Zu Besuch an der Elbe.

Meine Generation ist eine reisende. Sie nutzt alle Freiheiten, alle Annehmlichkeiten, alle Vorzüge, die der Massentourismus mit sich bringt. Je exotischer das Ziel, desto besser.

Ich liebe sie auch, die Fernreisen. Aber man kann sie in der Regel an ein bis maximal zwei Fingern abzählen, möchte man nicht nur Zeit im Flieger sondern tatsächlich auch am Zielort verbringen. Um über das Jahr verteilt ganz viel Freunde aufs Wegfahren zu kreieren, bedarf es einiger guter Ziele in nicht allzweiter Entfernung, die sich perfekt für Kurztripps eignen. Sie schonen neben der knappen Ressource Zeit auch das Budget (es sei denn man ist auf einen gewissen Luxus angewiesen). Ein solches nahbares Ziel ist die Sächsische Schweiz. Aus irgendeinem Grund führte es mich erst vor zwei Jahren hier her, obwohl ich doch gerade mal 230 km entfernt aufwuchs.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich, wie viele andere, komme hier und da an einen Punkt der Stadt-Verdrossenheit. Hat man diesen Zustand erreicht, an dem man Menschentrubel erschöpfend findet, dann mag diese head over heels Reaktion nicht ungewöhnlich sein. Wer verliert sich schließlich nicht gern in der Ruhe des Waldes, wird nicht gern überrascht von immer neuen Wendungen malerischer Wege, die mitunter in schwindelerregende Höhen münden, trifft nicht gern auf beeindruckende Felsformationen, neben denen alles andere so klein und deplatziert wirkt.

Meine Liebeserklärung an diese Region und den Malerweg insbesondere, würde ich hier nicht öffentlich machen, hätte ich mehr als ein paar bescheidene Leser, möchte ich doch zumindest in off-seasons noch größtenteils in trauter Zweisamkeit durch den Wald stapfen – mit nicht mehr im Ohr als dem Rascheln, Rauschen und Zwitschern des Waldes.

Die Sächsische Schweiz ist vor allem bekannt durch ihre beliebte Reisedestination: die Bastei. Ein Ort, den man zwar unbedingt besuchen sollte – idealerweise jedoch an Tagen, die andere nicht zum Rausgehen einladen. Denn wer vor Menschen flieht, wird hier die traute Verbundenheit mit der Natur und nur der Natur nicht finden. Statt dessen führen Selfiesticks und Regenschirmen folgende Schwärme in Funktionskleidung zu Schnappatmung. Hat man seinen Blick über das Elbtal und das Elbsandsteingebirge streichen lassen, ist den Weg über die Basteibrücke gegangen, so kann man sich guten Gewissens flink von hier fortbewegen, um die Bewegung und die Ruhe zu suchen, die, der gemeinen Bequemlichkeit sei es gedankt, nicht die Massen anzieht.

So schön die Natur in vielen Regionen auch ist, eines sucht man dafür leider häufig vergeblich: gute Küche. Es dominiert die traditionelle Hausmannskost, die zweifelsohne sehr gut sein kann, aber, meiner Erfahrung nach, meist doch nur mittelmäßig ist. Durch Zufall stieß ich beim ersten Besuch auf ein Restaurant, dass sich, welch eine Überraschung, ganz untypisch für diese Region positionierte. Vegetarische/vegane Küche und das noch in einem Ambiente, das man liebevoll-modern nennen kann, war Balsam für meine geplagte Foodieseele, die Abende zuvor in rustikalen Gasthäusern verbracht hatte. Ohne charmantem Ambiente, dafür mit Klößen aus der Packung und zähem Kassler.

