#mania.

Aufregen tut manchmal wirklich gut und ich kann jedem empfehlen, sich hin und wieder über irgend etwas Belangloses aufzuregen. Sei es über das Wetter, den Berliner Verkehr, Paarship-Werbung, unreife Avocados, Taxi-Fahrer, schlechten Kaffee. Ziel sollte es jedoch nicht sein, zu jenen Mitbürgern zu mutieren, deren einziger Lebensinhalt es scheint, nach Gründen zu suchen, ins Wettern zu verfallen. Das sind dann nämlich die, die glauben andere erziehen zu müssen und ihre  – so glauben sie – einzig richtige Form von Lebensführung missionarisch unters Volk zu bringen. Das sind die, die erhobenen Zeigefingers an der roten Ampel auf die Anwesenheit von Kindern verweisen. Die, die alles schon gesehen haben. Die, die alles wissen. Für sie ist ihre Lebensweisheit letztendlich nur ein Vorwand, um ordentlich wettern, schimpfen, motzen und grummeln zu können. Alte Leute machen das ja ganz gern. Manch junge meinen gar, sie freuten sich aufs Alter, weil sie dann das Recht hätten, den ganzen Tag über zu motzen. Bitte nicht. Denn wenn die Bevölkerung 2030 wie vorhergesagt aus 16 Millionen Rentern besteht, dann ist`s vorbei mit heiter Sonnenschein.

Aber wie auch immer. Wie bei allen anderen Dingen gilt auch hier: solange nur in Maßen genossen, schadet es weder einem selbst noch den anderen. Und weil so ein Sonntag ein guter Tag zum Aufregen ist, dank des gedanklichen Raums, der einem dafür zur Verfügung steht, widmen wir uns doch gleich mal einem Thema, das für alle, die sich in den sozialen Netzwerken bewegen, omnipräsent ist. Ein Phänomen, über das ich mich gern stundenlang echauffieren könnte. Einfach ausgedrückt: Verschlagwortung von Bildmaterial, im hippen Fachjargon wird`s zum Hashtag. Hashtags auf Instragram im Speziellen.

Ich verstehe den ursprünglichen Charakter von Hashtags, die von Twitter-Nutzern eingeführt wurden, um ihre Tweets zu kontextualisieren. Auch erschließt sich mir der enorme Marketing-relevante Nutzen, den Unternehmen aus den Rauten ziehen können.  Grundsätzlich finde ich an der Idee, Bilder, die für viele User interessant sein könnten, einem Kontext zuzuweisen, auch nicht verkehrt. Wir möchten Menschen zeigen, dass Berlin schön ist, sein kann, obwohl viele die Stadt als hässlich bezeichnen? Zeigen wir ihnen die schönen Seiten und #gen „Berlin“. Wir sind große Fans von Chinesischen Faltenhunden? Lasst uns unsere Liebe teilen und die knuffigen Bilder meinetwegen auch für anderen Chinesische Faltenhunde-Fans verfügbar machen.

Ebenso wenig, eigentlich eher im Gegenteil, stört mich die individuelle Beschreibung von Bilderinhalten anhand von Hashtags. Nicht jedes Bild kann das vermitteln, was der Bildeigentümer damit ausdrücken möchte. Ein deskriptives Hashtag macht viel mehr Spaß, als die simple Zuweisung von Adjektiven oder Kategorien, deren Zusammenhang zum Bild so offensichtlich ist, dass es schon wieder keinen Sinn macht.

Diese zum Teil irritierende, nicht erklärliche, bisweilen groteske Verwendung von Rauten lässt mich immer wieder wundern. Warum in aller Welt, sollte ich daran interessiert sein, mein Foto einer Bildsammlung von „Männern“ oder „Frauen“ beizufügen? Warum sollte meine Interpretation von „schön“ oder „süß“ oder „klein“ ein wertvoller Beitrag zur Bildergemeinschaft dieser Welt sein? Warum sollte es eine Ansammlung von Bildern geben, auf denen ungeschminkte Frauen, Bilder ohne Filter oder Bärte zu sehen sind?

Gucken Leute sich die Fotos hinter den Hasttags wirklich an? Warum verspüre ich das Bedürfnis ein Bild anhand von Hashtags zu erklären, die nicht erklärend sind? Oder glaube ich, dass interessierte Instagram-Nutzer tausende von Bildern zu einem Hashtag durchwühlen? Was passiert eigentlich mit diesen gigantischen Ansammlungen von verschlagworteten Darstellungen? Werden sie irgendwann, in 50 oder 100 Jahren herangezogen, um den Zeitgeist unserer Generation zu analysieren und zu interpretieren? Wird man sich dann fragen, warum so viele Menschen halbnackt vor Badespiegeln standen, sich in Fahrstühlen fotografierten und warum Frauen stets ihre Lippen in Schnuten von sich streckten?

Wie lange wird sich dieses Phänomen wohl noch halten? Und was macht es aus unserer Kommunikation? Wird die Verknüfung von # & Begriff fester Bestandteil unserer Sprache? So wie sich einst LOL, HDL und BFF in unsere verbale Welt schlichen. Wird man sich irgendwann auch als uncool outen, wenn man HashtagTGIF oder HashtagDealbreaker durch die Flure ruft? Hach, was die digitale Welt mit unserer Sprache macht – es ist schon ein seltsames Phänomen.

Auch überraschend ist: plötzlich spricht niemand mehr von der allseits so gefürchteten Komplettüberwachung. Von der gefährlichen Transparenz des eigenen Lebens. Nineteeneighty-Four ist der fröhlichen Vertaggung des eigenen Lebens gewichen. Das Netzwerk hat dem Wort Transparenz eine ganz neue Bedeutung gegeben. Im Jahr 2014 zählte Instagram bereits 20 Milliarden Bilder. Statistiken aus diesem Jahr zufolge kommen jeden Tag etwa 26.4 Millionen neue Beiträge dazu.

#holymoly! #wasfüreinewundersameweltinderwirleben.

imageimage

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s