel Liebe zum Detail erbaut hat, nun zum Teil nur noch ein Schatten ihrer Selbst sind. Meine Wahrnehmung bewegte sich irgendwo zwischen absoluter Faszination und großer Verwunderung. Verwunderung über so viel Leerstand und so viel Fläche, die in meinen Augen eines Laien nur schwer wieder restauriert und saniert werden kann.

Nicht nur Lissabon sollte jedoch entdeckt werden. Jedes Stadtkind braucht im Urlaub den Kontrast der Natur und sehnt sich zumindest für einen Moment, weit weg von Menschen und Trubel. An Portugals Küste findet man – besonders in der Off-Season – diese Abgeschiedenheit. Menschenleere Strände, nahezu unheimlich ruhige Dörfer, dafür die unruhige See mit tosenden Wellen, die in ihrer Intensität so verschieden und damit so gefährlich sind. Sammelt sich das Wasser in der einen Minute in einer zarten, den Strand beträufelnden Welle, bäumt es sich im nächsten Moment zu einer gewaltigen Masse zusammen, die den ganzen Strand, samt Fußgängerweg überflutet.

Auf dem Weg an die Algarve fährt man durch eine sich verändernde Landschaft. Findet man nahe Lissabon noch Weinreben, Oliven- Zitrus- und Granatapfelbäume, erreicht man irgendwann große Bestände der Korkeiche im Landesinneren. Kurz vor der Algarve durchquert man höhere Lagen mit Nadelwäldern aus Kiefern und Pinien. Am süd-westlichsten Punkt Europas endet die Algarve in einer felsigen, bis zu 70 Meter hohen Steilküste mit karger, baumloser Vegetation.

Schön war es liebes Portugal – ich komme gern wieder, vor allem dann, wenn du deine Strände so menschenleer zeigst. Nur werde ich beim nächsten Mal nicht die Autobahn befahren, sondern wie alle anderen klugen Portugiesen die Landstraßen, damit du lernst, dass das Prinzip Maut so nicht funktionieren kann. Und ich werde mich in acht nehmen vor deinen Wellen. Ich werde viel von deinem großartigen Rotwein trinken, frischen Fisch & Käse essen, Kaffee in kleinen Lissaboner Cafés vermeiden und dafür Espresso und Kirsch-Likör an den kleinen Kiosken trinken, die nicht nur günstig sind, sondern auch hübsch aussehen. Und wenn ich nach Sintra fahre, werde ich mir definitiv eine Jacke mitnehmen. Chau!

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vom dicken B in den strandkorb.

Jene Mitbürger, die ihre ersten Kindheitsjahre noch in der DDR verbrachten, fühlen sich zur See, genauer gesagt, zur Ostsee, sicher genauso hingezogen wie ich. Viele schöne Optionen von Reisezielen gab es schließlich nicht. Keine Dreh-den-Globus-und-Finger-drauf-Spielchen. Ich hörte meine Eltern nicht sagen „Oh, in Guatemala sind wir ja noch nie gewesen, da sollen wir unbedingt mal hin!“ Statt dessen durften sie aus der Vielfalt der sowjetisch besetzten Ostseebäder wählen. 

Meine Erinnerung an die Ostsee setzt sich also aus verschwommenen Bildern, Erzählungen, und Fotos zusammen. Ein Schwarz-Weiß-Film zieht sich penetrant über jedes einzelne Bild im Kopf. 

Meine erste Schulmappe zum Beispiel fand hier ihren Weg zu mir als ich vier war. Nicht, weil meine Eltern meinten, man könne das Kind nicht früh genug auf den Unterricht vorbereiten, sondern weil mein Mini-Ich sich unsterblich in das hübsche Ledertäschchen verliebt hatte. So kam es, dass ich mit einem leeren Schulranzen auf dem Rücken begeistert den Möwen am Strand hinterher jagte. Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, dass ich mit meiner Einschulung zwei Jahre später hart in die Realität der sich ständig wandelnden Taschenmode geworfen wurde. Was größtenteils mit dem Fall der Mauer zu tun hatte. Meine Version der Schultasche war out. Ohne es zu wissen, trug ich damals schon DIE Verkörperung von Old-School spazieren, die heute als ziemlich mega verdammt hip gefeiert wird. Einzug hatten damals, von heute auf morgen, die amerikanischen O’Neils und Scouts gehalten, die natürlich viiiiel cooler waren, da größer und imposanter und farbenfroher. Langsam dämmerte es mir: es gab viel zu entdecken in dieser neuen Welt. 

Auch lernte ich an der See schmerzhaft, dass nicht alle Mietzekatzen so herzzerreissend süß waren, wie mein pechschwarzes Mohrchen daheim. Dabei wollte ich doch nur mal über das weiche Fell streicheln. Das garstige Ding rächte sich sich mit einem ordentlichen Hieb und traf nur allzu gut, so dass man sich sicherheitshalber entschied eine Anzahl von Tollwutspritzen in meinen Bauch zu jagen. Als wäre das nicht alles schon dramatisch genug gewesen, suchte ich bei der Heimkehr vergeblich nach meinem Haustier. Bis zum heutigen Tag glaube ich in schwarzen Katzen meine wiedergeborene Mohrchen zu sehen. Kindheit kann brutal sein. 

Aber verlieren wir uns nicht in Details. Die Ostsee weckt Sehnsüchte & Erinnerungen. Ich werde mich wohl immer ein wenig mehr mit ihr verbunden fühlen, als mit anderen Reisezielen. Doch eins gilt es nach wie vor zu verstehen: wohin pflanzt man sein Ostseeherz denn nun? Viele Jahre lang dachte ich, der Darß sei jener Ort, den man, einmal gefunden, nie wieder her gibt. Prerow mit seinem wunderschönen Sandstrand, dessen Highlight der verwegene, wüste und stürmische Weststrand bildet. Das hübsch hergerichtete Zingst, die zuckersüßen Orte wie Wieck und Ahrenshoop.

Doch nun führte mich ein Wochenendausflug nach langer Zeit zurück auf die Urlaubsinsel meiner Kindheit. Usedom hat mein Ostseeherz im Sturm erobert. Dünenwälder und kilometerlange Strände, eine grüne, hügelige Landzunge soweit das Auge reicht. Märchenhäuser und maritimer Charme. Perfekter weißer Sand. Über 42 Kilometer erstreckt sich der Strand der Außenküste. Das längste zusammenhängende Stück, das es zu erlaufen gibt, misst ganze 8.4 km und bildet somit die längste Strandpromenade Europas. 

Die Sonne strahlte vom Himmel, als würde sie dort nie verschwinden wollen. Die zarten Zuckerwattewölkchen am Horizont haben sich – da bin ich mir ganz sicher – nur zur Deko aufgebaut. Barfüßiges Flanieren in der am Strand aufschlagenden Gischt der Wellen. Meine verblassten und vergrauten Kindheitserinnerungen haben wieder Farbe angenommen.

Eine Sache ist jedoch charakteristisch für die Ostseeküste allgemein. Zu finden auf dem Darß wie auf Usedom: Paare im Outdoor-Einheitslook – bevorzugt Jack Wolfskin – die, gewappnet gegen alle wetterlichen Widrigkeiten, sich zum Ziel gesetzt haben den Tag, komme was wolle, ohne Frösteln und Luftzug durch poröse Baumwollfasern zu überstehen! Ich warte auf den Tag, an dem die Dinger zu Dutzend im Vorteilspack verkauft werden und ich eine Großfamilie, einer wie der andere aussehend, am Strand tollen sehe. Ich werde anhalten und ein Foto machen. Versprochen. 

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Den ganzen Tag tanzen.

Ein Festival-Besuch ist gleichbedeutend mit Abschalten und Alltag vergessen. Was das konkret heißt, ist von Besucher zu Besucher verschieden.

Der gemeine weibliche Festival-Gänger tupft sich Glitzer ins Gesicht und setzt sich ein Blumenkränzchen aufs Häuptchen. Der männliche dagegen greift zum Filzstift, um sich einen oder mehrere Penisse auf Gesicht oder Bekleidung zu malen und freut sich, wenn er eine Scream-Maske oder einen pinken Bademantel auftreiben kann, mit dem er stolz durchs Festivalgelände zieht. Weniger vertreten, aber doch nicht selten sind jene, die sich in Ganzkörperfrotteeanzüge stecken, um ihre Festival-Tage als Kuh, Affe, oder Winnie the Pooh zu verbringen. Und dann sind da noch die, die im Voll- und Dauerrausch nicht in der Lage sind sich in irgendwas zu verwandeln und statt dessen johlend und grölend ihre Saufkumpanen in Schubkarren durch die Gegend fahren, einen gewissen Zerstörungswahn ausleben, in dem sie Schach-Matt mit Zelten spielen und ihr Bier beim Konzert nicht trinken sondern durch die Menge schmeißen.