Es stellte sich heraus, dass ein wacher Unternehmer die Dringlichkeit erkannt hatte, mit der es die Region, die häufig vom Hochwasser betroffen war, zu retten galt. Schmilka ist ein winziger Ort an der Grenze zu Tschechien, der innerhalb kurzer Zeit die Hälfte seiner Bevölkerung durch Abwanderung verloren hat. Es blieben gerade mal knapp 100 – ja, der Ort ist klein. Sehr klein. Sven Erik Hitzer, der einst zum Wandern in die Region kam, hatte eine Vision, die er konsequent umgesetzt hat, trotz ständiger Widrigkeiten, die das Hochwasser mit sich brachte. Er schuf nicht nur ein Restaurant, dass sich ganz stark von anderen Restaurants in der Region abhebt, er schuf ein ganzheitliches Tourismus-Konzept. Der Fokus dabei liegt auf Bio. Aus dem ersten Bio-Restaurant in Sachsen entstand in den letzten Jahren so viel mehr. Hotels, Ferienwohnungen, eine Brauerei, Bäckerei und überall arbeitet man nach strengen ökologischen Standards.

Sven Erik Hitzers Vision hat den Ort fest im Griff und das ist gut so. Schmilka wird Leben eingehaucht. Nicht nur, weil mehr Besucher kommen und wiederkommen, sondern auch, weil man am Puls der Zeit bleibt. Man fühl sich wohl in den mit unfassbarer Liebe zum Detail eingerichteten Restaurants. Der kleine Kern seiner Bio-Oase ist eine Ansammlung an alten Fachwerkhäusern, zu denen eine Mühle, die Brauerei und Bäckerei gehört. Auf dem Hofe nebenan lodert Feuer in großen Öfen, drinnen kann man nach dem Essen dem Filmabend beiwohnen oder der Live-Musik von lokalen Künstlern lauschen. Denn auch das macht das Konzept attraktiv: es passiert was in Schmilka. Man muss die Abende nicht vorm Fernseher verbringen, sondern kann sich unter Leute begeben – sind es auch nicht viele, aber wenige sind besser als keine, in dieser mitunter fast schon einsamen Region an der Elbe.

Ich persönlich würde immer wiederkommen. Der Natur wegen und der Abgeschiedenheit. Der guten Küche wegen und der Gemütlichkeit, die in diesem kleinen Bio-Refugium den Gast erwarten. Vielleicht ist es auch einfach das heimelige Gefühl, das die perfekte Ergänzung ist zur Ruhe der Wälder, Felsen und Canyons. Und die Tatsache, dass es nur einen Katzensprung vom quirligen Berlin entfernt ist.

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Mach’s gut, 2017.

Der zweite Beitrag in 2017. Dieses Jahr habe ich erfahren, wie stark man Interessen vernachlässigen kann, die man sich doch eigentlich auf die Prioliste gesetzt hat. Weil man weiß, dass sie einem gut tun. Weil sie besser sind als Netflixen oder Instagramen. Und doch werden all die Dinge, die man hin und wieder gern macht, zu einer Verpflichtung. Selbst zu einem Buch zu greifen ist inzwischen zu einer Art Herausforderung geworden. Wann ist das eigentlich passiert? Ich habe Bücher einst inhaliert. Habe stundenlang bei schlechten Lichtverhältnissen gelesen, weil ich die Geschichten einfach nicht zur Seite legen konnte.

Inzwischen ist mein Buchkonsum auf, grob gschätzt, eins pro Quartal gesunken. Zeitungen, Bildbände oder Magazine sind irgendwie leichter zu verdauen im Alltagsrausch, der meine Aufmerksamkeitsspanne auf höchstens 30 Minuten reduziert hat. Während dieser kurzweiligen Konzentrationsphase spukt jedoch mindestens einmal der Gedanke durch den Kopf, doch theoretisch mal einen Blick aufs Handy werfen zu können. Ein ekelhafter Zwang, den ich mir 2018 abgewöhnen möchte.

Ein weiteres Jahr ist also mal wieder verpufft. Und wenn ich dem Schreiben in diesem Jahr schon nicht treu war, dann möchte ich wenigstens meinen Jahresrückblick nicht vernachlässigen. Das Ende eines jeden Jahres ist für viele, mich eingeschlossen, ja irgendwie doch eine emotionale Kiste. Bei mir war das schon immer so und wird sicher auch immer so bleiben.

