vom dicken B in den strandkorb.

Jene Mitbürger, die ihre ersten Kindheitsjahre noch in der DDR verbrachten, fühlen sich zur See, genauer gesagt, zur Ostsee, sicher genauso hingezogen wie ich. Viele schöne Optionen von Reisezielen gab es schließlich nicht. Keine Dreh-den-Globus-und-Finger-drauf-Spielchen. Ich hörte meine Eltern nicht sagen „Oh, in Guatemala sind wir ja noch nie gewesen, da sollen wir unbedingt mal hin!“ Statt dessen durften sie aus der Vielfalt der sowjetisch besetzten Ostseebäder wählen. 

Meine Erinnerung an die Ostsee setzt sich also aus verschwommenen Bildern, Erzählungen, und Fotos zusammen. Ein Schwarz-Weiß-Film zieht sich penetrant über jedes einzelne Bild im Kopf. 

Meine erste Schulmappe zum Beispiel fand hier ihren Weg zu mir als ich vier war. Nicht, weil meine Eltern meinten, man könne das Kind nicht früh genug auf den Unterricht vorbereiten, sondern weil mein Mini-Ich sich unsterblich in das hübsche Ledertäschchen verliebt hatte. So kam es, dass ich mit einem leeren Schulranzen auf dem Rücken begeistert den Möwen am Strand hinterher jagte. Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, dass ich mit meiner Einschulung zwei Jahre später hart in die Realität der sich ständig wandelnden Taschenmode geworfen wurde. Was größtenteils mit dem Fall der Mauer zu tun hatte. Meine Version der Schultasche war out. Ohne es zu wissen, trug ich damals schon DIE Verkörperung von Old-School spazieren, die heute als ziemlich mega verdammt hip gefeiert wird. Einzug hatten damals, von heute auf morgen, die amerikanischen O’Neils und Scouts gehalten, die natürlich viiiiel cooler waren, da größer und imposanter und farbenfroher. Langsam dämmerte es mir: es gab viel zu entdecken in dieser neuen Welt. 

Auch lernte ich an der See schmerzhaft, dass nicht alle Mietzekatzen so herzzerreissend süß waren, wie mein pechschwarzes Mohrchen daheim. Dabei wollte ich doch nur mal über das weiche Fell streicheln. Das garstige Ding rächte sich sich mit einem ordentlichen Hieb und traf nur allzu gut, so dass man sich sicherheitshalber entschied eine Anzahl von Tollwutspritzen in meinen Bauch zu jagen. Als wäre das nicht alles schon dramatisch genug gewesen, suchte ich bei der Heimkehr vergeblich nach meinem Haustier. Bis zum heutigen Tag glaube ich in schwarzen Katzen meine wiedergeborene Mohrchen zu sehen. Kindheit kann brutal sein. 

Aber verlieren wir uns nicht in Details. Die Ostsee weckt Sehnsüchte & Erinnerungen. Ich werde mich wohl immer ein wenig mehr mit ihr verbunden fühlen, als mit anderen Reisezielen. Doch eins gilt es nach wie vor zu verstehen: wohin pflanzt man sein Ostseeherz denn nun? Viele Jahre lang dachte ich, der Darß sei jener Ort, den man, einmal gefunden, nie wieder her gibt. Prerow mit seinem wunderschönen Sandstrand, dessen Highlight der verwegene, wüste und stürmische Weststrand bildet. Das hübsch hergerichtete Zingst, die zuckersüßen Orte wie Wieck und Ahrenshoop.

Doch nun führte mich ein Wochenendausflug nach langer Zeit zurück auf die Urlaubsinsel meiner Kindheit. Usedom hat mein Ostseeherz im Sturm erobert. Dünenwälder und kilometerlange Strände, eine grüne, hügelige Landzunge soweit das Auge reicht. Märchenhäuser und maritimer Charme. Perfekter weißer Sand. Über 42 Kilometer erstreckt sich der Strand der Außenküste. Das längste zusammenhängende Stück, das es zu erlaufen gibt, misst ganze 8.4 km und bildet somit die längste Strandpromenade Europas. 

Die Sonne strahlte vom Himmel, als würde sie dort nie verschwinden wollen. Die zarten Zuckerwattewölkchen am Horizont haben sich – da bin ich mir ganz sicher – nur zur Deko aufgebaut. Barfüßiges Flanieren in der am Strand aufschlagenden Gischt der Wellen. Meine verblassten und vergrauten Kindheitserinnerungen haben wieder Farbe angenommen.

Eine Sache ist jedoch charakteristisch für die Ostseeküste allgemein. Zu finden auf dem Darß wie auf Usedom: Paare im Outdoor-Einheitslook – bevorzugt Jack Wolfskin – die, gewappnet gegen alle wetterlichen Widrigkeiten, sich zum Ziel gesetzt haben den Tag, komme was wolle, ohne Frösteln und Luftzug durch poröse Baumwollfasern zu überstehen! Ich warte auf den Tag, an dem die Dinger zu Dutzend im Vorteilspack verkauft werden und ich eine Großfamilie, einer wie der andere aussehend, am Strand tollen sehe. Ich werde anhalten und ein Foto machen. Versprochen. 

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