Ein Festival-Besuch ist also immer wieder ein kleines Erlebnis. Das wichtigste ist aber natürlich die Musik, das Drumherum nur eine zu bestaunende, interessante, bunte, verstörende, wilde Begleitung, auf die man verzichten könnte aber nicht möchte. Wenn dieses Potpourri aus Besuchern zu Tausenden vor einer Bühne steht und den Stimmen ein paar weniger oder gar eines Einzelnen folgt, dann wird eh alles eins und man vergisst die dramatischen Anblicke, die sich angesichts von Dixie-Klos und Zeltlagern unfreiwillig zeigten.

Und so wird gesungen und gesprungen, frische Luft geatmet in Dosen wie man es schon ewig nicht mehr getan hat. Und ein ganz anderer Tagesrhythmus gelebt, der sich nach dem Line-Up richtet und der Frage „Wann spielt wer wo?“. Zwischen den Auftritten wandert man durch eine kleine Phantasiewelt, in der es nur um Spaß, Nervenkitzel, Alkohol und Köstlichkeiten geht. Umso härter das Aufeinandertreffen von Alltag auf Festival-Rückkehrer. Schmerzhaft, sich wieder Regeln fügen zu müssen. Still zu sitzen statt rum zu wackeln, ans Fenster zu müssen um Frischluft zu atmen.

Komm‘ – lass uns tanzen gehen.

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Ameisen.

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Phantastische Wesen.

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Juhu, Sonne!

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Sunglass-Selfie.

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Drei Tage kein Beton.

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Alle holen ihre Gummistiefel raus.

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Volle Konzentration.

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Aftermath.

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Von beherzten Sprüngen auf Heuballen.

Das Geheimrezept für einen perfekten Sonntag kannte ich an sich schon. Kein Stress, liebe Menschen, eine hübsche Umgebung, gutes Essen. Sind wir mal ehrlich, viel mehr braucht man doch nicht. Ich möchte mir dennoch erlauben etwas anspruchsvoller zu werden. Ergänzend und präzisierend füge ich hinzu: Wald, Wiese, See, Heuballen, Störche, Rehe, Pferde, Fahrrad, Käsebrote, ein von Schleierwolken durchzogener blauer Himmel. Sommer.

Ja mei, wer hätte gedacht, dass der Norden von Berlin so ein zauberhaftes Fleckchen Erde sei. Ich gestehe, meine Vorstellung war ein wenig von Vorurteilen behaftet. So ganz kann ich nicht rekonstruieren, wie sich diese Vorurteile manifestierten (wie das ja häufig so bei Vorurteilen ist), jedenfalls zog es mich bisher bevorzugt in sämtliche andere Himmelsrichtungen. OK, ich bin ehrlich, meist zog es mich an die immer gleichen Eckchen: Heimat (also Süden) oder gen Wannsee. Wie lange man doch manchmal braucht, um Orte zu entdecken, die so nah sind.

Diese wunderbare, nahezu Menschenleere Gegend kann ich als Ausflugsort wirklich nur jedem ans Herz legen (fast jedem – es soll schließlich ein beschaulicher Ort bleiben). Von Bernau aus folgt man ganz einfach dem Radweg, der, wenn man ihm kraftvoll und See-hungrig folgt, direkt an die Ostsee führt. Diese Strecke von Berlin nach Usedom ist seit gestern auf meiner to-do-Liste derer Dinge, die man sich vornimmt und dann seeeehr lange braucht, bis man sie tatsächlich in die Tat umsetzt. Mein Anspruch an meine Realisierungspläne seien an dieser Stelle jedoch wirklich ernst zu nehmen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich bereits mit vollen Fahrradtaschen, 25 Litern Wasser und einem wund gesessenen Hintern über die Fahrradwege flitzen.

Während man den Blick über die weiten Wiesen streifen lässt, die majestätischen Windräder aus der Nähe bestaunt, den Geruch von frisch gemähtem Gras einatmet und überlegt, warum das kleine Wölkchen dahinten am Himmelsdach an einen Mumin erinnert, vergisst man all das, das es an einem Sonntag zu vergessen gilt. Der Blick auf die nächste Woche löst sich in Luft auf.

Das schöne an dieser Gegend ist die landschaftliche Abwechslung. Weites Feld, Wald, See. Erreicht man den als Endziel auserkorenen See, so steht selbstverständlich fest, dass eine ausgedehnte Rast dazu gehört. Punkt. Dazu gehört die Picknickdecke mit all ihren köstlichen Details und eine Badehose, wahlweise Bikini oder einfach nüscht, wenn sich ganz doll gern hat. Und wenn der Tag sich dann dem Ende neigt, das Licht sich dämpft und die ersten Mücken ihren Durst stillen, dann guckt man auf einen stillen See, nippt am Vino und denkt sich: Es sind halt doch die kleinen Dinge. 

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More pictures to come…

vom woanders sein.

In Europa zu wohnen hat einen ganz klaren Vorteil im Vergleich zu riesengroßen und isolierten Ländern wie beispielsweise USA, Kanada und Australien. Innerhalb von minimaler Flugzeit ist man in einem anderen Land. Und fliegt man, so wie ich, an diesem Wochenende nach Basel, dann hat man sogar die Wahl zwischen drei Ländern. Was für ein Luxus. So kann man seinen Freitag in Deutschland verbringen und durch die grünen Wiesen streifen, am Samstag Basel entdecken und sich im Genuss von Schweizer Schokolade suhlen und am Sonntag die Einsamkeit der französischen Weinreben kennenlernen. Als wäre das nicht genug, schwingen im Gedanken noch all die anderen verlockenden Optionen mit: Ein Abstecher nach Paris und seiner schönsten Kirche Sacré-Cœur; ein kleiner Ausflug zum Gardasee, Pasta Pomodoro und Gelato; ein Besuch des Praters mitsamt Mozartkugelpicknick.

Die Region um Basel sollte fürs Erste jedoch genügen, wickelte sie ihre Besucher doch allein mit strahlendem Sonnenschein und menschenleerer Natur um den Finger. Wie lieb kann man Berlin da haben, wenn man nach einem viel zu kurzen Wochenende bei klarer Luft, Vogelgezwitscher, Weitblick, Wiesen- und Weinbergwanderungen von Easyjet unsanft zurück in den Alltag geflogen wird.

Kaum hat man den Flughafen verlassen und besteigt ein öffentliches Verkehrsmittel, so schlagen einem Gerüche entgegen, die Wiese und Kuhnmistgeruch zu einem Odor werden lassen, an den man sich gern zurück erinnert. Motz und Straßenfeger sind allgegenwärtig, viel zu viele Menschen wuseln herum, die eigene Wohnung ist zu klein geworden.

Das macht die Provinz also mit uns: sie verwandelt in klaustrophobische Misanthropen.

Aber: Wie wunderbar, dass man diese Kontraste selbst herbeiführen kann. Gegensätze sind gut, nur so wissen wir den Charakter einzelner Dinge zu schätzen, zu lieben, zu fürchten, zu vermissen. Langsamkeit & Tempo, Stille & Lärm,  Überstunden & nichts tun, Genuss & Abstinenz, Leggings & Bleistiftrock, Lachen & Weinen, Massen & Menschenleere, Weitsicht & Hochhäuser, Luftmatratze & eigenes Bett, Gemeinsamkeit & allein sein, Filterkaffee & Siebträgerespresso. Die Liste ließe sich endlich fortführen. Und manchmal, ja manchmal da macht das Erleben eines Kontrastes etwas mit uns. Und wenn es nur der Drang nach Veränderung ist. Aber vielleicht ist daran auch nur der Frühling schuld.

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von kleiderschrankkrisen & anderen geschichten.

Trotz der riesengroßen Onlinewelle: ein treuer Fan des stationären Handels bin ich stets geblieben. Ich liebe es durch die Läden zu streifen, zu stöbern, die Warenpräsentation zu begutachten, das Interior-Design zu vergleichen, anzuprobieren (mal mehr mal weniger) und dann im Idealfall das Erstandene direkt im Beutelchen nach Hause zu tragen.

