zu viel der gemütlichkeit.

Seltsame Dinge lassen sich seit einiger Zeit auf Berlins Straßen beobachten. Ob am hellerlichten Tag oder nach Einbruch der Dunkelheit. Ob in der U-Bahn oder im Club. Die Jogginghose hat sich aus den Fängen der gemauerten vier Wände befreit, wo man sie seit Jahrzehnten erfolgreich und völlig zu recht eingesperrt hatte.

Das Schlimmste daran: es handelt sich nicht um aufregende Neuinterpretationen des grauen oder schwarzen Baumwollmodells, wie auf den Laufstegen von Chanel, Chloé oder Gucci zu sehen. Es sind nicht überraschende Farbexplosionen, hochwertige Materialkombinationen oder außergewöhnliche Schnitte. Nein, dramatischerweise stechen einem immer öfter drei sehr markante Streifen ins Auge. Wann verdammt noch mal ist es hip geworden, ausgerechnet das Modell der 90er aus dem Schrank zu kramen, an dem damals schon ein zweifelhafter Ruf hing, der in seinem expliziten Namen, den ich an dieser Stelle nicht erwähnen möchte, endgültigen Ausdruck fand? Mein Eindruck: der gemeine Berliner hat da ganz arg was durcheinander gebracht, als er hörte, dass Jogginghosen gerade en vogue sind. Juche, schrie es in ihm: endlich darf die zwickende Jeans, die schon seit einigen Monaten ein Müh zu klein geworden ist, im Schrank bleiben.

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Ich selbst war noch nie ein Fan von Jogginghosen. Ich mag Karl Lagerfelds Statement: „Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Wunderbar überspitzt und doch nicht unwahr. Zumindest dann, wenn im Konkurrenzkampf von Jeans und Jogginghose die Jeans der traurige Verlierer ist.

Frauen tut so eine Jogginghose einfach keinen Gefallen und Männer, ja Männer mögen da noch ein bisschen mehr Glück haben, stellen sie es geschickt an, was leider die wenigsten schaffen. Dass nun aber eine neue Trendwelle über uns einzubrechen droht, auf der die Jogginghose ganz oben surft, ist eine kritisch zu beobachtende Entwicklung. Schließlich hat sich die Funktionsbekleidung auch schon ihren Platz auf dem Mode-Olymp gesichert. Über Jahre wurden still und heimlich Gore-Tex, Reflektoren, Wassersäulen, Kordelzüge und Mesh in die Alltagsmode integriert, bis eines Tages die Funktionsjacken die Macht übernommen hatten. Besonders gut dort zu erkennen, wo Menschen meinen sie würden sich sportlich betätigen. Am Strand, zum Beispiel, bei einem ausgedehnten Nachmittagsspaziergang bei 2 km/h.

Wir sollten diese Modebewegung im Auge behalten und hinterfragen. Was sagt sie über ihre Träger und deren Lebenseinstellung aus? Absoluter Kontrollverlust, modische Resignation aus Mangel an komfortablen Alternativen oder schlichtweg nullkommanull Geschmack? Repräsentiert sie den wilden, fraglichen, mutigen Modegeschmack der Berliner oder ist dieses Phänomen gar schon in anderen deutschen Städten zu beobachten?

Ich jedenfalls bin gespannt in welchem Ausmaß die 90er ihr Revival feiern können. Vielleicht tanze ich im Berliner Nachtleben bald umgeben von Jogginghosenträgern, die ein neonfarbenes Mesh-Tank Top tragen. Gott bewahre.

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