gen osten und westen.

Ich spiele in letzter Zeit öfter mal Tourist in meinem eigenen Land. Und merke dabei: es gibt eine Menge zu entdecken. Tatsächlich habe ich weite Teile von meinem eigenen Heimatland noch gar nicht gesehen. Auch wenn die Urlaube in meiner Kindheit mich stets nur in deutsche Gebirge oder an die Ostsee führten: ich habe mir tatsächlich erst einen Bruchteil meines Landes erarbeitet. Was vielleicht auch nicht ganz überraschend ist, gehöre ich doch zu der Generation, die, auch wenn die Zeit der Mauer nicht ganz so prägend war, einen enormen Drang verspürte andere, fremde Orte und Länder kennenzulernen. Deutschland hatte ein wenig an Glanz verloren. Die große weite Welt lag unentdeckt vor einem.

Und so schön und faszinierend jede Reise in die wirkliche Fremde ist: Ein bisschen mehr Heimat sollte man hier und da für sich entdecken. Viel Gutes liegt tatsächlich ganz nah. Zum Teil nur ein paar Katzenhüpfer entfernt. Und wenn nicht ein paar Katzenhüpfer, dann auch nicht viel mehr als zwei Folgen Tatort oder vier Folgen der Lieblings-Netflixserie.

Da wäre zum Beispiel das wunderschöne Elbsandsteingebirge. Gerade mal ein Autostündchen entfernt. Man fährt quasi geradeaus, biegt drei Mal links ab und schon ist man da. Und Hallo Dresden & Leipzig: wann seid ihr denn so hübsch geworden? Von Krieg und Sowjets verunstaltet, haben sich die beiden Städte ganz arg gemausert. Leipzig tritt so selbstbewusst auf, man könnte meinen, es sei nie das kleine hässliche Ostkind gewesen, das so viel Häme und Spott über sich ergehen lassen musste.

Auch das Rheinland war bisher unentdecktes Terrain. Der Kölner Dom, du meine Güte. Was für ein beeindruckendes Ding. Da staunt man über die italienischen und spanischen Meisterwerke von Gotik und Barock und schafft es nicht einmal die lächerlichen 500 km gen Westen zu reisen. Abe warum auch, die Sonne scheint schöner in der Ferne und sind wir mal ganz ehrlich: die Dolce Vita, die Pasta Pomodoro und Gelato infinitamente sind in Kombination natürlich absolutes Totschlagargument. Kein Wunder, dass Köln auf der Holzbank sitzen bleiben musste, während die Schulkameraden bereits um den Sieg kämpften.

Und ist man erst einmal da, so stellt man fest: so ganz uninteressant ist die gesamte Region um Köln nicht. Ich muss ja gestehen: ich hatte so meine Vorbehalte, wenn es um die diversen Rhein-Metropolen ging. Was man aus Kölner Karnevalszeiten so mitbekommt, das ist einem als Berliner ja nicht ganz geheuer.  Und beim Düsseldorfer Modegeschmack kann man auch nur verwundert den Kopf schütteln. Manch einer mag ja Recht haben, wenn er sagt, Berlin fehlt es manchmal etwas an Chic, aber das was Berlin zu wenig hat, hat Düsseldorf doch ganz klar zu viel.

Aber: irgendwie hat dann doch jede Stadt ihren Charme und sowohl Köln, als auch Düsseldorf, konnte ich bisher positives abgewinnen. Und während ich das schreibe, kotzt mich meine eigene Großstadtarroganz mal wieder an, denn wie selbstverständlich bildet man sich doch ein, anderswo gäbe es dieses und jenes nicht und überhaupt, anderswo geht’s eh nicht besser.