Ein Geburtstagsgutschein hat mich am gestrigen Tage animiert, einen kleinen Abstecher in die Gegend zu machen, die das Shoppingherz ein wenig höher schlagen lässt. Rund um die Alte Schönhauser Straße tummeln sich zu viele Läden, die meine Kaufbeherrschung bedrohen. Da ein Gutschein aber selbstverständlich immer eine wunderbare Ausrede für das Betreten eines Ladens ist, zögerte ich keine Sekunde. Ziel war der jüngste Ableger des schwedischen Großkonzerns H&M, dem ich bisher noch nicht allzu oft einen Besuch abgestattet hatte.

Ein wenig Recherche zeigt, auf welch‘ lange Unternehmenshistorie Hennes & Mauritz zurück blicken kann. Das Modehaus wurde bereits 1947 gegründet, in mein Bewusstsein drängt es sich erst mit 14 oder 15 – damals war es die Erlösung von C&A, Pimpkie und Orsay. Hauptsitz des Unternehmens ist Stockholm, wo um die 140 Designer an den schnellen Kollektionen arbeiten. Denn H&Ms Devise ist: modische Ware, günstige Preise, hoher Warenumschlag. Das Sortiment setzt sich dabei aus drei Ebenen zusammen: Basics, Trends und Fashion. All dem liegt eine clevere Marketing-Strategie zugrunde, die tragbare Preise mit dem Fashion-Geist der Laufstege dieser Welt verknüpft.

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Rank 2. Dramatischerweise dicht gefolgt von Frau Fischer.

H&M ist aber so eine Sache. Man kann fürchterlich genervt sein von den immer gleichen Modellen, die sich Saison für Saison wiederholen. Man kann frustriert sein, wenn man ein Teil nach der ersten Wäsche zum Trocknen aufhängt (hatte es beim Kauf schon die gleiche Schieflage?). Man kann erstaunt darüber sein, wie lange man einige Modelle schon im Schrank hat und man kann Leute überrascht sagen hören „Sowas gibt es bei H&M?“

Ich persönlich habe einige Modelle, die mich über viele Jahre begleiten. Ebenso hatte ich jedoch auch unzählige Basics, die im Rekordtempo durch meinen Schrank gewandert sind. Und noch viel schlimmer: Ergebnisse von Schnäppchenjägerei, bei denen man hinterher feststellt, dass selbst diese 10 bis 20 Euro absolut nicht hätten die Geldbörse verlassen müssen.

Ja, im Laufe der Zeit stellt man fest, dass es ärgerlich ist, das Gefühl zu haben, man hätte nichts Vernünftiges im Kleiderschrank. In den 20ern fand ich es okay, veränderte sich mein Geschmack doch alle zwei Jahre. Meine Zahlungsbereitschaft galt damals nur der Marke Blutsgeschwister, zeigte sich bei ihr schließlich eine hohe Wertstabilität. ebay und Kleiderkreisel sei dank vermute ich hier nur sehr geringe Verluste.

Nun ist jedoch eine Zeit gekommen, in der häufiges Aussortieren aufgrund von minderwertiger Qualität oder nicht-Gefallen frustriert. Viele Frauen kennen das Gefühl sich nicht mehr mit ihrer Garderobe identifizieren zu können. Oder sich einfach nur satt gesehen zu haben. Das gipfelt dann gern in einer handfesten Kleiderschrank-Krise. Einziger Ausweg: Radikalität beim Ausmisten & eine Bereitschaft zur Neuinvestition. Diesmal mit dem Ziel das Erlernte in den Käufen umzusetzen. Heißt: verdammt, es wird teurer.

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So betrat ich also den Laden, der meiner aktuellen Modelaune und dem Verlangen nach mehr Nachhaltigkeit entsprach. „& other stories“ ist der jüngste Streich von H&M und gehört wie COS zu den Premium-Marken des Unternehmens. Zwischen 50 und 100 Euro bewegen sich die meisten Teile, Schuhe starten bei 100. Der Store in der Alten Schönhauser lädt zum Wohlfühlen ein. Mit viel Liebe zum Detail wird die Ware präsentiert. Es ist keine Massenabfertigung. Man muss sich durch keine überladenen Stangen wühlen und durch enge Gänge schlängeln. Jedes Teil hat seinen Platz, alles ist wunderbar in Szene gesetzt – mittels kleiner kreativer Botschaften erfolgt gar eine direkte Kundenansprache. Eine Marketingstrategie, auf die ich wunderbar anspringe. Insgesamt also ein Einkaufserlebnis das soviel wunderbarer ist, als wie man es von H&M, Zara, Mango etc. gewohnt ist. Der Stil ist abhängig von der „story“, denn die Kollektionen teilen sich in vier Bereiche auf, benannt nach den Städten Berlin, Stockholm, New York und Paris. Generell würde ich ihn als avangardistisch, puristisch beschreiben. Ein Mix aus feminin & maskulin. Aktuell viele graphische Elemente. Viele starke Farben. Viele weich fließende Kleider. Ein bisschen 70er, ein bisschen Futurismus, ein bisschen Skandinavien.

Natürlich hat es seinen Preis und es wird sich erst noch zeigen, wie es um die Qualität tatsächlich bestellt ist. Aktuell gilt jedoch die Konzentration auf relative Kaufbeherrschung, denn der Frühling steht vor der Tür und all die wunderbaren zarten Frühlingsfarben, die weich fließenden Materialien, die schönen Schnitte, sie rufen laut und deutlich meinen Namen. Raunen mir zu, dass es an der Zeit ist für einen Frühjahrsputz im Kleiderschrank.

grüne wiese.

Ich wurde heute gefragt, was ich tun würde und wo ich leben würde, wenn alles möglich wäre. ALLES. Würden Geld, Talent, Ländergrenzen nicht im Weg stehen. Wenn das Blatt vor mir weiß wäre – daneben 50 verschiedene Farben für grüne Wiese und bunte Welt.

Für einen kurzen Moment war ich etwas überfordert. Die Frage hatte ich mir selbst noch nie gestellt. Und doch setzte sich in meinen Kopf schnell ein wunderbares Lebensbild zusammen. Eine Stadt am Meer (sagen wir: San Francisco), ein kleines, gut laufendes Cafè, das nicht nur den großartigsten Kaffee, die besten Waffeln, den aromatischsten Tee verkauft, sondern auch die hübschesten Vintage-Stücke. Für die kreativen Bedürfnisse ein kleines Atelier mit riesengroßen Leinwänden und  Farbtöpfen in den schillerndsten Farben. Viel Sonnenlicht, das durch die großen Panoramafenster strömt und Blick auf einen Orangenbaum im Vorgarten. Ein Labrapoodle, der morgens die Tageszeitung von der Terrasse holt. Ein Mann, der währenddessen Orangen pflückt, um frischen Orangensaft zu pressen.

Hups, da habe ich mich zu vieler Farben bedient. Die Frage, die danach folgte war: Warum man sich immer nur in seinem kleinen abgesteckten Territorium bewegt und den ganz großen Schritt nie wagen würde. Klar, mal ein paar Monate ins Ausland, ein neuer Job, eine andere Stadt…. aber alles auf einmal? Ein Risiko eingehen? Alles auf eine Karte setzen? Bei Null anfangen? Da hört die Experimentierfreude bei den Meisten dann doch auf. Was nicht schlimm ist, solange man in 50 Jahren nicht denkt: hätte ich doch mal… damals…

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zu viel der gemütlichkeit.

Seltsame Dinge lassen sich seit einiger Zeit auf Berlins Straßen beobachten. Ob am hellerlichten Tag oder nach Einbruch der Dunkelheit. Ob in der U-Bahn oder im Club. Die Jogginghose hat sich aus den Fängen der gemauerten vier Wände befreit, wo man sie seit Jahrzehnten erfolgreich und völlig zu recht eingesperrt hatte.

