vom dorf im pflaumenhain.

Wieder zurück auf Berliner Boden, fühlt sich das Stadtleben von Bangkok (wörtlich übersetzt mit Dorf im Pflaumenhain) irgendwie surreal an. Berlin ist – im Vergleich – so aufgeräumt, so leer, so strukturiert. Meine Augen suchen die Gehwege nach Essenständen ab, in meinen Ohren klingt immer noch der Lärm der Straßen, das Hupen der Taxis, der Dröhnen der Tuk Tuks. Beim Verlassen von Geschäften laufe ich gegen keine Hitzewand. Ich sehe keine Stromkabel, die sich zu dichten Wollknäueln zusammen fügen und muss nachts nicht aufpassen, dass mir eine Kakerlake über meine nackten, in Sandalen steckenden Füße rennt.

Ja, Bangkok ist wahrlich keine schöne Stadt. Aber sie ist eine verrückte, chaotische Stadt, die auf neue Besucher viel Faszination ausübt und sicherlich einen jeden in ihren Bann zieht. Leben könnte ich in dieser 12 Millionen Metropole nicht. Die Hitze, sie würde mich wahnsinnig machen. Bangkok ist im Jahresdurchschnitt die weltweit heisseste Stadt – mit einer durchschnittlichen Tagestemperatur von 28 Grad. Hinzu kommen der Lärm und der Smog, verursacht von einem katastrophalen Verkehrsaufkommen. Das U- und Hochbahnnetz der Stadt kann nur einen kleinen Teil des öffentlichen Verkehrs abdecken. Dafür hat die Stadt das größte Busnetz weltweit. Man addiere rund 100.000 Taxis, gefühlt hunderttausende Roller und ein paar tausend Tuk Tuks und fertig ist das perfekte, nie enden wollende Verkehrschaos. Die uns bekannte Rushhour wird in Bangkok obsolet. Rushhour ist ein omnipräsenter Zustand. Atemschutzmasken sind angesichts der massiven Luftverschmutzung also nicht verwunderlich. Gerade jene, die den Abgasen direkt ausgesetzt sind, wie Tuk Tuk Fahrer und Straßenverkäufer, sind besonders häufig mit ihnen zu sehen.

Leider fehlt es der Stadt an Grünflächen, welche sich positiv auf die urbane Luftqualität auswirken würden. Als Berliner sind wir so verwöhnt von den vielen Parks und Freiflächen, die sich überall finden lassen. Von grünen Oasen inmitten von viel Trubel, die Ruhe und Erholung versprechen. In Bangkok gibt es gerade mal zwei größere Parks – Schatten sucht man hier leider größtenteils vergeblich. Auch die vielen Kanäle, die die Stadt einst hatte – Bangkok wurde gar als Venedig des Ostens bezeichnet – existieren heute nicht mehr. Sie mussten den vielen Straßen weichen, auf denen sich heute der Verkehr staut. Auf den Kanälen spielte sich das tägliche Leben und der tägliche Handel ab. Überbleibsel ist der schwimmende Markt, der besonders für Touristen ein beliebtes Ziel ist.

Bangkok ist sage und schreibe 17 mal größer als die nächst größere Stadt. Hier konzentriert sich die gesamte Wirtschaftskraft des Landes. Dies ist, angesichts der Tatsache, dass Bangkok in einer Senke und gerade mal 2 Meter über dem Meeresspiegel liegt, eine besonders kritische Tatsache. Steigt der Meeresspiegel wie vorhergesagt wird an, so bedeutet dies eine ernste Bedrohung für Thailands Wirtschaft. Davon abgesehen, wie unvorstellbar die Evakuierung einer 12 Millionen Metropole ist.

Von 1970 bis 2000 hat sich die Einwohnerzahl der Stadt verdoppelt. Die Metropolisierung begann in Asien deutlich später – geschah dafür aber in einem unfassbaren Tempo. Welche Herausforderungen dies für die Stadtplanung bedeutet, ist vorstellbar. Ein gesamtstädtisches Konzept ist quasi nicht existent. In Windeseile werden Hochhäuser dort hochgezogen, wo eben noch Wellblechhütten standen. Ein 5-Sterne Hotel neben bitterer Armut. Hochmodernes neben Traditionellem. Business-Tower neben Tempelanlage (wovon es übrigens sage und schreibe 485 gibt). Bangkok ist eine Stadt des krassen Kontrasts. Es sind zwei Welten die da aufeinanderprallen und die Schere zwischen Arm und Reich, sie klafft riesengroß.

Preisverhältnisse, so wie wir sie kennen, werden völlig ausser Kraft gesetzt. Man kann ein Gericht für etwas mehr als einen Euro erhalten. Ein Bier kostet gleich viel oder mehr. Für einen Kaffee oder Eis zahlt man in der Regel europäische Preise. Man kann sich stundenlang für ein paar Euro von Taxi oder Tuk Tuk durch die Gegend fahren lassen. Ein Tagesticket für den Sky-Train kostet fast drei mal so viel wie ein Gericht an einem der Straßenstände und etwa so viel wie 45 Minuten Taxifahren. Kleidung, technisches Geräte, alle Marken, die aus Europa, den USA importiert werden, liegen im uns bekannten Preissegment. Für einen Thai mit dem Durchschnittseinkommen von unter 400 US-Dollar im Monat absoluter Luxus.

Was besonders auffallend war: so chaotisch, durcheinander, heruntergekommen die Stadt auch ist, ihre Gehwege sind auffallend sauber, obwohl nirgendwo Mülleimer zu finden sind. Wenn man Glück hat, findet man hier und da süße kleine Müllbeutel, wo man sein Papier entsorgen kann. Dazu kehren Thailänder regelmäßig die Gehwege – ein Bild, was in Berlin undenkbar wäre. Hier stehen an jeder Ecke Mülleimer und dennoch versinken wir im Müll.

In der Nacht verändert sich Bangkok und entwickelt eine ganz andere Dynamik. Die sengende Hitze und das gleißende Sonnenlicht weichem buntem Licht, das von riesigen Werbeflächen, den vielen Shops und Restaurants strahlt. Die Gehwege sind voller als am Tage, das Nachtleben pulsiert eifrig. Befindet man sich auf einem der Hochhäuser und schaut hinunter auf die hektischen Straßen, die von hier oben wie kleine Ameisenkolonnen aussehen, lässt man den Blick schweifen in die Weite der Stadt, die vielen blinkenden Skyscraper, dann vergisst man für einen Moment die Kontraste und sieht Bangkok so, wie es sich nach aussen präsentieren möchte. Dabei wird die Stadt immer tief mit seinem traditionellen und spirituellen Charakter verwurzelt bleiben. Egal wie viele Häuser man noch in die Höhe schießt, das Bild, welches sich einprägt, wird auf der Straße geschaffen. Es zeigt die Wats mit goldenen Buddhas, Blumenkränze als Glücksbringer, Woks am Straßenrand, Verkaufsstände wohin das Auge reicht.

Man kann sicherlich gespannt sein, wie sich Bangkok in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird. Ich hoffe, sie bekommt einige ihrer größten Probleme wie Luftverschmutzung und Verkehr in den Griff. Und ich hoffe, man findet auch in Zukunft noch so großartige Papaya Salate, Phad Thais, Currys und Mango Smoothies in der Si Lom Straße wie heute.


  
  

    

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