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Wenn die Season-Switch Erkältung zuschlägt, dann ist wohl ein guter Augenblick gekommen, einmal inne zu halten und sich Zeit für die Schreiberei zu nehmen. Bleibe ich doch sonst doch nur in der Welt von Queen B und Chuck Bass hängen, um mich über den traurigen Zustand hinwegzutrösten, dass das wilde Leben gerade ganz weit weg ist.

Ein guter Moment auch, um dieses und jenes zu realisieren. Wie schnell die Zeit voran schreitet ist ja bekanntlich nichts Neues. Aber dass in 5 Tagen das 5-jährige Jubiläum meiner vier Wände und mir ansteht, das ist schon ganz schön verrückt. Angesichts des Vorhabens, die Wohnung bald aufzugeben, lohnt sich ein Blick zurück.

Zurück in die Zeit, als die Wohnungssuche in Berlin noch das kleinere Problem war. Man konnte sich ja über vieles wundern und ärgern. Über das nicht enden wollende Drama des Flughafenbaus zum Beispiel. Die steigenden Preise der S-Bahn, den dreisten Fahrradklau, Abfall hinterlassende Parkbesucher, Straßentaugliche Seifenkisten & Bierbikes… Was uns aber damals noch nicht stresste, war die Suche nach einer neuen Wohnung.

Ja, die Suche damals, sie war eine einfache. Ich kniff noch etwas die Augen zusammen als ich den Mietvertrag unterschrieb. 640 Euro, das war damals noch recht viel Geld für 50 qm2 und 1.5 Zimmer. Aber egal, dachte ich mir, es musste schnell gehen. Die Lage passte, die Wohnung war nicht wie viele andere, ich wollte sie haben. Ein paar Dinge realisierte ich erst im Nachhinein. Die etwas laute Kochstraße zum Beispiel. Die Terrasse, die nie nie nie von der Sonne geküsst wird, die kochende Küche im Sommer aufgrund von massiver Sonneneinstrahlung. Ich verfolgte weiterhin die Wohnungsannoncen, in der Hoffnung, doch noch etwas besseres zu finden. Doch die Suche nervte und irgendwann gab ich auf. Denn, auch wenn es einen Moment gedauert hatte, wir beide, die kleine Wohnung und ich, waren warm miteinander geworden. Ich richtete mich langsam ein, es folgte Farbe an den Wänden, irgendwann gar eine Deckenlampe, um nicht weiterhin bei Betreten der Wohnung durch die Dunkelheit zu tapsen. Auch wenn ich die Kochstraße weiterhin für ihren Verkehr verteufelte, so näherten auch wir uns an. Ich entdeckte den Obst- und Gemüsehändler meines Vertrauens, der mich im Sommer mit großartigen Wassermelonen versorgte und nicht nur mit unschlagbaren Preisen punktete, sondern auch mit einer Fußläufigen Erreichbarkeit von 2 Minuten. Das Café Westberlin direkt ums Eck wurde mein Rückzugsort zum Schreiben und Entspannen und bot auch dann stets Nahrung, wenn mein Kühlschrank mal wieder gähnende Leere präsentierte. Unschlagbar: das Ziegenkäse-Rote Beete Stüllchen. Die Nähe zum Tiergarten, sie war weiterhin das ganz große Plus. Zum Joggen stets wunderbar zu erreichen, ob tagsüber oder am Abend. Zum Rumliegen auf der Decke oder zum Spazierengehen – es war und blieb mein liebster Park. Aber auch der Gleisdreieckspark, der sich in den letzten Jahren immer einladender gestaltete, wurde Laufziel, Zeitungsleseziel, Picknickziel.