Das Schlimmste daran: es handelt sich nicht um aufregende Neuinterpretationen des grauen oder schwarzen Baumwollmodells, wie auf den Laufstegen von Chanel, Chloé oder Gucci zu sehen. Es sind nicht überraschende Farbexplosionen, hochwertige Materialkombinationen oder außergewöhnliche Schnitte. Nein, dramatischerweise stechen einem immer öfter drei sehr markante Streifen ins Auge. Wann verdammt noch mal ist es hip geworden, ausgerechnet das Modell der 90er aus dem Schrank zu kramen, an dem damals schon ein zweifelhafter Ruf hing, der in seinem expliziten Namen, den ich an dieser Stelle nicht erwähnen möchte, endgültigen Ausdruck fand? Mein Eindruck: der gemeine Berliner hat da ganz arg was durcheinander gebracht, als er hörte, dass Jogginghosen gerade en vogue sind. Juche, schrie es in ihm: endlich darf die zwickende Jeans, die schon seit einigen Monaten ein Müh zu klein geworden ist, im Schrank bleiben.

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Ich selbst war noch nie ein Fan von Jogginghosen. Ich mag Karl Lagerfelds Statement: „Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Wunderbar überspitzt und doch nicht unwahr. Zumindest dann, wenn im Konkurrenzkampf von Jeans und Jogginghose die Jeans der traurige Verlierer ist.

Frauen tut so eine Jogginghose einfach keinen Gefallen und Männer, ja Männer mögen da noch ein bisschen mehr Glück haben, stellen sie es geschickt an, was leider die wenigsten schaffen. Dass nun aber eine neue Trendwelle über uns einzubrechen droht, auf der die Jogginghose ganz oben surft, ist eine kritisch zu beobachtende Entwicklung. Schließlich hat sich die Funktionsbekleidung auch schon ihren Platz auf dem Mode-Olymp gesichert. Über Jahre wurden still und heimlich Gore-Tex, Reflektoren, Wassersäulen, Kordelzüge und Mesh in die Alltagsmode integriert, bis eines Tages die Funktionsjacken die Macht übernommen hatten. Besonders gut dort zu erkennen, wo Menschen meinen sie würden sich sportlich betätigen. Am Strand, zum Beispiel, bei einem ausgedehnten Nachmittagsspaziergang bei 2 km/h.

Wir sollten diese Modebewegung im Auge behalten und hinterfragen. Was sagt sie über ihre Träger und deren Lebenseinstellung aus? Absoluter Kontrollverlust, modische Resignation aus Mangel an komfortablen Alternativen oder schlichtweg nullkommanull Geschmack? Repräsentiert sie den wilden, fraglichen, mutigen Modegeschmack der Berliner oder ist dieses Phänomen gar schon in anderen deutschen Städten zu beobachten?

Ich jedenfalls bin gespannt in welchem Ausmaß die 90er ihr Revival feiern können. Vielleicht tanze ich im Berliner Nachtleben bald umgeben von Jogginghosenträgern, die ein neonfarbenes Mesh-Tank Top tragen. Gott bewahre.

31 shades of grey.

Januar adé. Ein neuer Monat im neuen Jahr und mit ihm: Hallos und Goodbyes. Nein, letztere sind wirklich nie einfach, auch daran hat sich in diesem Jahr nichts geändert. Egal ob neue Distanz oder endgültiger Abschied, im Herzl zieht es. Dass der Monat der Graueste seit langem war, hat es nicht besser gemacht.

Der Januar ist ein bisschen wie ein schwarzes Loch. Jeder rutscht so rein – die Gravitation zieht alle Erwartungen, Vorsätze und Hoffnungen geballt in die ersten Jahreswochen. Und niemand kann sich richtig dagegen wehren. Im Gegensatz zu einem schwarzen Loch aber fallen wir nicht nur rein, wir kommen auch wieder raus. Denn unsere leichte verschwommene Vision vom Jahr wird mit jedem neuen Tag klarer. Und ernüchternder. Was nichts schlimmes ist, wir lernen das Jahr halt kennen. Ist ein bisschen wie eine neue Wohnung beziehen. Man richtet sich ein, lernt sich kennen, gewöhnt sich daran. Hin und wieder gibt es Überraschungen. Ein Wasserschaden, eine kaputte Glühbirne, ein neues Bild an der Wand, das alles hübscher macht.

Wie schön, dass der erste Tag des Februars Sonne mit sich brachte und uns etwas aus unserer Januar-Müdigkeit holte.

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ein plädoyer für weniger hast.

Das Schöne am Leben in einer Großstadt ist die visuelle Abwechslung. Das Auge hat immer etwas zu entdecken. Der Haken an der Sache ist jedoch: Wir haben in der Regel keine Zeit genau hinzuschauen. Wir fahren unsere bekannten und vertrauten Wege ab, um möglichst schnell irgendwo hin zu kommen und ja kein Risiko einzugehen uns zu verfransen. Beim Fahrrad fahren gucken wir auf die Straße, um nicht schon wieder unsere neuen Reifen am nächsten Flaschenhals zu verlieren und achten penibel auf den Verkehr, um nicht vom nächsten Rechtsabbieger umgemäht zu werden. In den Öffentlichen schauen wir auf das Handy oder ins Buch und beim Laufen müssen wir letztendlich auch nur von A nach B kommen und so hasten wir mit starren Blicken über die Fußgängerwege.

Es sei denn man hat frei und Zeit für Spaziergänge. Wie ich an diesem letzten Urlaubstag, der sich so klammheimlich hat angepirscht. Doch welch Glück, er schenkte einen Hauch von Sonne und so tat ich, was ich bisher zu selten tat: ich zog zu Fuß los. Mit Musik auf den Ohren, der Kamera in der Tasche, einem Kaffee in der Hand und Sonnenstrahlen im Gesicht. Aus Angst die Sonne während der Fahrt in der U-Bahn zu verlieren, entschied ich mich für die fußläufige Gegend, die mir zwar bekannter ist als, sagen wir mal, Schöneberg, aber, so stellte ich erneut fest, das Gute liegt so nah und ist gleichzeitig so unbekannt. Eben genau aus dem oben genannten Grund: zu wenig Zeit, zu wenig Bewusstsein für unsere Umgebung. Wir wählen die immer gleichen Wege, dabei könnten wir spielend einfach neue Bilder malen, würden wir nur öfter vom Wege abkommen. Mir ist es heute gelungen und so habe ich mich zwischenzeitlich in Seitenstraßen verloren mit dem Gefühl ganz woanders zu sein, als nur 20 Minuten von daheim. Großartig!

Also, lasst uns öfter vom Wege abkommen und Neues im Bekannten entdecken!

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keine zeit auf den frühling zu warten.

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ich stimme für all-over-häuser.

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türsteher.

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nach wie vor besetzt.

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irgendwie gruselig, die gute.

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auch diese freifläche wird verschwinden.

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südstern.

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altes berlin, schönes berlin.

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herzallerliebst.

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mittendrin und doch so leer.

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kein kletterbaum.

 

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sie lauert schon.

kreuzberg

mehr farbe braucht die stadt.

 

wenn die zukunft ganz fern ist.

Ich habe es tatsächlich zur Sparkasse geschafft. Nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil man mich unter dem Vorwand falscher Behauptungen zu sich gelockt hat. Nun, es kam mir gelegen, ist die Kontoschließung doch nun endlich unter Dach und Fach. Doch war mir nicht bewusst, dass ein Besuch bei der Sparkassentante des Vertrauens (die Frau Pusch nun unfreiwillig ist – sie kennt meine Finanzen und meine Lebenssituation) automatisch auch eine Auseinandersetzung mit den ganz großen Zukunftsfragen bedeuten würde.

Sie schien fest davon auszugehen, dass Menschen in meinem Alter eine Grundahnung davon haben müssten, für was sie ihr Geld sparen. Bewusst sparen. Nun, es mag sicherlich einige Gleichaltrige geben, die sehr verantwortungsvoll und vorausschauend mit ihren Finanzen umgehen. Die Bausparverträge, Wertpapiere oder gar Immobilien haben, so dass sich das Geld langsam aber sicher vermehrt. Ein Großteil jedoch spart allerhöchstens für den nächsten Urlaub, bei dem man es dann so richtig krachen lassen will. Ans Häusle bauen oder kaufen denkt kaum jemand. Stattdessen freut man sich über ein regelmäßiges Einkommen und eine halbwegs erschwingliche Wohnung mit mindestens 50 Quadratmetern im immer teurer werdenden Berlin. Die Zukunft kommt übermorgen, da kann man sich mit solchen komplexen Themen dann ja immer noch beschäftigen. Wozu natürlich auch ein weitere Unannehmlichkeit gehört: die Rentenvorsorge. Frau Pusch war so nett mich daran zu erinnern, dass ich ja nun leider, leider keine Rente oder wenn, dann nur einen Mindestbetrag, erhalten würde. Ihr ermahnender, beschwörender Unterton und der fürsorgliche Rat für das Alter vorzusorgen mischten sich mit dem immer wieder kehrenden Hinweis zum möglichen Darlehen für den Erwerb einer Immobilie. Wenn es denn dann so weit sein sollte mit dem Niederlassen.