Am letzten Wochenende kam dann noch Münster, Bad Honnef und Köln zu meinem Stadtschatz dazu. Beschauliche Städtchen, eingebettet in idyllische Landstriche. Entdeckt in diesem Zuge auch: das Siebengebirge mit all seinen Burgen und Wandermöglichkeiten. Du meine Nase, Deutschland du wirst immer hübscher. Ein Plädoyer also an alle, die mal wieder raus wollen, ohne Deutschland zu verlassen. Ein langes oder kurzes Wochenende, das nicht an die Ostsee führt (so wunderbar sie auch ist). Es ist an der Zeit, mal ein paar neue Geschichten zu schreiben. Von sächsischen Felsformationen, 50 Bergen, ruhigen Seen und Denkmalen, die größer sind als der Eifelturm. Von mehr Fahrrädern als Einwohnern. Von Fahrradstraßen rund um Altstädte. Von schwerfälligen, düsteren Gemäuern, die uns mit auf eine Zeitreise nehmen.

Danach geht’s dann wieder zurück nach Berlin. Weil’s daheim eben doch am schönsten ist.

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vom dorf im pflaumenhain.

Wieder zurück auf Berliner Boden, fühlt sich das Stadtleben von Bangkok (wörtlich übersetzt mit Dorf im Pflaumenhain) irgendwie surreal an. Berlin ist – im Vergleich – so aufgeräumt, so leer, so strukturiert. Meine Augen suchen die Gehwege nach Essenständen ab, in meinen Ohren klingt immer noch der Lärm der Straßen, das Hupen der Taxis, der Dröhnen der Tuk Tuks. Beim Verlassen von Geschäften laufe ich gegen keine Hitzewand. Ich sehe keine Stromkabel, die sich zu dichten Wollknäueln zusammen fügen und muss nachts nicht aufpassen, dass mir eine Kakerlake über meine nackten, in Sandalen steckenden Füße rennt.

Ja, Bangkok ist wahrlich keine schöne Stadt. Aber sie ist eine verrückte, chaotische Stadt, die auf neue Besucher viel Faszination ausübt und sicherlich einen jeden in ihren Bann zieht. Leben könnte ich in dieser 12 Millionen Metropole nicht. Die Hitze, sie würde mich wahnsinnig machen. Bangkok ist im Jahresdurchschnitt die weltweit heisseste Stadt – mit einer durchschnittlichen Tagestemperatur von 28 Grad. Hinzu kommen der Lärm und der Smog, verursacht von einem katastrophalen Verkehrsaufkommen. Das U- und Hochbahnnetz der Stadt kann nur einen kleinen Teil des öffentlichen Verkehrs abdecken. Dafür hat die Stadt das größte Busnetz weltweit. Man addiere rund 100.000 Taxis, gefühlt hunderttausende Roller und ein paar tausend Tuk Tuks und fertig ist das perfekte, nie enden wollende Verkehrschaos. Die uns bekannte Rushhour wird in Bangkok obsolet. Rushhour ist ein omnipräsenter Zustand. Atemschutzmasken sind angesichts der massiven Luftverschmutzung also nicht verwunderlich. Gerade jene, die den Abgasen direkt ausgesetzt sind, wie Tuk Tuk Fahrer und Straßenverkäufer, sind besonders häufig mit ihnen zu sehen.

Leider fehlt es der Stadt an Grünflächen, welche sich positiv auf die urbane Luftqualität auswirken würden. Als Berliner sind wir so verwöhnt von den vielen Parks und Freiflächen, die sich überall finden lassen. Von grünen Oasen inmitten von viel Trubel, die Ruhe und Erholung versprechen. In Bangkok gibt es gerade mal zwei größere Parks – Schatten sucht man hier leider größtenteils vergeblich. Auch die vielen Kanäle, die die Stadt einst hatte – Bangkok wurde gar als Venedig des Ostens bezeichnet – existieren heute nicht mehr. Sie mussten den vielen Straßen weichen, auf denen sich heute der Verkehr staut. Auf den Kanälen spielte sich das tägliche Leben und der tägliche Handel ab. Überbleibsel ist der schwimmende Markt, der besonders für Touristen ein beliebtes Ziel ist.