Verließ ich meine Wohnung über den Hof, so durchquerte ich stets die Zimmerstraße, die in den 5 Jahren wohl die größten Veränderungen durchlief. Die Trabi-Safari war stets da, soweit ich mich erinnern kann. Der Welt-Ballon auch, wurde in der Zwischenzeit aber ausgetauscht und leuchtet inzwischen im Dunkeln. Außerdem geriet er bei regem Wind in Schieflage und erschreckte etwa 20 Touristen, woraufhin er für einige Woche am Boden bleiben musste. Ein Stasi Museum kam und ging. Ein Winters-Hotel eröffnete und brachte nicht enden wollende  Bus-Kolonnen mit sich. Das Mauerpanorama von Asisi öffnete, ein amerikanischer Schulbus verkaufte Waffeln und Eis und verschwand wieder. Der Händler von russischen Fellmützen und Gasmasken wurde vom Pizzaladen verdrängt.Ein Trabi-Museum eröffnete. Einzig treue Seelen der Zimmerstraße waren die beiden Designläden mit originalen made in Berlin Produkten, in denen man auch als Nicht-Touri wunderbar stöbern konnte sowie ein Laden namens „Wall Street Gallery“, dessen Bestimmung ich noch nicht herausfinden konnte. Lediglich von spiritueller Natur scheint er zu sein. Des nachts brennt stets eine Kerze im Schaufenster, angezündet von einer grauhaarigen Dame im langen Gewand, die aussieht, wie die weibliche Version von Gandalf.

Nun ist die Zeit für einen Tapetenwechsel und ein neues Kapitel gekommen. Die Suche nach einem neuen Zuhause ist für alle ein Drama, die genaue Vorstellung von dem haben, was sie wollen und wo sie es wollen. Es führt dazu, dass man plötzlich recht flexibel mit dem ursprünglichen festgelegten Miet-Budget umgeht. Und feststellt, dass Berlin doch irgendwie gar nicht so groß ist. Sicherlich gibt es sie noch, die Wohnungen für 600 bis 700 Euro pro Nase, die ganz zauberhaft sind. Aber sie liegen eben immer da, wo sie nicht liegen sollten. Und ja, ein bisschen anspruchsvoll möchte man in Berlin eben noch gern bleiben. Noch sind wir nicht bei Londoner, Pariser oder New Yorker  Zuständen angekommen. Noch möchten wir so zentral wohnen, wie wir es uns vorstellen – wobei zentral immer da ist, wo man gerade sein Zentrum sieht. Wo die Freunde wohnen, man arbeitet, man sich Freizeit und Entspannung gut vorstellen kann.

Nun, allen Umzugswilligen sei an dieser Stelle viel Durchhaltevermögen und Erfolg gewünscht. The hunt has just begun.

 

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vom dicken B in den strandkorb.

Jene Mitbürger, die ihre ersten Kindheitsjahre noch in der DDR verbrachten, fühlen sich zur See, genauer gesagt, zur Ostsee, sicher genauso hingezogen wie ich. Viele schöne Optionen von Reisezielen gab es schließlich nicht. Keine Dreh-den-Globus-und-Finger-drauf-Spielchen. Ich hörte meine Eltern nicht sagen „Oh, in Guatemala sind wir ja noch nie gewesen, da sollen wir unbedingt mal hin!“ Statt dessen durften sie aus der Vielfalt der sowjetisch besetzten Ostseebäder wählen. 

Meine Erinnerung an die Ostsee setzt sich also aus verschwommenen Bildern, Erzählungen, und Fotos zusammen. Ein Schwarz-Weiß-Film zieht sich penetrant über jedes einzelne Bild im Kopf. 