Mein nicht existenter Traum vom Eigenheim schien sie etwas zu irritieren. Auch, dass ich keine Vorstellungen von anderen großen Anschaffungen habe. Auto, Kind, Ferienwohnung, High-Tech Küche, Swimmingpool. Auf irgendetwas müsse man doch sparen und wenn es das Sparkonto des Erstgeborenen ist. Frau Pusch erwartet ganz schön viel. Wir sind doch gerade erst den Zwanzigern entwachsen und versuchen uns langsam auf die Anforderungen der Dreiziger einzustellen. Als ich persönlich gerade dachte, ich wüsste in welche Richtung ich blicken könne, hat ein unfreiwilliger U-Turn alles durcheinander gebracht. Und so geht es vielen. Wozu also planen?

Ja, wir ticken anders als die Generation unserer Eltern. Die hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ein Reihenhaus und haben an ihrer Terrasse gewerkelt oder Carports gebaut. Und wir? Wir wollen uns gern alle Optionen offen halten – festlegen wäre zu unflexibel. Es könnte ja schließlich noch was Besseres kommen.

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weniger ist mehr, mehr ist genug, genug ist zu viel, weniger zu wenig?

Ich wurde vor meinem Urlaub oft gefragt, ob ich weg fahre. Wenn ich verneinte, so war die häufigste mimische Reaktion das Vergrößern der Augen und ein seltsames Verziehen der Mundwinkel. Um nicht mehr in verzerrte Antlitze schauen zu müssen, habe ich meist schnell ein „vielleicht fliege ich spontan nach Barcelona, wenn mir langweilig wird“, hinzugefügt.

Nun, was soll ich sagen, es sind zwei Wochen vergangen und mir ist nicht langweilig. Im Vergleich zu all den vollgestopften Arbeitstagen, in die man versucht Job, Sport und Freunde zu quetschen, bin ich erstaunt (und erschrocken) wie Tag füllend es sein kann auszuschlafen, regelmäßig zum Sport zu gehen, zu lesen, Freunde zu treffen und maximal einen Termin am Tag wahrzunehmen. Friseur zum Beispiel. Oder eine Massage. Und Zahnarzt, leider. Man kommt im Urlaub nicht an allen unangenehmen Alltagsdingen vorbei. Wäre das Wetter hübscher, würde ich mit der Kamera bewaffnet noch etwas mehr durch die Stadt streifen, Straßenkunst ausfindig machen, Leute beobachten, Bäume umarmen. Und Cafés entdecken, deren Cappuccinos und Café Lattes dann durch meine kritische Kaffeebewertungsskala laufen würden.

Das Ziel war ja eigentlich Entschleunigung dadurch zu erreichen, dass ich mich sehr nah an die Grenzen von Langeweile treiben würde. Schockierend ist, ich erreiche diese Grenzen einfach nicht. Der Urlaub fliegt vorbei und ich kann absolut nichts dagegen tun. Letzter Versuch: ich verfalle in Schockstarre oder imitiere einen gestürzten Käfer in Rückenlage. Vielleicht hilft es auch den ganzen Tag „Mitten im Leben“ zu gucken, oder den Tag auf dem Laufband im Fitnessstudio zu verbringen.

Wir stellen uns ja oft die Frage ob wir unsere Zeit auch wirklich sinnvoll nutzen. Wenn wir sonntags auf dem Sofa liegen und es vorziehen schnulzige Liebesfilme zu schauen, statt draussen den strahlenden Sonnenschein zu genießen. Dann erinnert uns unser schlechtes Gewissen daran, dass uns gerade fürchterlich viel vom wichtigen Vitamin D flöten geht. Dass wir uns nicht bewegen, dass wir schönes Wetter von dem es nicht viel gibt, doch ausnutzen müssen. Dass wir eigentlich irre viel zu erledigen haben. Sicher, wir müssen unseren inneren Schweinehund hier und da an die Leine nehmen und Gassi führen, um zu sehen, dass es uns gut tut. Aber: der innere Schweinehund hat manchmal seine Daseinsberechtigung. Ich habe ihn willkommen geheißen und an manchen Wochenenden liegen wir gemeinsam unter eine Decke gekuschelt auf dem Sofa und freuen uns darüber. Das ist dann der wahre Genuss, ohne schlechtes Gewissen und nagende, vorwurfsvolle Gedanken ans bequeme Ego.

Wie viel sich doch unser Zeitgeist mit dem Thema Genuss auseinander setzt. Gerade erst widmete die brandeins eine Ausgabe der Frage: Was ist Genuss. Nach Generationen, die mit Krieg und politischer Instabilität, Mangelwirtschaft und Unterdrückung, limitierten Möglichkeiten und  verwehrten Rechten kämpfen mussten, führt die so genannte Generation Y Debatten darüber was Glück und Genuss ist und ob wir unser Leben so leben, wie man es sollte: to the fullest. Gerade erst hat eine interessante Rückwärtsbewegung begonnen: Materialismus macht uns müde, der Trend geht zu weniger ist mehr. Sei es in Bezug auf Verpackungen (Original unverpackt), Möbel, Luxus oder Genuss. Minimalismus gewinnt zunehmend Anhänger, mitunter gibt es Vorreiter, die kompletten Konsum- und Genussverzicht leben. Sie versuchen herauszufinden, was sie brauchen um glücklich zu sein und konzentrieren sich dabei auf das Wesentliche: den Menschen. Einige dieser Vorreiter, wie Kelly Sutton (cult of less), verzichten dabei auf fast alles – außer Smartphone und Laptop. Zugang zur digitalen Welt ist unverzichtbar.

Spannend. Und was für ein Luxus.

Nun, ich werde weiterhin bewusst und aktiv genießen. Ohne Reue nicht in den Flieger gestiegen zu sein. Schlafe ich 11h Stunden, so ist es halt so. Verspüre ich den Drang im Café Luftlöcher zu starren, dann tue ich es. Sehe ich etwas, das mir gefällt, kaufe ich es. Möchte ich Schokolade zum Frühstück: hell yeah, dann ist es halt so. Genuss muss nicht immer im direkten Verhältnis zu Vernunft & Verzicht stehen.

Eine to-do-Liste habe ich dennoch. Und ich konnte sogar schon ein paar Häkchen setzen. Ob ich es jedoch schaffe endlich das Sparkassenkonto zu kündigen, was seit etwa zwei Jahren völlig unnötigerweise Geld kostet? Unwahrscheinlich.

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Die Entdeckung der Unendlichkeit.

Es ist Kinozeit. Das sieht man daran, dass die Menschenschlange bis weit vor die Eingangstüren der Kinos reicht. Was wohl daran liegt, dass nach der Weihnachtszeit alle irgendwie in ein Januarloch fallen und weder die Muße noch die Energie haben (die zusätzlichen Weihnachtspfunde wiegen schwer) sich besonders viele Gedanken um ihre Abendgestaltung zu machen. Da kommt einem so ein Kinobesuch ganz gelegen.

Mich hatte die Vorschau von „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ berührt und so tauchte unsere kleine Mädelsrunde in eine Geschichte ein, die von der ganz großen Liebe, aber leider auch einer sehr schrecklichen Krankheit erzählt. Protagonist ist der Astrophysiker Stephen Hawking, der während seines Studiums in Cambridge an ALS erkrankt sowie seine Frau Jane Wilde, die nicht von seiner Seite weicht und selbst in den schwierigsten Momenten immer wieder für ihn und das Erreichen seiner wissenschaftlichen Ziele kämpft.

Es berührt zu sehen, welche Kraft die Liebe frei setzen kann. Nun widerfährt nicht jedem das Glück der Liebe auf den ersten Blick, wie es bei den beiden der Fall zu sein schien, doch vermisst man in Zeiten von Speed-Dating dank Tinder und Co. doch irgendwie genau diese ganz großen Gefühle, für die man auch mal was wagt, mal mutig ist, mal seine eigene Komfortzone verlässt. Wenn das was Jane für Stephen tut – nämlich trotz des Wissens wohin diese Krankheit führen wird, zu heiraten, drei Kinder zu bekommen, ihn zu pflegen und selbst dann nicht aufzugeben, wenn man fast schon meint, dass es besser wäre um seinen Leidensweg zu beenden – wenn das die Dinge sind, die man für die ganz große Liebe tut, dann sind wir bindungsunfähigen Großstädter Dimensionen und unzählige schwarze Löcher davon entfernt.

