zwischen fado & selfiesticks.

Eigentlich gab es da einen Plan für die zwei Wochen Urlaub – für die vollen 10 Tage ohne die üblichen Verpflichtungen, dem sich immer ähnelnden Tagesablauf und dem ständigen aber doch stets scheiternden Wunsch in 40h+ Arbeitswochen Beziehung, Freunde, Sport, Kreativität und viel Schlaf zu quetschen.

Der Plan war unter anderem: Viel Sehen, viel Lesen, viel Schlafen, ein bisschen Schreiben, ein bisschen Sport. Lissabon war der auserkorene Ort für diese bescheidenen Bedürfnisse. Eine Stadt, in die es dieses Jahr gefühlt jeden zweiten aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zog.

Ich kann bereits vorweg nehmen, dass der Plan hinsichtlich ein bisschen Schreiberei kläglich scheiterte. Beim Gedanken daran, einen Laptop aufzuklappen – dieser tägliche, all morgendliche Handgriff, der sich im Laufe eines Arbeitstages unzählige Male wiederholt; die Vorstellung vom konzentrierten Blick auf den Bildschirm, dem Gefühl der Tasten unter den Fingern – erschauderte ich und der Raum, der eigentlich da war, um Worte auf digitalen Seiten erscheinen zu lassen, wurde vom Bedürfnis eingenommen, Eindrücke letztlich nur in Bildern einzufangen und zu teilen.

Bilder von einer Stadt, die ihre glanzvollste Zeit bereits hinter sich gelassen hat. Die trotz ihrer gerade mal 500.000 Einwohnern eine beachtliche Größe hat, weil sie von Touristen durchspült wird. Die Spaziergänge zu Mini-Workouts werden lässt, weil beachtliche Höhenunterschiede bewältigt werden müssen. Die nicht viel von breiten Gehwegen hält. Eine Stadt mit ihrem charakteristischen Fliesen-Dekor an den Außenwänden der Häuser. Vielerorts wunderschön, pittoresk und doch oft mit einem morbiden Charme versehen. Leerstand in bester Lage, baufällige, vor sich hin modernde, allein von Tauben bewohnte Gebäude mit zugemauerten oder fest vernagelten Fenstern.

In einer Ausgabe des Spiegels hieß es 1992 „Die Hauptstadt des Weltschmerzes soll zur High-Tech-Metropole umgebaut werden“. Es herrsche Aufbruchsstimmung. Nun, es mag viel passiert sein, in diesen letzten 23 Jahren, doch ein Großteil der Baukunst, die damals schon vor sich hin bröckelte, tut es auch heute noch. Ich war erstaunt über so viel Leerstand, über so viel Verfall. Die vielen Baustellen erscheinen wie Tropfen auf dem heißen Stein des Restaurierungsbedarfs. Zu einer High-Tech-Metropole hat sich die Stadt nicht gemausert, aber das würde auch gar nicht zu ihrem Charakter passen.

Der Kontrast zwischen alt & neu, zwischen traditionell & modern – er sticht in Lissabon besonders hervor. Während man zwischen Wäscheleinen an Häuserwänden entlang wandert, auf denen Großmutters Schlüppis hängen und Tuk Tuks an einem vorbei rauschen, sieht man Verkäufer Selfiesticks anpreisen, bekommt man offensichtlich und ohne Zurückhaltung Hasch angeboten, hört man das Hupen der großen Freizeitdampfer, die ihre Passagiere zurück in die Arme des All-Inclusive Entertainment-Programms holen. Moderne Restaurants zäumen das Ufer des Tejo, allesamt im reduzierten, geradlinigen Stil, wenn nicht gar mit der allseits beliebten industriellen Note versehen. Im Mercado da Rebeira – einer riesengroßen Markthalle, wie man sie genauso in Berlin finden könnte – essen und trinken sich Touristen und vor allem die jüngeren Generationen der Portugiesen durch ein riesiges Angebot an allem, was das internationale Herz eines jeden Geniessers begehrt – umgeben von Elektro-Beats und lautem Stimmengewirr. Während man in Alfama am späten Abend durch die schmalen Gassen wandert, von den Klängen des Fado umzingelt und in kleinen Restaurants einkehrt, die alsbald Käse, Brot und Butter servieren. Im Bairro Alto, dem historischen Zentrum, schieben sich die Touristen über das Kopfsteinpflaster, essen dort, wo es Menükarten in vier Sprachen mit vielen bunten Bildern gibt, während man versucht ihnen Sonnenbrillen, blinkende Mickey-Maus-Ohren und Hüte zu verkaufen.