Meine erste Schulmappe zum Beispiel fand hier ihren Weg zu mir als ich vier war. Nicht, weil meine Eltern meinten, man könne das Kind nicht früh genug auf den Unterricht vorbereiten, sondern weil mein Mini-Ich sich unsterblich in das hübsche Ledertäschchen verliebt hatte. So kam es, dass ich mit einem leeren Schulranzen auf dem Rücken begeistert den Möwen am Strand hinterher jagte. Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, dass ich mit meiner Einschulung zwei Jahre später hart in die Realität der sich ständig wandelnden Taschenmode geworfen wurde. Was größtenteils mit dem Fall der Mauer zu tun hatte. Meine Version der Schultasche war out. Ohne es zu wissen, trug ich damals schon DIE Verkörperung von Old-School spazieren, die heute als ziemlich mega verdammt hip gefeiert wird. Einzug hatten damals, von heute auf morgen, die amerikanischen O’Neils und Scouts gehalten, die natürlich viiiiel cooler waren, da größer und imposanter und farbenfroher. Langsam dämmerte es mir: es gab viel zu entdecken in dieser neuen Welt. 

Auch lernte ich an der See schmerzhaft, dass nicht alle Mietzekatzen so herzzerreissend süß waren, wie mein pechschwarzes Mohrchen daheim. Dabei wollte ich doch nur mal über das weiche Fell streicheln. Das garstige Ding rächte sich sich mit einem ordentlichen Hieb und traf nur allzu gut, so dass man sich sicherheitshalber entschied eine Anzahl von Tollwutspritzen in meinen Bauch zu jagen. Als wäre das nicht alles schon dramatisch genug gewesen, suchte ich bei der Heimkehr vergeblich nach meinem Haustier. Bis zum heutigen Tag glaube ich in schwarzen Katzen meine wiedergeborene Mohrchen zu sehen. Kindheit kann brutal sein. 

Aber verlieren wir uns nicht in Details. Die Ostsee weckt Sehnsüchte & Erinnerungen. Ich werde mich wohl immer ein wenig mehr mit ihr verbunden fühlen, als mit anderen Reisezielen. Doch eins gilt es nach wie vor zu verstehen: wohin pflanzt man sein Ostseeherz denn nun? Viele Jahre lang dachte ich, der Darß sei jener Ort, den man, einmal gefunden, nie wieder her gibt. Prerow mit seinem wunderschönen Sandstrand, dessen Highlight der verwegene, wüste und stürmische Weststrand bildet. Das hübsch hergerichtete Zingst, die zuckersüßen Orte wie Wieck und Ahrenshoop.

Doch nun führte mich ein Wochenendausflug nach langer Zeit zurück auf die Urlaubsinsel meiner Kindheit. Usedom hat mein Ostseeherz im Sturm erobert. Dünenwälder und kilometerlange Strände, eine grüne, hügelige Landzunge soweit das Auge reicht. Märchenhäuser und maritimer Charme. Perfekter weißer Sand. Über 42 Kilometer erstreckt sich der Strand der Außenküste. Das längste zusammenhängende Stück, das es zu erlaufen gibt, misst ganze 8.4 km und bildet somit die längste Strandpromenade Europas. 

Die Sonne strahlte vom Himmel, als würde sie dort nie verschwinden wollen. Die zarten Zuckerwattewölkchen am Horizont haben sich – da bin ich mir ganz sicher – nur zur Deko aufgebaut. Barfüßiges Flanieren in der am Strand aufschlagenden Gischt der Wellen. Meine verblassten und vergrauten Kindheitserinnerungen haben wieder Farbe angenommen.

Eine Sache ist jedoch charakteristisch für die Ostseeküste allgemein. Zu finden auf dem Darß wie auf Usedom: Paare im Outdoor-Einheitslook – bevorzugt Jack Wolfskin – die, gewappnet gegen alle wetterlichen Widrigkeiten, sich zum Ziel gesetzt haben den Tag, komme was wolle, ohne Frösteln und Luftzug durch poröse Baumwollfasern zu überstehen! Ich warte auf den Tag, an dem die Dinger zu Dutzend im Vorteilspack verkauft werden und ich eine Großfamilie, einer wie der andere aussehend, am Strand tollen sehe. Ich werde anhalten und ein Foto machen. Versprochen. 

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Von beherzten Sprüngen auf Heuballen.