Nun, dies war ein kleiner gefühlsduseliger Ausflug. Aber der Film hat berührt und er hat zum Denken angeregt. Und dazu das eigene Leben einmal mehr zu wertschätzen. Denn diese grausame Krankheit, die sehr eindrucksvoll von Eddie Redmayne gespielt wurde, ist wie ein Gefängnis für den gesunden Geist in einem sehr kranken, nicht mehr funktionierenden Körper. Das Bedürfnis meinen Vorsatz „mehr Sport im neuen Jahr“ (Klassiker, i know) aktiv zu verfolgen, ist nun noch ausgeprägter. Wir sind jung, wir sind fit – wir sollten uns freuen, unsere Körper herausfordern zu können. Und die Liebe, wenn wir denn mal mutig werden.

another year bites the dust.

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Irgendwie seltsam, dass erst das Jahresende uns so richtig zum Denken und Reflektieren anregt. Nicht nur stellen wir fest, dass erneut ein Jahr verdammt schnell von dannen zog (holy shit, das macht mir langsam echt Angst!). Nein, man überlegt auch: war es ein gutes oder schlechtes Jahr. War es so lala, durchwachsen oder okay. Kann das neue Jahr ähnlich werden oder soll es um Himmels willen bitte ganz GANZ anders sein. Ja, durch so einen Dezembermonat kann man schon sehr in sich gekehrt und in Gedanken schwelgend wandeln.

Aber das ist auch gut so. Aus jedem Jahr ziehen wir schließlich das ein oder andere „Learning“. Wir wissen, was wir versäumt haben, was wir zu wenig gemacht haben, was wir besser hätten bleiben lassen sollen. Wir wissen neue Erfahrungen zu schätzen – egal ob positiv oder nicht, weil wir gelernt haben in allem das Gute zu sehen. Wir blicken auf die Menschen, die mit uns das Jahr durchlebt haben. Mit all den tollen Momente und jenen, an die wir uns schmerzhaft zurück erinnern. Wir wissen, wen wir im neuen Jahr nicht missen möchten und wir wissen auch, wer 2015 nicht dabei sein muss. Uns sind die Dinge bewusst, die wir nach wie vor nicht erledigt haben, obwohl wir sie schon fünftausend Mal auf to-do-Listen vermerkt hatten. Wir kennen unsere Schwächen und vermuten, was auch im nächsten Jahr dazu führen könnte, dass wir uns über uns selbst ärgern. Denn egal wie oft wir sie in gute Vorsätze verpackt haben, wir ertappen uns jedes Jahr aufs Neue dabei, an ihnen zu scheitern (Sport, Laster, Vernunft, Sparsamkeit,…). Wohin gegen andere Momente, Stationen, Schritte uns gezeigt haben, dass wir sehr wohl Dinge meistern können, von denen wir es nicht für möglich gehalten hatten.

Wir haben also wieder ein bisschen mehr über uns gelernt. Und über andere. Wir wissen was uns glücklich gemacht hat und was nicht.

Im Kopf gehen wir diese zwölf Monate durch. Wir erinnern uns daran, wie wir das Jahr begannen. Mit welcher Grundstimmung wir 2013 verließen und wie wir ins neue Jahr blickten. Wir wussten – zumindest im groben Rahmen – auf was wir uns einstellen konnten. Veränderungen im Job, aufregender Urlaub, Umzug oder vielleicht auch einfach nur: relative Kontinuität. Wir hatten Hoffnungen und Erwartungen, Vorfreude und Tatendrang, vielleicht auch Befürchtungen. Manche setzten auf den Überraschungseffekt und machten dabei alles richtig. Denn, wie durften wir auch in diesem Jahr lernen: alles kommt stets anders als erwartet. So verlangt es das Gesetz des Lebens einfach, Punkt. Denn, wie hört man es immer und immer wieder: „alles andere wäre ja auch langweilig“. Dabei wäre ein bisschen Langweile doch manchmal auch ganz schön. Keine Überraschungen aus dem Nichts, keine alles verändernden Momente, dafür kalkulierbare und absolut erträgliche – ja vielleicht sogar, uns zufrieden stimmende konstante Normalität.

Seit ich das Gefühl habe, dass meine Erinnerungen kaum noch mit der Zeit mithalten können, habe ich angefangen jedes Jahr an Silvester jeden Monat des Jahres durchzugehen und Notizen zu machen. Die wichtigsten Ereignisse, Momente, Ergebnisse, Emotionen und Erkenntnisse werden festhalten, um irgendwann beim Blick in den Rückspiegel, im Dunste des Verschwommenen, noch Eckpfeiler von Geschehnissen und Gefühlen zu haben. Es ist wie auf einen riesengroßen SLOW-MOTION-BUTTON drücken, um das Jahr, was in Windeseile an uns vorbei marschiert, noch einmal vor Augen zu führen.

In diesem Sinne: Frohes Erinnern und auf ein zufriedenes Jahr 2015, auf das wir in allen darauf folgenden Jahren stets gern zurück blicken.

Tschüss 2014…

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DIE Frage 2014.

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Holy moly, 30!

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Barcelona im Mai!

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Ein heißer und schöner Berliner Sommer.

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Die ersten grünen Lebewesen in meiner Wohnung!

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Schöne entspannte Sonntage.

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Hurricane!

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Berlin-Brandenburg by bike!

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Der Tag an dem wir Weltmeister wurden.

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NY love, no matter what.

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Rügen kurz vor Frühlingsbeginn.

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Der ein oder andere Abschied.

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Kultur.

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Freunde.

darf’s noch ein gläschen sein?

Irgendwie mag ich die Vorweihnachtszeit lieber als das eigentliche Fest. Diese wenigen Tage, die an einem vorbei rauschen und ihren Höhepunkt in einer gewissen Skurrilität finden, die sich Familien-Überdosis nennt. Entzieht man sich dieser nicht, so futtert man von morgens bis abends abwechselnd herzhaft und süß und trinkt Rotwein in rauen Mengen. Jede Familie ist dabei anders und auf ihre Art seltsam, eigenartig, speziell. Wie man es auch nennen mag. Tragischerweise wird einem ja irgendwie immer ein Spiegel vorgehalten und man entdeckt jedes Jahr aufs Neue welche Charakterzüge man von wem hat, redet sich ein, dass man ja doch irgendwie ganz anders ist und hofft inständig, dass man sich in den kommenden Jahren nicht noch so die ein oder andere Eigenart aneignen wird. Die Vorliebe für asiatische Kampffilme zum Beispiel oder scharfem Essen, das einem die Geschmacksnerven abfackelt.

Jedes Weihnachten hält, trotz absoluter Routine, dann doch immer wieder Überraschungen bereit. Nein, mein politisch inkorrekter Vater ist es nicht, auch nicht das Interesse meiner Mutter am Leben anderer oder der sonderbare Musikgeschmack meines Bruders. Aber irgendwie fährt man dann am Heiligabend, ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag heim und denkt sich: „Irgendwie wild“. Es gibt nicht umsonst eine endlose Anzahl an Filmen, die sich chaotischen Familien-Konstellationen an Weihnachten widmen. Aber das ist auch gut so, gibt es einem doch das Gefühl nicht allein zu sein.

