Halorenkugeln ja, Trabanten nein.

Ich wohne inmitten der Ostalgie. Laufe ich in mein Lieblingscafé ziehen Trabanten an mir vorbei. Dabei werden unzählige Kameras gezückt, die diese eigentlich längst vergangenen Straßenszenarien festhalten. Gehe ich zum Bankautomaten beobachte ich zwischen Tastendrücken und Pin-Eingabe die amerikanischen Soldaten, die am ehemaligen Grenzübergang im Dienste der Touristen und ihrer fotografischen Geltungssucht patrouillieren und Wache stehen. Radel ich zum Kaisers ums Eck, so passiere ich Yadegar Asisis Mauerpanorama, das jedem Besucher eine Zeitreise möglich macht. Ziel: Ein fiktiver Berliner Herbsttag in den 80er Jahren. Verlasse ich meinen Hinterhof treffe ich zugleich auf einen Verkaufsstand, dessen Angebot sich auf die beliebte russische Kopfbedeckung, die Uschanka, konzentriert. Und zwischendrin überall Menschen, die mit einem Fuß im Osten und mit einem im Westen stehen und dabei linken Fuß, rechten Fuß, Straße und Mauerverlauf aufgeregt mit der Kamera einfangen.

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Ich möchte hiermit nicht sagen, dass ich die Faszination von diesem wichtigen Teil deutscher Geschichte nicht nachempfinden könnte. Nur die vermehrte Ausschlachtung geht mir zunehmend auf den Wecker. Vermutlich war meine Schmerzgrenze tatsächlich mit der Wiederauferstehung des Trabanten in Form einer Trabanten-Safari erreicht. Als würden einzelne Trabis nicht ausreichen, müssen sie nun gar in Kolonne unterwegs sein und ihre Umwelt mit dem zarten Geruch altbekannter Trabi-Abgase verpesten. Ich persönlich habe keine guten Erinnerungen an dieses Auto. Es verging keine Fahrt, auf der ich es nicht versäumte, meine letzte Mahlzeit auf den auf Pappe aufliegenden Sitzpolstern zu hinterlassen. Es war ein unfreiwilliger Protest gegen dieses Symbol des Ostens.

Hätten meine Eltern vor 30 Jahren vom Begriff Ostalgie gehört, sie hätten es nicht glauben können. Natürlich hat die Ostalgie heute einen ganz anderen Charakter als damals, kurz nach Mauerfall, als mancher Ostdeutsche unter den Folgen der Wiedervereinigung zu leiden hatten. Hohe Arbeitslosigkeit und Identitätsverluste führten dazu, dass – wie Rolf Schneider es zusammenfasst – „aus diffusen Gefühlen und Erinnerungen […] das Bild einer DDR [entsteht], die so nie existiert hat“. Heute ist es vielmehr die Erinnerung an eine Zeit, die durch die zeitliche Distanz, durch die starken Emotionen, die sie hervor ruft und durch das mediale Interesse einen vorher nie da gewesenen Glanz erhält. Je mehr Zeit vergeht, je mehr schlechte Erinnerungen verblassen, desto mehr wird die Ostalgie blühen und vor allem all jene faszinieren, die nie wirklich von dem betroffenen waren, was diese Zeit der Teilung in Gänze mit sich brachte.

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