Das Geheimrezept für einen perfekten Sonntag kannte ich an sich schon. Kein Stress, liebe Menschen, eine hübsche Umgebung, gutes Essen. Sind wir mal ehrlich, viel mehr braucht man doch nicht. Ich möchte mir dennoch erlauben etwas anspruchsvoller zu werden. Ergänzend und präzisierend füge ich hinzu: Wald, Wiese, See, Heuballen, Störche, Rehe, Pferde, Fahrrad, Käsebrote, ein von Schleierwolken durchzogener blauer Himmel. Sommer.

Ja mei, wer hätte gedacht, dass der Norden von Berlin so ein zauberhaftes Fleckchen Erde sei. Ich gestehe, meine Vorstellung war ein wenig von Vorurteilen behaftet. So ganz kann ich nicht rekonstruieren, wie sich diese Vorurteile manifestierten (wie das ja häufig so bei Vorurteilen ist), jedenfalls zog es mich bisher bevorzugt in sämtliche andere Himmelsrichtungen. OK, ich bin ehrlich, meist zog es mich an die immer gleichen Eckchen: Heimat (also Süden) oder gen Wannsee. Wie lange man doch manchmal braucht, um Orte zu entdecken, die so nah sind.

Diese wunderbare, nahezu Menschenleere Gegend kann ich als Ausflugsort wirklich nur jedem ans Herz legen (fast jedem – es soll schließlich ein beschaulicher Ort bleiben). Von Bernau aus folgt man ganz einfach dem Radweg, der, wenn man ihm kraftvoll und See-hungrig folgt, direkt an die Ostsee führt. Diese Strecke von Berlin nach Usedom ist seit gestern auf meiner to-do-Liste derer Dinge, die man sich vornimmt und dann seeeehr lange braucht, bis man sie tatsächlich in die Tat umsetzt. Mein Anspruch an meine Realisierungspläne seien an dieser Stelle jedoch wirklich ernst zu nehmen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich bereits mit vollen Fahrradtaschen, 25 Litern Wasser und einem wund gesessenen Hintern über die Fahrradwege flitzen.

Während man den Blick über die weiten Wiesen streifen lässt, die majestätischen Windräder aus der Nähe bestaunt, den Geruch von frisch gemähtem Gras einatmet und überlegt, warum das kleine Wölkchen dahinten am Himmelsdach an einen Mumin erinnert, vergisst man all das, das es an einem Sonntag zu vergessen gilt. Der Blick auf die nächste Woche löst sich in Luft auf.

Das schöne an dieser Gegend ist die landschaftliche Abwechslung. Weites Feld, Wald, See. Erreicht man den als Endziel auserkorenen See, so steht selbstverständlich fest, dass eine ausgedehnte Rast dazu gehört. Punkt. Dazu gehört die Picknickdecke mit all ihren köstlichen Details und eine Badehose, wahlweise Bikini oder einfach nüscht, wenn sich ganz doll gern hat. Und wenn der Tag sich dann dem Ende neigt, das Licht sich dämpft und die ersten Mücken ihren Durst stillen, dann guckt man auf einen stillen See, nippt am Vino und denkt sich: Es sind halt doch die kleinen Dinge. 

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More pictures to come…

ein plädoyer für weniger hast.

Das Schöne am Leben in einer Großstadt ist die visuelle Abwechslung. Das Auge hat immer etwas zu entdecken. Der Haken an der Sache ist jedoch: Wir haben in der Regel keine Zeit genau hinzuschauen. Wir fahren unsere bekannten und vertrauten Wege ab, um möglichst schnell irgendwo hin zu kommen und ja kein Risiko einzugehen uns zu verfransen. Beim Fahrrad fahren gucken wir auf die Straße, um nicht schon wieder unsere neuen Reifen am nächsten Flaschenhals zu verlieren und achten penibel auf den Verkehr, um nicht vom nächsten Rechtsabbieger umgemäht zu werden. In den Öffentlichen schauen wir auf das Handy oder ins Buch und beim Laufen müssen wir letztendlich auch nur von A nach B kommen und so hasten wir mit starren Blicken über die Fußgängerwege.