Ein nicht ganz so emotionales Thema und doch in diesem Jahr auf gutem Wege dahin: das Wetter. Denn 2017 bleibt mir vor allem als das Jahr mit dem bescheidesten Sommer in Erinnerung. Und weil der Sommer schon so grau und nass war, macht mir der Winter mit seinen noch graueren und unfassbar kurzen Tagen (jetzt mal im Ernst, waren sie schon immer so dunkel?) noch mehr zu schaffen als ohnehin schon. Ich mag ein kleines Wettersensibelchen zu sein, aber das, in diesem Jahr, das kratzt an der Zumutbarkeit. Aktuell schustere ich an einer Lösung, wie ich mein Leben zwischen diesem dunklen Fleckchen Erde und einem sonnengeküssteren Teil aufteile, ohne dem finanziellen Ruin nahe zu kommen.

Denn was auch in diesem Jahr geschehen ist: ein Wohnungswechsel. Und das ist in Berlin ja inzwischen eine Kostspielige Sache geworden. Die Suche die dem vorweg ging, hat 2016 fast gänzlich eingenommen. Um so schöner, wenn man die alte Wohnung dann tatsächlich verlassen kann, im Idealfall ohne Wutanfälle (schöne Grüße an die Beta Immobilien GmbH), um die neuen vier Wände zu beziehen. Und so zog sich dieses Thema ja irgendwie durch das ganze Jahr. 2017 war also ein Jahr des neu Einrichtens. Was großen Spaß macht, aber einen ja auch vor fürchterlich viele Entscheidungen stellt. Farben, Formen, Größen, Materialien… von allem gibt es irgendwie zu viele Möglichkeiten und hinter jeder Ecke lauert die bessere Option. Wie soll man sich da guten Gewissens festlegen?

Wenn man es aber einmal schafft und die Augen vor möglichen bequemeren Sofas, hübscheren Lampen, Kommoden, Bildern, Deko-Objekten verschließen kann, dann tritt ein wunderbarer Zustand des Angekommen sein ein. Wie erwachsen ich mich jetzt fühle, wo ich mich tagein und tagaus nicht mehr an meiner Kleiderstange vorbei schlängeln muss. Der neue Kleiderschrank hat Firlefanz, der mich ganz glücklich macht. Eine eigene Schublade für Schmuck zum Beispiel, Mädchenzeug eben. Die Küche dagegen hat nun den Firlefanz, den man einfach nicht missen solle: eine Geschirrspülmaschine. Was ich dieses Jahr gelernt habe, ist dass mancher Verzicht einfach nicht nötig ist. Ich habe ja schon einiges ausprobiert: 3 Monate ohne Kühlschrank beispielsweise. Kann man machen, sollte man aber nicht. Das gleiche gilt für den Geschirrspüler. Cleverer konsumieren sind hier also die Zauberworte, die ich mir für 2018 auf den Zettel schreibe. Im schnellen Konsum war ich schon immer Weltmeister. Die großen Inventionen habe ich dafür gern gescheut. Höchste Zeit ein bisschen durchdachter mit dem Thema umzugehen. Danke 2017, dass ich: Geschirr nicht mehr mit der Hand wasche, über funktionierende Deckenlampen verfüge und ich endlich beides gleichzeitig kann: auf dem Balkon sitzen UND Sonne tanken.

2017 war auch ein Jahr des Wiedersehens. Orte sowie Menschen. Und mir ist mal wieder aufgefallen, dass bei allem Neuen, das es zu entdecken gilt, es doch oh so wichtig ist, an Orte zurückzukehren mit denen man etwas verbindet. Und Menschen wiederzusehen, zu denen man eine Bindung hat. Egal wie lange man sie nicht mehr gesehen hat.

2017 war ein stabiles Jahr und brachte gleichzeitig so viele neue Erkenntnisse. Denn während vieles gleich blieb, änderte sich doch irgendwie alles. Manche Veränderung war schön, andere schmerzvoll – wie das eben so ist.

Beziehungen haben sich verändert oder gingen fort. Es musste los gelassen, verabschiedet und Frieden geschlossen werden. Der Alltag fand einen anderen Rhythmus. Wege veränderten sich, genauso wie Perspektiven und Meinungen.

Mein 2017 war auch: Reflektieren und über Schatten springen. Nicht wütend oder nachtragend sein. Statt dessen wertschätzen und bewahren. Zähne zusammen beißen und durchhalten. Mutig sein. Erfolge feiern und nicht zweifeln. Anerkennen, akzeptieren, gut sein lassen. Gehen lassen.