Das Problem, wenn man es so nennen möchte, ist der Druck. Ja, wie auf allem, so lastet auch auf dem Weihnachtsfest ein immenser Erfolgsdruck. Mindestens vier Wochen vorher geht das Trara los. Die Vorbereitungen, die Vorfreude… Um dann 2,5 Tage Zeit zu haben, sich als perfekte Familie der Welt zu präsentieren, die schönsten Geschenke einander zu überreichen, das leckerste Essen zu kochen und zu verputzen, die harmonischste Zeit miteinander zu verbringen. Weniger als Superlativ wird nicht akzeptiert. Und wehe wir verbreiten in den sozialen Netzwerken nicht Fotos von zauberhaft geschmückten Tannenbäumen, einander lieb habenden Familien und großzügigen Geschenke-Haufen, um jeden wissen zu lassen: wir haben das perfekte Weihnachtsfest. Dabei würde ein bisschen weniger Perfektion dem Weihnachtsfest gar nicht schaden.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich hab sie lieb, meine Familie. Es gab keinen perfekten Weihnachtsbaum, es war nicht immer harmonisch, es floss zu viel Rotwein und der Fernseher, der war tatsächlich auch mal an. Aber schön war’s dennoch. In diesem Sinne: Euch allen ein entspanntes Fest mit den eigenen Chaoten. Ich schau nun eine weitere Folge Shameless. Es gibt keine bessere Methode der eigenen Familie einen Heiligenschein zu verleihen. simpsons-xmas-intro-weihnachten-start-sequenz-youtube-2

shake it off.

Vorfreude ist wahrlich die schönste Freude. Wenn es im Magen in freudiger Erwartung kitzelt und fast alles, was die Freude trüben könnte, angesichts dessen was vor einem liegt, in den Hintergrund tritt. Worauf ich aufgeregt blicke? Ich kann es in einem Wort zusammenfassen, möchte aber erst einmal Bilder sprechen lassen.

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–>> ENTSCHLEUNIGUNG! Auf nicht mehr und nicht weniger freue ich mich. Und so werde ich in diesen freien, selbstbestimmten Wochen, in denen die Zeit anders ticket, die Musik aufdrehen, mich im Takt wippen und alles abschütteln was Raum für Entspannung nimmt. Denn wie sangen schon Florence + Machine: „it’s hard to dance with a devil on your back“.

Na dann mal los!

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christmas, i gave you my heart.

Ich mag sie, die Weihnachtszeit. Kaum eine andere Zeit im Jahr gibt uns Anlass zu dermaßen vielen Sit-ins, Get-Togethers, Runden, Feiern, Treffen. Wir verabreden uns mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt, wir kommen in gemütlicher Runde bei Glühwein und Lebkuchen zusammen, wir backen gemeinsam Plätzchen, wir feiern das Weihnachtsfest mit der ganzen Firma und dann noch einmal mit dem Team, wir laden die Familie zu Kaffee und Stollen ein und finden nebenbei immer wieder Grund zum Glühwein trinken.

Glühwein nicht zu mögen, ist keine Option. Der Glühweinverzehr wächst historisch – man fängt mit ein paar Schlückchen an und verzieht dabei das Gesicht, Jahre später ertappt man sich dabei, die Glühweinstände auf dem Lieblingsweihnachtsmarkt mittels 10-Punkte-Skala zu bewerten. Ich hätte ja vermutet, dass sich die Deutschen schon seit Jahrhunderten dem zweifelhaften Genuss von Glühwein hingeben, aber tatsächlich geht die Historie gerade mal auf das Jahr 1956 zurück. Wikipedia erzählt, dass Winzer Rudolf Kunzmann in seinem kleinen Weinkeller in Augsburg auf die Idee kam, seinem Wein Zucker und Gewürze zuzufügen. Anscheinend fand diese Kreation Zuspruch bei seinen Geschmacksnerven, denn er füllte sie in Flaschen ab und begann mit dem Verkauf. Interessanterweise besagte das Weinrecht damals, dass Zucker als Zutat verboten sei und so verhängte die Stadt Augsburg ein Verkaufsverbot, welches erst mit der Änderung des Weinrechts aufgehoben wurde.

Nun bleibt es jedoch nicht immer bei moderaten, gemütlichen Glühwein-Sessions. Die alljährlichen Firmen-Weihnachtsfeiern malen ein anderes Bild, welches doch jedes Jahr aufs Neue herrlich amüsant zu betrachten ist. Vorausgesetzt, man ist halbwegs nüchtern dazu in der Lage. Das Bändchen am Arm, das endlos fließendes mittelprozentiges verspricht, automatisiert den Gang zur Bar. Zwischendrin gibt es immer wieder Lebensmüde, die Mexikaner/Berliner Luft/Jägermeister oder andere seltsam riechende Shots durch die Menge reichen. Was dazu führt, dass sämtliche restriktive Verhaltenskodexe über Bord geworfen werden und man Sachen hört und sieht, die nicht dazu bestimmt sind in dieser Personenkonstellation gehört und gesehen zu werden. Aber das macht so eine Weihnachtsfeier eben auch aus und so tut man am darauf folgenden Montag so, als hätte man eben diese Dinge weder gehört noch gesehen und schmunzelt innerlich darüber, was so ein Kontrollverlust anstellen kann.

In diesem Sinn: hoch lebe die Vorweihnachtszeit! Backt Plätzchen, zündet Kerzen an, hört „Last  Christmas“ in Endlosschleife, dekoriert was das Zeug hält, ehrt Herrn Kunzmann für seinen Erfindergeist und genießt die Geselligkeit!

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get-away.

Eine Reise raus aus Berlin, sagen wir mal, nach Wernigerode, einem beschaulichen Städtchen mit 33.000 Einwohnern, kann vieles sein. Balsam für die gestresste Großstadtseele, Frischluft für die beanspruchte Nase, ein Berührungspunkt mit der Natur. Für mich ist es wohl größtenteils Kontrastprogramm, das anstößt, denn ein jeder Besuch in der Fremde, zeigt Lebensmöglichkeiten auf, mit denen man sich bewusst oder unbewusst in irgendeiner Art und Weise auseinander setzt. Dann wird Berlin nebem Wernigerode gesetzt und im Kopf läuft das Leben ab, wie es wohl typischerweise sein könnte, hier in der kleinen Stadt vor dem Fuße des Brockens.

Es wäre ein anderes. Ruhiger, sicherlich naturverbundener, aber eben auch abwechslungsloser. Könnte man das? Verzichten meine ich. Auf die endlos Möglichkeiten an Kultur, Restaurants, Clubs,  Shopping. Sicherlich schwierig, denn hat man sie einmal genossen, so kann man sie nicht mehr entbehren. Zu verwöhnt ist man, von immer neuen Eindrücken und gleichzeitig vom schönen Gefühl sich bei all der Vielfalt doch seine ganz eigene Konstante in Form von auserkorenen Lieblingen zu wahren. Manchmal ist er zwar da, der Wunsch nach Entschleunigung, aber irgendwie reicht ein Urlaub dann doch und bei der Rückkehr weiß man Berlin wieder für das zu schätzen, was es bietet: ganz viel. Von allem.

Das Wochenende im schönen Städtchen Wernigerode (auch bekannt als „Die bunte Stadt am Harz“ – was sicherlich auf all die hübschen bunten Fachwerkhäuschen im Stadtkern zurückzuführen ist) hat jedenfalls genau die Entschleunigung gebracht, die dringend nötig war. Nur zwei Tage und ich war weiter weg vom Berliner Alltag als ich hätte ahnen können. Alles was es brauchte war ein Burgbesuch, eine Fahrt in einer Dampflokomotive (die Zeitleiste der Harzer Schmalspurbahn geht unglaublicherweise auf das Jahr 1886 zurück), eine Wanderung durch einsame Fichtenwälder und etwas Nervenkitzel auf wilden Wegen. Was soll ich sagen: raus mit euch gestressten, überarbeiteten, genervten, frustrierten Seelen. Der Harz ist groß genug, um ganz viel Ballast loszuwerden und leichtfüßiger nach Hause zurück zu kehren.

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Frozen.

Die winterige Kälte hat Berlin erreicht und läutet die Weihnachtszeit angemessen ein. Der erste Besuch auf dem Weihnachtsmarkt war so, wie ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt wohl sein sollte: kalt. Verzweifelt hält man sich am Glühwein fest mit dem Ziel sich innerlich aufzuwärmen und den Glühwein vor dem zu schnellen Auskühlen zu schützen. Man hat in der Regel fünf Minuten Zeit, bis sowohl Zehen, als auch Glühwein die Temperatur verloren haben, die ihnen eigentlich zusteht. Also schlägt sich der gemeine Weihnachtsmarktbesucher den Wanst voll, in der Hoffnung mit hochkalorischen Energielieferanten die Körpertemperatur zu erhöhen. Gern denke ich da an das letzte Wochenende zurück, das zwar kalt, aber noch erträglich kalt war. Kein eisiger Wind zog durch jede Textilfaser, der Kaffee kühlte auch nur gemächlich aus, es genügte ein Mantel aus Wolle, statt aus Daunen und die Sonne, die den ganzen Tag über strahlte, hatte nicht nur einen aufheiternden sondern gar einen mini-mini-minimal wärmenden Charakter. Er wird mir gut in Erinnerung bleiben, dieser letzte offizielle Herbsttag.