Es sei denn man hat frei und Zeit für Spaziergänge. Wie ich an diesem letzten Urlaubstag, der sich so klammheimlich hat angepirscht. Doch welch Glück, er schenkte einen Hauch von Sonne und so tat ich, was ich bisher zu selten tat: ich zog zu Fuß los. Mit Musik auf den Ohren, der Kamera in der Tasche, einem Kaffee in der Hand und Sonnenstrahlen im Gesicht. Aus Angst die Sonne während der Fahrt in der U-Bahn zu verlieren, entschied ich mich für die fußläufige Gegend, die mir zwar bekannter ist als, sagen wir mal, Schöneberg, aber, so stellte ich erneut fest, das Gute liegt so nah und ist gleichzeitig so unbekannt. Eben genau aus dem oben genannten Grund: zu wenig Zeit, zu wenig Bewusstsein für unsere Umgebung. Wir wählen die immer gleichen Wege, dabei könnten wir spielend einfach neue Bilder malen, würden wir nur öfter vom Wege abkommen. Mir ist es heute gelungen und so habe ich mich zwischenzeitlich in Seitenstraßen verloren mit dem Gefühl ganz woanders zu sein, als nur 20 Minuten von daheim. Großartig!

Also, lasst uns öfter vom Wege abkommen und Neues im Bekannten entdecken!

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keine zeit auf den frühling zu warten.

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ich stimme für all-over-häuser.

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türsteher.

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nach wie vor besetzt.

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irgendwie gruselig, die gute.

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auch diese freifläche wird verschwinden.

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südstern.

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altes berlin, schönes berlin.

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herzallerliebst.

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mittendrin und doch so leer.

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kein kletterbaum.

 

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sie lauert schon.

kreuzberg

mehr farbe braucht die stadt.

 

wenn die zukunft ganz fern ist.

Ich habe es tatsächlich zur Sparkasse geschafft. Nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil man mich unter dem Vorwand falscher Behauptungen zu sich gelockt hat. Nun, es kam mir gelegen, ist die Kontoschließung doch nun endlich unter Dach und Fach. Doch war mir nicht bewusst, dass ein Besuch bei der Sparkassentante des Vertrauens (die Frau Pusch nun unfreiwillig ist – sie kennt meine Finanzen und meine Lebenssituation) automatisch auch eine Auseinandersetzung mit den ganz großen Zukunftsfragen bedeuten würde.

Sie schien fest davon auszugehen, dass Menschen in meinem Alter eine Grundahnung davon haben müssten, für was sie ihr Geld sparen. Bewusst sparen. Nun, es mag sicherlich einige Gleichaltrige geben, die sehr verantwortungsvoll und vorausschauend mit ihren Finanzen umgehen. Die Bausparverträge, Wertpapiere oder gar Immobilien haben, so dass sich das Geld langsam aber sicher vermehrt. Ein Großteil jedoch spart allerhöchstens für den nächsten Urlaub, bei dem man es dann so richtig krachen lassen will. Ans Häusle bauen oder kaufen denkt kaum jemand. Stattdessen freut man sich über ein regelmäßiges Einkommen und eine halbwegs erschwingliche Wohnung mit mindestens 50 Quadratmetern im immer teurer werdenden Berlin. Die Zukunft kommt übermorgen, da kann man sich mit solchen komplexen Themen dann ja immer noch beschäftigen. Wozu natürlich auch ein weitere Unannehmlichkeit gehört: die Rentenvorsorge. Frau Pusch war so nett mich daran zu erinnern, dass ich ja nun leider, leider keine Rente oder wenn, dann nur einen Mindestbetrag, erhalten würde. Ihr ermahnender, beschwörender Unterton und der fürsorgliche Rat für das Alter vorzusorgen mischten sich mit dem immer wieder kehrenden Hinweis zum möglichen Darlehen für den Erwerb einer Immobilie. Wenn es denn dann so weit sein sollte mit dem Niederlassen.