Bangkok ist sage und schreibe 17 mal größer als die nächst größere Stadt. Hier konzentriert sich die gesamte Wirtschaftskraft des Landes. Dies ist, angesichts der Tatsache, dass Bangkok in einer Senke und gerade mal 2 Meter über dem Meeresspiegel liegt, eine besonders kritische Tatsache. Steigt der Meeresspiegel wie vorhergesagt wird an, so bedeutet dies eine ernste Bedrohung für Thailands Wirtschaft. Davon abgesehen, wie unvorstellbar die Evakuierung einer 12 Millionen Metropole ist.

Von 1970 bis 2000 hat sich die Einwohnerzahl der Stadt verdoppelt. Die Metropolisierung begann in Asien deutlich später – geschah dafür aber in einem unfassbaren Tempo. Welche Herausforderungen dies für die Stadtplanung bedeutet, ist vorstellbar. Ein gesamtstädtisches Konzept ist quasi nicht existent. In Windeseile werden Hochhäuser dort hochgezogen, wo eben noch Wellblechhütten standen. Ein 5-Sterne Hotel neben bitterer Armut. Hochmodernes neben Traditionellem. Business-Tower neben Tempelanlage (wovon es übrigens sage und schreibe 485 gibt). Bangkok ist eine Stadt des krassen Kontrasts. Es sind zwei Welten die da aufeinanderprallen und die Schere zwischen Arm und Reich, sie klafft riesengroß.

Preisverhältnisse, so wie wir sie kennen, werden völlig ausser Kraft gesetzt. Man kann ein Gericht für etwas mehr als einen Euro erhalten. Ein Bier kostet gleich viel oder mehr. Für einen Kaffee oder Eis zahlt man in der Regel europäische Preise. Man kann sich stundenlang für ein paar Euro von Taxi oder Tuk Tuk durch die Gegend fahren lassen. Ein Tagesticket für den Sky-Train kostet fast drei mal so viel wie ein Gericht an einem der Straßenstände und etwa so viel wie 45 Minuten Taxifahren. Kleidung, technisches Geräte, alle Marken, die aus Europa, den USA importiert werden, liegen im uns bekannten Preissegment. Für einen Thai mit dem Durchschnittseinkommen von unter 400 US-Dollar im Monat absoluter Luxus.

Was besonders auffallend war: so chaotisch, durcheinander, heruntergekommen die Stadt auch ist, ihre Gehwege sind auffallend sauber, obwohl nirgendwo Mülleimer zu finden sind. Wenn man Glück hat, findet man hier und da süße kleine Müllbeutel, wo man sein Papier entsorgen kann. Dazu kehren Thailänder regelmäßig die Gehwege – ein Bild, was in Berlin undenkbar wäre. Hier stehen an jeder Ecke Mülleimer und dennoch versinken wir im Müll.

In der Nacht verändert sich Bangkok und entwickelt eine ganz andere Dynamik. Die sengende Hitze und das gleißende Sonnenlicht weichem buntem Licht, das von riesigen Werbeflächen, den vielen Shops und Restaurants strahlt. Die Gehwege sind voller als am Tage, das Nachtleben pulsiert eifrig. Befindet man sich auf einem der Hochhäuser und schaut hinunter auf die hektischen Straßen, die von hier oben wie kleine Ameisenkolonnen aussehen, lässt man den Blick schweifen in die Weite der Stadt, die vielen blinkenden Skyscraper, dann vergisst man für einen Moment die Kontraste und sieht Bangkok so, wie es sich nach aussen präsentieren möchte. Dabei wird die Stadt immer tief mit seinem traditionellen und spirituellen Charakter verwurzelt bleiben. Egal wie viele Häuser man noch in die Höhe schießt, das Bild, welches sich einprägt, wird auf der Straße geschaffen. Es zeigt die Wats mit goldenen Buddhas, Blumenkränze als Glücksbringer, Woks am Straßenrand, Verkaufsstände wohin das Auge reicht.

Man kann sicherlich gespannt sein, wie sich Bangkok in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird. Ich hoffe, sie bekommt einige ihrer größten Probleme wie Luftverschmutzung und Verkehr in den Griff. Und ich hoffe, man findet auch in Zukunft noch so großartige Papaya Salate, Phad Thais, Currys und Mango Smoothies in der Si Lom Straße wie heute.