auf tempelhofer spuren.

Wir alle haben unsere Lieblingsorte in dieser Stadt. Orte an die wir regelmäßig zurückkehren. Die wir mit etwas verbinden. Die es uns ermöglichen Dinge zu tun, die wir mögen. Orte, die wir als schön empfinden, befreiend, ruhig oder imposant.

Ich ertappe mich immer wieder dabei, an Orte zurückzukehren, über die ich tatsächlich viel zu wenig weiß. Allerhöchste Zeit also, mal wieder in den Recherchemodus zu verfallen. Ort des Interesses: Flughafen Tempelhof. Natürlich kennt man als Berliner die Geschichte der Berlin-Blockade und der Luftbrücke, man weiß den Bau zeitlich einzuordnen, man erinnert sich an die Schließung 2008 und die vielen Diskussionen die es hinsichtlich seiner Zukunft gab. Aber das ist letztendlich doch nur ein kleiner Tropf auf dem Historienstein – es gibt so viel mehr zu entdecken.

Es ist wichtig sich der Geschichte bewusst zu sein, denn gewissermaßen ist das doch auch eine Form von Wertschätzung. Wir wandern heute wie ganz selbstverständlich über diese unfassbar große Fläche. Wir sehen die überdimensional großen Flughafenhallen, skaten & joggen über ehemalige Start- und Landebahnen, picknicken und grillen, stellen die wildesten Sachen mit Drachen und Windböhen an, tanken Sonnenstrahlen und Erholung. Wir lieben dieses Gelände für seine Weite, das Gefühl von Freiheit und für den Freiraum, der rar ist in Berlin. Nirgendwo anders in dieser Stadt befinden sich so wenig Menschen auf so viel Fläche.

Der Flughafen wurde auf einem ehemaligen Exerzierplatz erbaut. Hier fand bereits 1909 der erste Motorflug statt. Es folgten viele Demonstrationsflüge, die auf großes öffentliches Interesse stießen. Das Tempfelhofer Feld war gar Schauplatz für den ersten Passierflug über 1.35h und den Höhenrekord von 172 Metern. Für das Jahr 1909, wie ich finde, eine erstaunliche Leistung. Im selben Jahr flog ein gewisser Hubert Latham den ersten Streckenflug über eine Stadt – von Flughafen Tempfelhof zum Flugplatz Johannisthal (nahe Adlershof).

1922 überlegte man das Gelände für Messen zu nutzen, entschied sich dann aber doch für die Rolle als Zentralflughafen. 1924 wurde die heute noch bestehende Berliner Flughafen-Gesellschaft gegründet und der Ausbau des Flughafens begann. Dazu gehörten auch die drei westlichen Hallen, die sich schnell als zu klein erwiesen, woraufhin die drei östlichen Hallen mit einer Höhe von acht Metern gebaut wurden. Über den ebenfalls neu eröffneten U-Bahnhof Flughafen (heute Paradestraße) konnte der Flughafen erreicht werden. Interessant: Diese Flughafenanbindung war seinerzeit weltweit einzigartig. Doch nicht nur die Anbindung ans öffentliche Netz war ein Novum. Nach dem weiteren Ausbau des Flughafens, der 1930 folgte, um auf die rasche Entwicklung des Luftverkehrs zu reagieren, stand Tempelhof mit seinem Verkehrsaufkommen noch vor London, Paris und Amsterdam.

Erneut stieß der Flughafen schnell an seine Kapazitäten und so entschied man sich 1934 für einen weiteren Neubau. Architekt Ernst Sagebiel wurde beauftragt ein bauliches Konzept zu entwickeln, das der monumentalen Architektur des Nationalsozialismus entsprach und bis zu 6 Mio. Passagiere pro Jahr befördern konnte. 1936 begann der Bau, die Fertigstellung des Gebäudes erfolgte 1941. Für zwei Jahre war das neue Flughafengelände mit einer Fläche von 307.000 Quadratmetern das Flächengrößte Gebäude der Welt, bevor es vom Pentagon abgelöst wurde. Der britische Architekt Lord Norman Foster bezeichnete Tempelhof eins als „Mutter aller Flughäfen“, da er der Bau erstmalig alle Anforderungen eines modernen Flughafens vereinte und zur Zeit seiner Fertigstellung, in dieser Form einmalig war.

Während des Baus des „neuen“ Flughafens kam es übrigens zu keinerlei Beeinträchtigungen des Flugverkehrs da das neue Gelände quasi um das alte herum konstruiert wurde und man verschiedene umliegende Bereiche wie Volkspark, Sportplätze und Kleingartenflächen einbezog. Der U-Bahn-Zugang verschob sich im Zuge des Baus des neuen Flughafen-Geländes zum Bahnhof Kreuzberg, der damals in Flughafen umbenannt wurde und heute Platz der Luftbrücke heißt.