Mein nicht existenter Traum vom Eigenheim schien sie etwas zu irritieren. Auch, dass ich keine Vorstellungen von anderen großen Anschaffungen habe. Auto, Kind, Ferienwohnung, High-Tech Küche, Swimmingpool. Auf irgendetwas müsse man doch sparen und wenn es das Sparkonto des Erstgeborenen ist. Frau Pusch erwartet ganz schön viel. Wir sind doch gerade erst den Zwanzigern entwachsen und versuchen uns langsam auf die Anforderungen der Dreiziger einzustellen. Als ich persönlich gerade dachte, ich wüsste in welche Richtung ich blicken könne, hat ein unfreiwilliger U-Turn alles durcheinander gebracht. Und so geht es vielen. Wozu also planen?

Ja, wir ticken anders als die Generation unserer Eltern. Die hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ein Reihenhaus und haben an ihrer Terrasse gewerkelt oder Carports gebaut. Und wir? Wir wollen uns gern alle Optionen offen halten – festlegen wäre zu unflexibel. Es könnte ja schließlich noch was Besseres kommen.

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weniger ist mehr, mehr ist genug, genug ist zu viel, weniger zu wenig?

Ich wurde vor meinem Urlaub oft gefragt, ob ich weg fahre. Wenn ich verneinte, so war die häufigste mimische Reaktion das Vergrößern der Augen und ein seltsames Verziehen der Mundwinkel. Um nicht mehr in verzerrte Antlitze schauen zu müssen, habe ich meist schnell ein „vielleicht fliege ich spontan nach Barcelona, wenn mir langweilig wird“, hinzugefügt.

Nun, was soll ich sagen, es sind zwei Wochen vergangen und mir ist nicht langweilig. Im Vergleich zu all den vollgestopften Arbeitstagen, in die man versucht Job, Sport und Freunde zu quetschen, bin ich erstaunt (und erschrocken) wie Tag füllend es sein kann auszuschlafen, regelmäßig zum Sport zu gehen, zu lesen, Freunde zu treffen und maximal einen Termin am Tag wahrzunehmen. Friseur zum Beispiel. Oder eine Massage. Und Zahnarzt, leider. Man kommt im Urlaub nicht an allen unangenehmen Alltagsdingen vorbei. Wäre das Wetter hübscher, würde ich mit der Kamera bewaffnet noch etwas mehr durch die Stadt streifen, Straßenkunst ausfindig machen, Leute beobachten, Bäume umarmen. Und Cafés entdecken, deren Cappuccinos und Café Lattes dann durch meine kritische Kaffeebewertungsskala laufen würden.

Das Ziel war ja eigentlich Entschleunigung dadurch zu erreichen, dass ich mich sehr nah an die Grenzen von Langeweile treiben würde. Schockierend ist, ich erreiche diese Grenzen einfach nicht. Der Urlaub fliegt vorbei und ich kann absolut nichts dagegen tun. Letzter Versuch: ich verfalle in Schockstarre oder imitiere einen gestürzten Käfer in Rückenlage. Vielleicht hilft es auch den ganzen Tag „Mitten im Leben“ zu gucken, oder den Tag auf dem Laufband im Fitnessstudio zu verbringen.

Wir stellen uns ja oft die Frage ob wir unsere Zeit auch wirklich sinnvoll nutzen. Wenn wir sonntags auf dem Sofa liegen und es vorziehen schnulzige Liebesfilme zu schauen, statt draussen den strahlenden Sonnenschein zu genießen. Dann erinnert uns unser schlechtes Gewissen daran, dass uns gerade fürchterlich viel vom wichtigen Vitamin D flöten geht. Dass wir uns nicht bewegen, dass wir schönes Wetter von dem es nicht viel gibt, doch ausnutzen müssen. Dass wir eigentlich irre viel zu erledigen haben. Sicher, wir müssen unseren inneren Schweinehund hier und da an die Leine nehmen und Gassi führen, um zu sehen, dass es uns gut tut. Aber: der innere Schweinehund hat manchmal seine Daseinsberechtigung. Ich habe ihn willkommen geheißen und an manchen Wochenenden liegen wir gemeinsam unter eine Decke gekuschelt auf dem Sofa und freuen uns darüber. Das ist dann der wahre Genuss, ohne schlechtes Gewissen und nagende, vorwurfsvolle Gedanken ans bequeme Ego.