2018, bring it on!

zwischen brauchen und wollen.

Umzüge sind bitches. Während man die alte Wohnung leer räumt, passiert in der Regel Folgendes: man stellt fest, dass man eine Menge Zeug hat. Also trennt man sich von etwas Zeug. Bleibt immer noch ganz schön viel Zeug übrig. Weil der eigene Geschmack auch eine bitch ist und man sich nach ein paar Jahren gern von so manchem Möbelstück trennt, betritt man die neue Wohnung nun also mit ganz schön viel Zeug, ohne Orte zu haben, wo man das Zeug unterbringen könnte. Also kauft man mehr Zeug, um dort alles mögliche reinzulegen, was hier unangetastet die nächsten Jahre verweilt. Den Rest verfrachtet man in den Keller, wo es noch viel unangetasteter vor sich hin liegt, bis man es beim nächsten Umzug von einem Kellerraum in den nächsten Kellerraum bewegt.

Eine heilsame Wirkung hat so eine Wanderschaft mit all seinem Hab&Gut aber: man wird von dem Verlangen befreit unnütze Dinge zu kaufen. Sonderlich bedroht davon war ich ja noch nie (von Schuhen und Kleidung jetzt mal ganz abgesehen). Ich bin ein Freund davon auf möglichst vieles zu verzichten – das haben mir meine Eltern gut antrainiert, als sie sich damals gegen Barbies, Polly Pockets, Tamagotchis und sämtliche Produkte der Spielzeugindustrie entschieden. Ich lebte auf 9 qm2 fast Zeug-freiem Kinderzimmer und war glücklich, von Büchern umgeben zu sein. (Ein bisschen neidvoll schielte ich natürlich dennoch auf die bunte Spielzeugwelt außerhalb der meinen). Heutiges Resultat ist dafür: Wer braucht schon Eierkocher, wenn ein Topf genügt? Wozu Äpfel in Spiralen schneiden, wenn man reinbeißen kann? Warum dekantieren, wenn der Wein auch im Glas atmet? Wozu Pfannen, wenn man aufs Spiegelei verzichten kann? Nur nach drei Monaten ohne Kühlschrank ereilte mich dann doch die Erkenntnis, dass nicht jeder Verzicht tragbar ist.

Trotz vieler nicht-Anschaffungen sammelten sich dennoch einige Dinge an, schließlich richtet man so ein Zuhause mit der Zeit ja doch etwas wohnlich ein. Und ein paar, sagen wir, Erinnerungsberge, von denen wir uns nicht trennen wollen, die wachsen einfach. Und das ist auch fein so. Neben Dingen, die man nur ein- bis keinmal im Jahr anfasst, wurmen mich vor allem die Dinge, die die Welt nicht braucht. Beim Gang durch die Möbelhäuser und Dekobutzen fragt man sich doch wirklich, wer das alles kaufen soll. Das Zeug, was im Saisontakt ausgetauscht wird. Die Kunstblumen, Wackdackel, Kerzenständer, Weihnachtsornamente und Plastik-Osterhasen dieser Welt. Wir müllen die Welt und unsere Leben voll mit Dingen, die wir meinen zu brauchen, um uns dann irgendwann im Zuge des großen Frühlingsputzes von diesen, uns nun belastenden Dingen zu befreien. Wir werfen Ballast ab und machen Raum für neues Zeug.

Aus diesem Grund empfinde ich momentan große Zuneigung gegenüber den Dingen, die sich irgendwann, nachdem sie mir viel Freude bedeutet haben, einfach auflösen. Kerzen zum Beispiel. Gesichtsmasken. Eistüten. Lippenstift. Genauso toll finde ich Dinge, die man irgendwann entsorgen muss, weil sie „es hinter sich haben“. Laufschuhe zum Beispiel, mit denen man 1000 km gelaufen ist (pfff). Lieblingspullover, die nach 10 Jahren auseinanderfallen. Matratzen, die durchgelegen sind. Und dann sind da die Dinge, bestes Beispiel Schuhe, die man meint wegwerfen zu müssen, obwohl man aus abgelatscht, ganz schnell fast neu machen kann. Ich hoffe sehr, dass uns diese Handwerkskunst noch lange erhalten bleibt.

