zwischen brauchen und wollen.

Umzüge sind bitches. Während man die alte Wohnung leer räumt, passiert in der Regel Folgendes: man stellt fest, dass man eine Menge Zeug hat. Also trennt man sich von etwas Zeug. Bleibt immer noch ganz schön viel Zeug übrig. Weil der eigene Geschmack auch eine bitch ist und man sich nach ein paar Jahren gern von so manchem Möbelstück trennt, betritt man die neue Wohnung nun also mit ganz schön viel Zeug, ohne Orte zu haben, wo man das Zeug unterbringen könnte. Also kauft man mehr Zeug, um dort alles mögliche reinzulegen, was hier unangetastet die nächsten Jahre verweilt. Den Rest verfrachtet man in den Keller, wo es noch viel unangetasteter vor sich hin liegt, bis man es beim nächsten Umzug von einem Kellerraum in den nächsten Kellerraum bewegt.

Eine heilsame Wirkung hat so eine Wanderschaft mit all seinem Hab&Gut aber: man wird von dem Verlangen befreit unnütze Dinge zu kaufen. Sonderlich bedroht davon war ich ja noch nie (von Schuhen und Kleidung jetzt mal ganz abgesehen). Ich bin ein Freund davon auf möglichst vieles zu verzichten – das haben mir meine Eltern gut antrainiert, als sie sich damals gegen Barbies, Polly Pockets, Tamagotchis und sämtliche Produkte der Spielzeugindustrie entschieden. Ich lebte auf 9 qm2 fast Zeug-freiem Kinderzimmer und war glücklich, von Büchern umgeben zu sein. (Ein bisschen neidvoll schielte ich natürlich dennoch auf die bunte Spielzeugwelt außerhalb der meinen). Heutiges Resultat ist dafür: Wer braucht schon Eierkocher, wenn ein Topf genügt? Wozu Äpfel in Spiralen schneiden, wenn man reinbeißen kann? Warum dekantieren, wenn der Wein auch im Glas atmet? Wozu Pfannen, wenn man aufs Spiegelei verzichten kann? Nur nach drei Monaten ohne Kühlschrank ereilte mich dann doch die Erkenntnis, dass nicht jeder Verzicht tragbar ist.

Trotz vieler nicht-Anschaffungen sammelten sich dennoch einige Dinge an, schließlich richtet man so ein Zuhause mit der Zeit ja doch etwas wohnlich ein. Und ein paar, sagen wir, Erinnerungsberge, von denen wir uns nicht trennen wollen, die wachsen einfach. Und das ist auch fein so. Neben Dingen, die man nur ein- bis keinmal im Jahr anfasst, wurmen mich vor allem die Dinge, die die Welt nicht braucht. Beim Gang durch die Möbelhäuser und Dekobutzen fragt man sich doch wirklich, wer das alles kaufen soll. Das Zeug, was im Saisontakt ausgetauscht wird. Die Kunstblumen, Wackdackel, Kerzenständer, Weihnachtsornamente und Plastik-Osterhasen dieser Welt. Wir müllen die Welt und unsere Leben voll mit Dingen, die wir meinen zu brauchen, um uns dann irgendwann im Zuge des großen Frühlingsputzes von diesen, uns nun belastenden Dingen zu befreien. Wir werfen Ballast ab und machen Raum für neues Zeug.

Aus diesem Grund empfinde ich momentan große Zuneigung gegenüber den Dingen, die sich irgendwann, nachdem sie mir viel Freude bedeutet haben, einfach auflösen. Kerzen zum Beispiel. Gesichtsmasken. Eistüten. Lippenstift. Genauso toll finde ich Dinge, die man irgendwann entsorgen muss, weil sie „es hinter sich haben“. Laufschuhe zum Beispiel, mit denen man 1000 km gelaufen ist (pfff). Lieblingspullover, die nach 10 Jahren auseinanderfallen. Matratzen, die durchgelegen sind. Und dann sind da die Dinge, bestes Beispiel Schuhe, die man meint wegwerfen zu müssen, obwohl man aus abgelatscht, ganz schnell fast neu machen kann. Ich hoffe sehr, dass uns diese Handwerkskunst noch lange erhalten bleibt.

Was ich schon immer wusste und auch im Zuge dieses Umzugs erneut deutlich wurde ist, dass mein Umgang mit Produkten der Bekleidungsindustrie definitiv Optimierungspotential hat. Immer wieder ertappe ich mich dabei, Dinge in meinem Kleiderschrank mit verächtlichem Blicke zu begegnen. Du wirfst Falten, du bist nach dem Waschen immer knittrig, du bist unbequem, du trägst auf, du gefällst mir nicht mehr. Der Zeigefinger ist konsequent und verzeiht nichts. Ja, mein Kleiderschrank scheint wie ein schwarzes Loch, lediglich ein paar wenige Teile entziehen sich dem Sog und erreichen Status Lieblingsstück. Und egal wie hart ich seit Jahren daran arbeite/(kaufe), einer strukturellen Veränderung gegenüber scheine ich machtlos. Schuld daran ist neben meinem inkonsistentem Geschmack selbstverständlich auch die Verlockung eines nicht enden wollenden Stroms an textilen Neuheiten und einige Jahre in ständiger Konfrontation.

Ein Umzug bringt also viele Erkenntnisse. Die wichtigste: weniger ist definitiv mehr. Vielleicht sollte man beim Kauf von Schuhpaar No.80, Vase No.10 und Verteilersteckdose No.11 immer daran denken: diese Wohnung könnte nicht die letzte sein.

 

 

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