Wie viel sich doch unser Zeitgeist mit dem Thema Genuss auseinander setzt. Gerade erst widmete die brandeins eine Ausgabe der Frage: Was ist Genuss. Nach Generationen, die mit Krieg und politischer Instabilität, Mangelwirtschaft und Unterdrückung, limitierten Möglichkeiten und  verwehrten Rechten kämpfen mussten, führt die so genannte Generation Y Debatten darüber was Glück und Genuss ist und ob wir unser Leben so leben, wie man es sollte: to the fullest. Gerade erst hat eine interessante Rückwärtsbewegung begonnen: Materialismus macht uns müde, der Trend geht zu weniger ist mehr. Sei es in Bezug auf Verpackungen (Original unverpackt), Möbel, Luxus oder Genuss. Minimalismus gewinnt zunehmend Anhänger, mitunter gibt es Vorreiter, die kompletten Konsum- und Genussverzicht leben. Sie versuchen herauszufinden, was sie brauchen um glücklich zu sein und konzentrieren sich dabei auf das Wesentliche: den Menschen. Einige dieser Vorreiter, wie Kelly Sutton (cult of less), verzichten dabei auf fast alles – außer Smartphone und Laptop. Zugang zur digitalen Welt ist unverzichtbar.

Spannend. Und was für ein Luxus.

Nun, ich werde weiterhin bewusst und aktiv genießen. Ohne Reue nicht in den Flieger gestiegen zu sein. Schlafe ich 11h Stunden, so ist es halt so. Verspüre ich den Drang im Café Luftlöcher zu starren, dann tue ich es. Sehe ich etwas, das mir gefällt, kaufe ich es. Möchte ich Schokolade zum Frühstück: hell yeah, dann ist es halt so. Genuss muss nicht immer im direkten Verhältnis zu Vernunft & Verzicht stehen.

Eine to-do-Liste habe ich dennoch. Und ich konnte sogar schon ein paar Häkchen setzen. Ob ich es jedoch schaffe endlich das Sparkassenkonto zu kündigen, was seit etwa zwei Jahren völlig unnötigerweise Geld kostet? Unwahrscheinlich.

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darf’s noch ein gläschen sein?

Irgendwie mag ich die Vorweihnachtszeit lieber als das eigentliche Fest. Diese wenigen Tage, die an einem vorbei rauschen und ihren Höhepunkt in einer gewissen Skurrilität finden, die sich Familien-Überdosis nennt. Entzieht man sich dieser nicht, so futtert man von morgens bis abends abwechselnd herzhaft und süß und trinkt Rotwein in rauen Mengen. Jede Familie ist dabei anders und auf ihre Art seltsam, eigenartig, speziell. Wie man es auch nennen mag. Tragischerweise wird einem ja irgendwie immer ein Spiegel vorgehalten und man entdeckt jedes Jahr aufs Neue welche Charakterzüge man von wem hat, redet sich ein, dass man ja doch irgendwie ganz anders ist und hofft inständig, dass man sich in den kommenden Jahren nicht noch so die ein oder andere Eigenart aneignen wird. Die Vorliebe für asiatische Kampffilme zum Beispiel oder scharfem Essen, das einem die Geschmacksnerven abfackelt.