Was ich schon immer wusste und auch im Zuge dieses Umzugs erneut deutlich wurde ist, dass mein Umgang mit Produkten der Bekleidungsindustrie definitiv Optimierungspotential hat. Immer wieder ertappe ich mich dabei, Dinge in meinem Kleiderschrank mit verächtlichem Blicke zu begegnen. Du wirfst Falten, du bist nach dem Waschen immer knittrig, du bist unbequem, du trägst auf, du gefällst mir nicht mehr. Der Zeigefinger ist konsequent und verzeiht nichts. Ja, mein Kleiderschrank scheint wie ein schwarzes Loch, lediglich ein paar wenige Teile entziehen sich dem Sog und erreichen Status Lieblingsstück. Und egal wie hart ich seit Jahren daran arbeite/(kaufe), einer strukturellen Veränderung gegenüber scheine ich machtlos. Schuld daran ist neben meinem inkonsistentem Geschmack selbstverständlich auch die Verlockung eines nicht enden wollenden Stroms an textilen Neuheiten und einige Jahre in ständiger Konfrontation.

Ein Umzug bringt also viele Erkenntnisse. Die wichtigste: weniger ist definitiv mehr. Vielleicht sollte man beim Kauf von Schuhpaar No.80, Vase No.10 und Verteilersteckdose No.11 immer daran denken: diese Wohnung könnte nicht die letzte sein.

 

 

another holy moly.

Inzwischen brauche ich schon gar nicht mehr betonen, wie verrückt es ist, dass ich mich erneut dem Jahresrückblick zuwende. Da draußen, in der kalten Dezemberluft, der Abend des letzten Tages hat noch nicht einmal begonnen, fliegen bereits die Böller, während ich, zumindest gedanklich, noch im Verlauf des Jahres festhänge. Jedes Jahr nehme ich mir aufs Neue vor, mehr Zeit ins Schreiben zu investieren und schon ertappe ich mich wieder dabei festzustellen, dass kreativer Output zu kurz kam. Zeit ist ein seltsames Ding, manchmal meine ich, sie rennt von Jahr zu Jahr schneller. Und mit ihr verändern sich manchmal auch die Dinge, die gefühlt immer da waren oder zumindest, für sehr lang. „Wie lang ist für immer“, fragte schon Alice und der Hase antwortete: „Manchmal nur eine Sekunde“.

Wie viele andere, pflege auch ich die Tradition des zurück Blickens und Bilanz Ziehens. Leider gelingt das in der Regel besser als der Blick auf das Kommende – aber das ist ein anderes Thema. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht, aber ich werde an den letzten Tagen des Jahres wirklich immer ein wenig sentimental. Deshalb nehme ich mir zu dieser Zeit auch mehr Zeit zur Reflexion, als zu jeder anderen des Jahres. Des Öfteren packt mich dann eine gewisse Aufbruchsstimmung, so dass ich am liebsten mein Leben auf den Kopf stellen möchte. Diese vielen Optionen, diese Erwartungshaltung an einen selbst „live your life to the fullest“. Du meine Güte, das kann ganz schön anstrengend sein. Und ist doch irgendwie auch eine ganz schön wichtige Maxime.

Während die letzten letzten zwei Jahre durch viel Neues geprägt waren, durch viele ups und downs, ist 2016 im Vergleich doch weitaus stabiler gewesen. Der Wunsch nach weniger Turbulenz vom vorletzten Jahr ist also definitiv in Erfüllung gegangen. Nichtsdestotrotz vergeht kein Jahr ohne Überraschungen – manche positiv, andere weniger. Manches versteht man auch im Rückblick trotz Kopfzerbrechens nicht, so dass man nur  hoffen kann, dass vielleicht das neue Jahr den Knoten löst.

