Leipziger Platz 12

Nachdem ich neulich schon meine Faszination bezüglich des immerwährenden städtebaulichen Wandels kund getan habe, ist es heute mal wieder an der Zeit in dieses Thema einzutauchen. Anlass ist die Neueröffnung der Mall of Berlin. Als jüngerer Erdenbürger mag man lediglich eines erkennen: Es gibt ein neues Einkaufscenter. Eins von vielen in Berlin, wenn auch zu den größeren, schöneren, prunkvolleren gehörend. Nun gibt es darüber hinaus jedoch noch einiges mehr zu erfahren. Denn dort, wo sich heute auf 76.000 Quadratmetern unzählige Shops tummeln, befand sich vor mehr als 100 Jahren Europas größtes Warenhaus. 106.000 Quadratmeter waren es damals gar. Eigentümer war die Wertheim-Familie, die 1875 in Stralsund das erste Kaufhaus eröffnet hatte.

Man kann es sich gar nicht mehr vorstellen, aber damals waren frei ausgestelle Waren, die man ausgiebig betrachten konnte und doch nicht kaufen musste, eine Neuheit. Auch das Umtauschrecht und die breite Produktpalette waren dem Publikum neu. Noch erstaunlicher jedoch für alle nach 1900 geborenen: Auch einheitliche Preise für alle Gesellschaftsschichten waren vorher noch nicht üblich. Man kann also sagen, dass die Wertheim-Familie den stationären Handel und das Einkaufsverhalten der Menschen revolutionierte. Mit ihren attraktiven Kaufhäusern schafften sie Orte, die zum Kaufen und Begutachten einluden. In denen sich jeder, egal welcher Gesellschaftsschicht angehörend, dem Konsumtaumel ergeben konnte. 

Kaufhaus Wertheim

Leider brachte der Nationalsozialismus das Ende von sorgenloser Einkaufsfreude. Für die Familie Wertheim bedeutete sie das Ende ihrer wirtschaftlichen Stellung. Sie wurde von den Nationalsozialisten enteignet. Georg Wertheim übertrug zwar seinen gesamten Besitz seiner nicht-jüdischen Frau Ursula, jedoch wurde die Firma Wertheim als „jüdisch“ eingestuft und verlor damit alle Geschäfte. 1944 wurde das Kaufhaus an der Leipziger Straße durch alliierte Bomber zerstört.

Lange Zeit war dort, wo sich einst das größte Warenhaus Europas befand, ein Freiraum. Ich mochte ihn gern, diesen leeren Fleck, der daran erinnerte, wie die Gegend des Potsdamer Platzes über Jahrzehnte ausgesehen hatte. Nun ist auch dieser ungenutzte Platz inmitten ständigen Gewusels verschwunden und hat Platz gemacht für noch viel mehr Gewusel. Für eine weitere Möglichkeit sich den unendlichen Möglichkeiten des Konsums hinzugeben. Im Vergleich zu den emotionalen Reaktionen im 19. Jahrhundert, lockt diese Neueröffnung wohl jedoch keine frenetischen Applause beim Shopping-Location-verwöhnten-Berliner hervor.

Die Neugierde lockte dennoch zahlreiche Besucher in das opulente Gebäude, das vor gar nicht allzu langer Zeit noch so aussah:

20130714_175129

Wie das knapp eine Milliarde teure Gebäude nach seiner Fertigstellung aussieht? Nun, macht euch selbst ein Bild. Eins kann ich verraten: Hübscher als das Alexa ist es allemal. Aber das ist wohl auch nicht schwer.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s