Für mich auch besonders interessant zu erfahren: Von Oktober 1939 bis Märze 1940 befürchtete man eine Bombardierung des innerstädtischen Flughafens, so dass man die zivilen Passagiere mit Bussen zum Flughafen in Rangsdorf transportierte – der Nachbarort meines Heimatdorfes am Rande von Berlin, von wo aus Stauffenberg seinen Anschlag auf Hitler startete.

Der weitere Ausbau des Flughafens wurde Ende der 30er Jahre eingestellt. Hermann Göhring entschied Teile der Produktion eines Flugzeugwerks nach Tempelhof zu verlagern, wodurch der Flughafen zu einem der größten Endmontagewerke für Bomber weltweit wurde. Man produzierte größtenteils in den unterirdischen Anlagen des Flughafens. Hier wurden ab ´39 viele Zwangsarbeiter eingesetzt, die entlang des Columbia-Damms und des Tempelhofer Felds in Baracken untergebracht waren.

Der „neue“ Flughafen wurde tatsächlich nie ganz fertig gestellt. Während des Krieges wurde er durch Alliierte Angriffe immer weiter beschädigt. Kurze vor Ende des Krieges stellte man den zivilen Luftverkehr dann auch aus Mangel an Treibstoff gänzlich ein. Die letzte Lufthansa Maschine flog im April 1945 von Tempelhof nach Warnemünde.

In der Schlacht um Berlin eroberte die Rote Armee Tempelhof. Hitler gab anscheinend den Befehl der kompletten Zerstörung des Flughafens durch Sprengung, dem man sich aber widersetzte. Lediglich die Haupthalle wurde durch eine Sprengung für einige Zeit unbenutzbar. Alle Teile des alten Flughafens dagegen wurden zerstört und der unterirdische Bunker samt Filmarchiv brannte komplett aus.

Im Juli ´45 übernahmen dann die Amerikaner den Flughafen und es begannen die Aufräumarbeiten, so dass man bereits im August den Flugbetrieb wieder aufnehmen konnte.

Eine ganz neue Bedeutung erhielt der Flughafen, der in den Jahren nach Kriegsende größtenteils als militärischer Stützpunkt diente, im Jahr 1948, als die Sowjetunion alle Straßen und Schienenverbindungen nach West-Berlin sperrte. Eine trotzige Reaktion auf die Währungsreform – für das noch immer in Trümmern liegende Berlin, in dessen Westsektor 2.2 Millionen Menschen lebten, die komplett von der Belieferung von außen abhängig waren, eine Katastrophe. Über fast ein ganzes Jahr war West-Berlin von der Belieferung über die Luft abhängig. Die Amerikaner optimierten das Prinzip Luftbrücke, so dass man die Fracht von 750 Tonnen auf 2000 Tonnen pro Tag steigern konnte. Dies funktionierte größtenteils darüber, dass man 3 Luftkorridore beflog, die als Einbahnstraßen fungierten. Die äußeren Korridore wurden für die ankommenden Flüge genutzt, der mittlere für die Abflüge. Jedes ankommende Flugzeug hatte nur einen einzigen Landeversuch – wenn dieser scheiterte, musste es wieder zurück fliegen. Bei der straffen Taktung von 3 Minuten pro Flugzeug verständlich. Zeitweise landete gar alle 90 Sekunden eine Maschine in Tempelhof. Nach 30 Minuten musste jedes Flugzeug wieder starten. Den Abwurf von Gütern hatte man nach einer kurzen Testphase wieder eingestellt, da es sich als unzweckmäßig herausstellte.

Nicht nur Amerikaner transportierten die Hilfsgüter nach Berlin. 33% davon übernahmen die Briten. Neben den Amerikanern und Briten unterstützen auch Piloten aus Australien, Neuseeland, Kanada und Südafrika.

Im Mai 1949 sah sich die Sowjetunion schließlich veranlasst, die Blockade aufzulösen. Unglaubliche Mengen an Fracht wurden während der Zeit der Berlin-Blockade transportiert. In 277.569 Flügen bewegte man 1,5 Mio. Tonnen Kohle, knapp 500.000 Tonnen Lebensmittel, 160.000 Tonnen Baustoffe und knapp 230.000 Passagiere. 83 Personen verloren bei Flugunfällen ihr Leben.

Eine ganze Menge Geschichte also und das alles ist nur eine Zusammenfassung der markantesten Eckpfeiler. Erinnern wir uns also beim nächsten Besuch an die bewegende Geschichte dieses mächtigen Areals und vergessen sie nicht. Ganz gleich, wie sich der Ort in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird.

IMG_1411 IMG_1379

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s