weniger ist mehr, mehr ist genug, genug ist zu viel, weniger zu wenig?

Ich wurde vor meinem Urlaub oft gefragt, ob ich weg fahre. Wenn ich verneinte, so war die häufigste mimische Reaktion das Vergrößern der Augen und ein seltsames Verziehen der Mundwinkel. Um nicht mehr in verzerrte Antlitze schauen zu müssen, habe ich meist schnell ein „vielleicht fliege ich spontan nach Barcelona, wenn mir langweilig wird“, hinzugefügt.

Nun, was soll ich sagen, es sind zwei Wochen vergangen und mir ist nicht langweilig. Im Vergleich zu all den vollgestopften Arbeitstagen, in die man versucht Job, Sport und Freunde zu quetschen, bin ich erstaunt (und erschrocken) wie Tag füllend es sein kann auszuschlafen, regelmäßig zum Sport zu gehen, zu lesen, Freunde zu treffen und maximal einen Termin am Tag wahrzunehmen. Friseur zum Beispiel. Oder eine Massage. Und Zahnarzt, leider. Man kommt im Urlaub nicht an allen unangenehmen Alltagsdingen vorbei. Wäre das Wetter hübscher, würde ich mit der Kamera bewaffnet noch etwas mehr durch die Stadt streifen, Straßenkunst ausfindig machen, Leute beobachten, Bäume umarmen. Und Cafés entdecken, deren Cappuccinos und Café Lattes dann durch meine kritische Kaffeebewertungsskala laufen würden.

Das Ziel war ja eigentlich Entschleunigung dadurch zu erreichen, dass ich mich sehr nah an die Grenzen von Langeweile treiben würde. Schockierend ist, ich erreiche diese Grenzen einfach nicht. Der Urlaub fliegt vorbei und ich kann absolut nichts dagegen tun. Letzter Versuch: ich verfalle in Schockstarre oder imitiere einen gestürzten Käfer in Rückenlage. Vielleicht hilft es auch den ganzen Tag „Mitten im Leben“ zu gucken, oder den Tag auf dem Laufband im Fitnessstudio zu verbringen.

Wir stellen uns ja oft die Frage ob wir unsere Zeit auch wirklich sinnvoll nutzen. Wenn wir sonntags auf dem Sofa liegen und es vorziehen schnulzige Liebesfilme zu schauen, statt draussen den strahlenden Sonnenschein zu genießen. Dann erinnert uns unser schlechtes Gewissen daran, dass uns gerade fürchterlich viel vom wichtigen Vitamin D flöten geht. Dass wir uns nicht bewegen, dass wir schönes Wetter von dem es nicht viel gibt, doch ausnutzen müssen. Dass wir eigentlich irre viel zu erledigen haben. Sicher, wir müssen unseren inneren Schweinehund hier und da an die Leine nehmen und Gassi führen, um zu sehen, dass es uns gut tut. Aber: der innere Schweinehund hat manchmal seine Daseinsberechtigung. Ich habe ihn willkommen geheißen und an manchen Wochenenden liegen wir gemeinsam unter eine Decke gekuschelt auf dem Sofa und freuen uns darüber. Das ist dann der wahre Genuss, ohne schlechtes Gewissen und nagende, vorwurfsvolle Gedanken ans bequeme Ego.

Wie viel sich doch unser Zeitgeist mit dem Thema Genuss auseinander setzt. Gerade erst widmete die brandeins eine Ausgabe der Frage: Was ist Genuss. Nach Generationen, die mit Krieg und politischer Instabilität, Mangelwirtschaft und Unterdrückung, limitierten Möglichkeiten und  verwehrten Rechten kämpfen mussten, führt die so genannte Generation Y Debatten darüber was Glück und Genuss ist und ob wir unser Leben so leben, wie man es sollte: to the fullest. Gerade erst hat eine interessante Rückwärtsbewegung begonnen: Materialismus macht uns müde, der Trend geht zu weniger ist mehr. Sei es in Bezug auf Verpackungen (Original unverpackt), Möbel, Luxus oder Genuss. Minimalismus gewinnt zunehmend Anhänger, mitunter gibt es Vorreiter, die kompletten Konsum- und Genussverzicht leben. Sie versuchen herauszufinden, was sie brauchen um glücklich zu sein und konzentrieren sich dabei auf das Wesentliche: den Menschen. Einige dieser Vorreiter, wie Kelly Sutton (cult of less), verzichten dabei auf fast alles – außer Smartphone und Laptop. Zugang zur digitalen Welt ist unverzichtbar.

Spannend. Und was für ein Luxus.

Nun, ich werde weiterhin bewusst und aktiv genießen. Ohne Reue nicht in den Flieger gestiegen zu sein. Schlafe ich 11h Stunden, so ist es halt so. Verspüre ich den Drang im Café Luftlöcher zu starren, dann tue ich es. Sehe ich etwas, das mir gefällt, kaufe ich es. Möchte ich Schokolade zum Frühstück: hell yeah, dann ist es halt so. Genuss muss nicht immer im direkten Verhältnis zu Vernunft & Verzicht stehen.

Eine to-do-Liste habe ich dennoch. Und ich konnte sogar schon ein paar Häkchen setzen. Ob ich es jedoch schaffe endlich das Sparkassenkonto zu kündigen, was seit etwa zwei Jahren völlig unnötigerweise Geld kostet? Unwahrscheinlich.

20150104_011312_Jean

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s