Herbst im Tiergarten.

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Halorenkugeln ja, Trabanten nein.

Ich wohne inmitten der Ostalgie. Laufe ich in mein Lieblingscafé ziehen Trabanten an mir vorbei. Dabei werden unzählige Kameras gezückt, die diese eigentlich längst vergangenen Straßenszenarien festhalten. Gehe ich zum Bankautomaten beobachte ich zwischen Tastendrücken und Pin-Eingabe die amerikanischen Soldaten, die am ehemaligen Grenzübergang im Dienste der Touristen und ihrer fotografischen Geltungssucht patrouillieren und Wache stehen. Radel ich zum Kaisers ums Eck, so passiere ich Yadegar Asisis Mauerpanorama, das jedem Besucher eine Zeitreise möglich macht. Ziel: Ein fiktiver Berliner Herbsttag in den 80er Jahren. Verlasse ich meinen Hinterhof treffe ich zugleich auf einen Verkaufsstand, dessen Angebot sich auf die beliebte russische Kopfbedeckung, die Uschanka, konzentriert. Und zwischendrin überall Menschen, die mit einem Fuß im Osten und mit einem im Westen stehen und dabei linken Fuß, rechten Fuß, Straße und Mauerverlauf aufgeregt mit der Kamera einfangen.

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Ich möchte hiermit nicht sagen, dass ich die Faszination von diesem wichtigen Teil deutscher Geschichte nicht nachempfinden könnte. Nur die vermehrte Ausschlachtung geht mir zunehmend auf den Wecker. Vermutlich war meine Schmerzgrenze tatsächlich mit der Wiederauferstehung des Trabanten in Form einer Trabanten-Safari erreicht. Als würden einzelne Trabis nicht ausreichen, müssen sie nun gar in Kolonne unterwegs sein und ihre Umwelt mit dem zarten Geruch altbekannter Trabi-Abgase verpesten. Ich persönlich habe keine guten Erinnerungen an dieses Auto. Es verging keine Fahrt, auf der ich es nicht versäumte, meine letzte Mahlzeit auf den auf Pappe aufliegenden Sitzpolstern zu hinterlassen. Es war ein unfreiwilliger Protest gegen dieses Symbol des Ostens.

Hätten meine Eltern vor 30 Jahren vom Begriff Ostalgie gehört, sie hätten es nicht glauben können. Natürlich hat die Ostalgie heute einen ganz anderen Charakter als damals, kurz nach Mauerfall, als mancher Ostdeutsche unter den Folgen der Wiedervereinigung zu leiden hatten. Hohe Arbeitslosigkeit und Identitätsverluste führten dazu, dass – wie Rolf Schneider es zusammenfasst – „aus diffusen Gefühlen und Erinnerungen […] das Bild einer DDR [entsteht], die so nie existiert hat“. Heute ist es vielmehr die Erinnerung an eine Zeit, die durch die zeitliche Distanz, durch die starken Emotionen, die sie hervor ruft und durch das mediale Interesse einen vorher nie da gewesenen Glanz erhält. Je mehr Zeit vergeht, je mehr schlechte Erinnerungen verblassen, desto mehr wird die Ostalgie blühen und vor allem all jene faszinieren, die nie wirklich von dem betroffenen waren, was diese Zeit der Teilung in Gänze mit sich brachte.

Leipziger Platz 12

Nachdem ich neulich schon meine Faszination bezüglich des immerwährenden städtebaulichen Wandels kund getan habe, ist es heute mal wieder an der Zeit in dieses Thema einzutauchen. Anlass ist die Neueröffnung der Mall of Berlin. Als jüngerer Erdenbürger mag man lediglich eines erkennen: Es gibt ein neues Einkaufscenter. Eins von vielen in Berlin, wenn auch zu den größeren, schöneren, prunkvolleren gehörend. Nun gibt es darüber hinaus jedoch noch einiges mehr zu erfahren. Denn dort, wo sich heute auf 76.000 Quadratmetern unzählige Shops tummeln, befand sich vor mehr als 100 Jahren Europas größtes Warenhaus. 106.000 Quadratmeter waren es damals gar. Eigentümer war die Wertheim-Familie, die 1875 in Stralsund das erste Kaufhaus eröffnet hatte.

Man kann es sich gar nicht mehr vorstellen, aber damals waren frei ausgestelle Waren, die man ausgiebig betrachten konnte und doch nicht kaufen musste, eine Neuheit. Auch das Umtauschrecht und die breite Produktpalette waren dem Publikum neu. Noch erstaunlicher jedoch für alle nach 1900 geborenen: Auch einheitliche Preise für alle Gesellschaftsschichten waren vorher noch nicht üblich. Man kann also sagen, dass die Wertheim-Familie den stationären Handel und das Einkaufsverhalten der Menschen revolutionierte. Mit ihren attraktiven Kaufhäusern schafften sie Orte, die zum Kaufen und Begutachten einluden. In denen sich jeder, egal welcher Gesellschaftsschicht angehörend, dem Konsumtaumel ergeben konnte. 

Kaufhaus Wertheim

Leider brachte der Nationalsozialismus das Ende von sorgenloser Einkaufsfreude. Für die Familie Wertheim bedeutete sie das Ende ihrer wirtschaftlichen Stellung. Sie wurde von den Nationalsozialisten enteignet. Georg Wertheim übertrug zwar seinen gesamten Besitz seiner nicht-jüdischen Frau Ursula, jedoch wurde die Firma Wertheim als „jüdisch“ eingestuft und verlor damit alle Geschäfte. 1944 wurde das Kaufhaus an der Leipziger Straße durch alliierte Bomber zerstört.

Lange Zeit war dort, wo sich einst das größte Warenhaus Europas befand, ein Freiraum. Ich mochte ihn gern, diesen leeren Fleck, der daran erinnerte, wie die Gegend des Potsdamer Platzes über Jahrzehnte ausgesehen hatte. Nun ist auch dieser ungenutzte Platz inmitten ständigen Gewusels verschwunden und hat Platz gemacht für noch viel mehr Gewusel. Für eine weitere Möglichkeit sich den unendlichen Möglichkeiten des Konsums hinzugeben. Im Vergleich zu den emotionalen Reaktionen im 19. Jahrhundert, lockt diese Neueröffnung wohl jedoch keine frenetischen Applause beim Shopping-Location-verwöhnten-Berliner hervor.

Die Neugierde lockte dennoch zahlreiche Besucher in das opulente Gebäude, das vor gar nicht allzu langer Zeit noch so aussah:

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Wie das knapp eine Milliarde teure Gebäude nach seiner Fertigstellung aussieht? Nun, macht euch selbst ein Bild. Eins kann ich verraten: Hübscher als das Alexa ist es allemal. Aber das ist wohl auch nicht schwer.

Herbst-Blues

Der Sommer kehrt uns bereits wieder den Rücken zu. In gefühlter Lichtgeschwindigkeit verabschiedet sich eine Jahreszeit nach der anderen. Kein Wunder, dass man an den ersten grauen, nebligen, nassen Tagen einen Hauch von Melancholie verspürt. Heute ist einer dieser Tage, der mich dazu bringt sehnsuchtsvoll dem letzten Urlaub in diesem Sommer hinterherzutrauern. New York, New York, du warst erneut ein perfekter Gastgeber! Angenehme 25 Grad temperierten die Stadt ideal für Spaziergänge bei Tag und Nacht, Coney Island Besuche, Café-Sessions und Daiquiries um 12 Uhr mittags. Stets in Sandalen unterwegs und die Sonnenbrille auf der Nase gelang es sich weit weg von daheim zu fühlen und sich im unruhigen, schnelllebigen, niemands zur Ruhe kommenden New Yorker Verve zu verlieren.

Mit dem heutigen Berliner Wetter würde New York wohl eher so aussehen… Das Bild passt wunderbar zu meinre Stimmung. Aber schätzen wir diese regnerischen Tage für das was sie sind: Momente zum An- und inne halten und zum Aufholen von Dingen, die wir sonst viel zu kurz kommen lassen. Erinnerungen an unseren letzten Sommerurlaub zum Beispiel und dazu ein paar Worte nieder zu schreiben.

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