Jedes Weihnachten hält, trotz absoluter Routine, dann doch immer wieder Überraschungen bereit. Nein, mein politisch inkorrekter Vater ist es nicht, auch nicht das Interesse meiner Mutter am Leben anderer oder der sonderbare Musikgeschmack meines Bruders. Aber irgendwie fährt man dann am Heiligabend, ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag heim und denkt sich: „Irgendwie wild“. Es gibt nicht umsonst eine endlose Anzahl an Filmen, die sich chaotischen Familien-Konstellationen an Weihnachten widmen. Aber das ist auch gut so, gibt es einem doch das Gefühl nicht allein zu sein.

Das Problem, wenn man es so nennen möchte, ist der Druck. Ja, wie auf allem, so lastet auch auf dem Weihnachtsfest ein immenser Erfolgsdruck. Mindestens vier Wochen vorher geht das Trara los. Die Vorbereitungen, die Vorfreude… Um dann 2,5 Tage Zeit zu haben, sich als perfekte Familie der Welt zu präsentieren, die schönsten Geschenke einander zu überreichen, das leckerste Essen zu kochen und zu verputzen, die harmonischste Zeit miteinander zu verbringen. Weniger als Superlativ wird nicht akzeptiert. Und wehe wir verbreiten in den sozialen Netzwerken nicht Fotos von zauberhaft geschmückten Tannenbäumen, einander lieb habenden Familien und großzügigen Geschenke-Haufen, um jeden wissen zu lassen: wir haben das perfekte Weihnachtsfest. Dabei würde ein bisschen weniger Perfektion dem Weihnachtsfest gar nicht schaden.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich hab sie lieb, meine Familie. Es gab keinen perfekten Weihnachtsbaum, es war nicht immer harmonisch, es floss zu viel Rotwein und der Fernseher, der war tatsächlich auch mal an. Aber schön war’s dennoch. In diesem Sinne: Euch allen ein entspanntes Fest mit den eigenen Chaoten. Ich schau nun eine weitere Folge Shameless. Es gibt keine bessere Methode der eigenen Familie einen Heiligenschein zu verleihen. simpsons-xmas-intro-weihnachten-start-sequenz-youtube-2

Let’s drama

Ein guter Zeitpunkt für den Beginn dieses Blogs: das Erreichen des Alters, vor dem es dem gemeinen Heranwachsenden lange graute. Wenn man 30 Jahre auf dieser Erde weilte, so ist der Punkt erreicht, so zumindest mein Gefühl, an dem man vieles nicht länger leugnen kann, sich vor vielem nicht mehr drücken kann. Sei es, dass  die Zwanziger um sind (kann definitiv nicht geleugnet werden) oder wir Entscheidungen treffen müssen, die mehr Weitsicht, mehr Vernunft, mehr Bewusstsein erfordern (okay, drücken kann man sich schon).

Ich treibe es mal auf die Spitze: wir wissen, die Schonfrist der Zwanziger ist vorbei. In den Dreizigern hat man keine Zeit mehr für Spielereien, für ungezügelte Unvernunft, für Tänzeleien durch Wunschträume und Hoffnungsburgen. Während ich diese Worte schreibe, so schreit es in mir, dass uns all das natürlich weiterhin möglich ist. Aber doch liegt ein schmaler Grad zwischen dem was theoretisch möglich ist und dem, was wir praktisch insgeheim als unakzeptabel definieren und uns in den Dreizigern möglicherweise nicht mehr so glücklich macht wie in den Zwanzigern.

Ich habe diesen Blog bewusst den Absurditäten genauso wie den Normalitäten des Lebens gewidmet.  Die größte Absurdität und Normalität des Lebens ist das älter werden und die Veränderungen, die dieser Prozess automatisch und unveränderbar mit sich bringt. Und doch steckt hinter diesem Prozess ein enormes Spannungspotential. Sind wir also neugierig auf das was kommt. Ein bisschen lasse ich euch teilhaben an dem nicht Vorhersehbaren. Wenn der große Schock der 3.0 erst einmal verdaut ist.