Des nachts erwacht Lissabon sowieso erst zum Leben und erstrahlt in einem ganz anderen Licht. Die Dunkelheit legt sich wie ein Weichzeichner auf die Stadt, das Licht der alten Laternen kreiert einen natürlichen Sepia-Effekt, dessen Wirkung auf die Atmosphäre der Stadt sich irgendwo zwischen verwegen, romantisch und geheimnisvoll bewegt. Jede Stadt mag des nachts ein anders Gesicht zeigen, als am Tage – in Lissabon ist mir der Unterschied besonders aufgefallen.

Diese Reise nach Lissabon, sie hat sich manchmal angefühlt wie eine Reise in längst vergangene Tage. Diese wahnsinnig alt erscheinenden Bauten, die man einst mit sehr viel Liebe zum Detail erbaut hat, nun zum Teil nur noch ein Schatten ihrer Selbst sind. Meine Wahrnehmung bewegte sich irgendwo zwischen absoluter Faszination und großer Verwunderung. Verwunderung über so viel Leerstand und so viel Fläche, die in meinen Augen eines Laien nur schwer wieder restauriert und saniert werden kann.

Nicht nur Lissabon sollte jedoch entdeckt werden. Jedes Stadtkind braucht im Urlaub den Kontrast der Natur und sehnt sich zumindest für einen Moment, weit weg von Menschen und Trubel. An Portugals Küste findet man – besonders in der Off-Season – diese Abgeschiedenheit. Menschenleere Strände, nahezu unheimlich ruhige Dörfer, dafür die unruhige See mit tosenden Wellen, die in ihrer Intensität so verschieden und damit so gefährlich sind. Sammelt sich das Wasser in der einen Minute in einer zarten, den Strand beträufelnden Welle, bäumt es sich im nächsten Moment zu einer gewaltigen Masse zusammen, die den ganzen Strand, samt Fußgängerweg überflutet.

Auf dem Weg an die Algarve fährt man durch eine sich verändernde Landschaft. Findet man nahe Lissabon noch Weinreben, Oliven- Zitrus- und Granatapfelbäume, erreicht man irgendwann große Bestände der Korkeiche im Landesinneren. Kurz vor der Algarve durchquert man höhere Lagen mit Nadelwäldern aus Kiefern und Pinien. Am süd-westlichsten Punkt Europas endet die Algarve in einer felsigen, bis zu 70 Meter hohen Steilküste mit karger, baumloser Vegetation.

Schön war es liebes Portugal – ich komme gern wieder, vor allem dann, wenn du deine Strände so menschenleer zeigst. Nur werde ich beim nächsten Mal nicht die Autobahn befahren, sondern wie alle anderen klugen Portugiesen die Landstraßen, damit du lernst, dass das Prinzip Maut so nicht funktionieren kann. Und ich werde mich in acht nehmen vor deinen Wellen. Ich werde viel von deinem großartigen Rotwein trinken, frischen Fisch & Käse essen, Kaffee in kleinen Lissaboner Cafés vermeiden und dafür Espresso und Kirsch-Likör an den kleinen Kiosken trinken, die nicht nur günstig sind, sondern auch hübsch aussehen. Und wenn ich nach Sintra fahre, werde ich mir definitiv eine Jacke mitnehmen. Chau!

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