2016 war aber vor allem ein Jahr der Erkundungstouren und das ist etwas, das sich auf keinen Fall ändern soll. Endlich wurde mal wieder so ziemlich jeder Urlaubstag für Reisen genutzt – egal ob ins ferne Thailand, in die bekannten USA, Nachbarländer, innerhalb Deutschlands oder der eigenen Stadt: jede Reise ist die Reise wert. Das Hashtag neverstopexploring trifft es wohl am besten und obwohl ich das Prinzip von klassischen, immer wiederkehrenden Vorsätzen (mehr Sport, gesünder leben, mehr Geld sparen, blabla) ablehne, so bringt die Reflexion eines Jahres doch zumindest gewisse Erkenntnisse in den Kategorien: „Hat irre glücklich gemacht“ und „Ist völlig überbewertet“. Mehr Zeit in Reisen investieren macht irre glücklich. Beziehungen pflegen macht irre glücklich. Mit einer gewissen Regelmäßigkeit Sporteln macht irre glücklich. Ziele haben macht irre glücklich, Stolpersteine auf dem Weg dahin machen nur temporär unglücklich.

Über alles was traurig gemacht hat und wir nicht ändern können, denken wir mal nicht nach – davon gab es dieses Jahr außerhalb unseres persönlichen Umfelds leider auch eine ganze Menge. Hoffen wir, dass 2017 uns mit weniger Aufregung überrascht.

Auf ein gesundes, friedliches & buntes Jahr 2017! Guten Rutsch ihr Lieben!

 

 

 

Wenn alles anders kommt.

Bei der Landung in Miami war das Erste, das ich erblickte, ausgerechnet Trumps Privatflugzeug. Es sollte Böses ahnen lassen. In den zwei Wochen im Swing State Florida begegnete mir Trump überall. In den Vorgärten, an Highways, auf Autos – wer Trump unterstützte, der wollte dem auch Ausdruck verleihen. In den konservativen Südstaaten Alabama, Mississippi und Louisiana das gleiche Bild. In jedem Motel, jeden Morgen beim Frühstück, spulte Fox News die immer gleichen Schlagzeilen rund um Clintons eMail-Affäre ab. Viel Wind um nichts, wie sich später zeigen sollte – jedoch nicht, ohne Schaden anzurichten.

Lediglich in New Orleans, der wohl liberalsten Stadt von Louisiana, wenn nicht gar der Südstaaten, war Clinton deutlich präsenter. Hier, wo Schwule und Lesben von der Polizei eskortiert durch die Stadt tanzen, wo die prüden Amerikaner freizügig werden und ohne Papiertüte Alkohol auf offener Straße trinken können.

Und doch hatte ich all die Zeit die Hoffnung, dass jemand so offensichtlich nicht geeignet für die Rolle als Präsident, keine reale Chance hätte. Wenn Menschen im Nike-Store mit den Kassierern darüber diskutieren, was zu tun sei, wenn es tatsächlich soweit käme. Wenn so viele dieses Thema bewegt. Aber Moment, die Menschen die ich diskutieren sah, waren stets jene Bevölkerungsgruppen, die Trump angegriffen hatte. Ihre Stimmen haben leider nicht ausgereicht. Es war die schweigende Mehrheit derer deren Nerv er getroffen hat mit seinen simplen, leeren Statements. Leer aber catchy und einprägsam. Simple aber gemacht für die breite Masse. Letztendlich waren es die Ultrakonservativen, die Älteren, die Weißen, die enttäuschte Mittelschicht. Die, die der Meinung waren Obama hätte einen schlechten Job gemacht und jemandem glauben wollen, der behauptet „No one knows the system better than me, which is why I alone can fix it“. Er gab denen Futter, die sich gegen Obamacare stellten. Die, die sich vom copycat Slogan „Make America great again“ blenden ließen. Und natürlich die, die per se niemals einen Demokraten wählen würden. Oder eine Frau. Und davon gibt es einige im diesem Land, das gern an seinen konservativen Werten festhält. Und am Recht zur Selbstbewaffnung.

Ich habe vieles in diesem gottesfürchtigen Land nicht verstanden, das seine politischen Entscheidungen vielerorts von der Haltung zur Abtreibung und der gleichgeschlechtlicher Ehe abhängig macht. Das heutige Wahlergebnis jedoch erreicht den Gipfel meines Unverständnisses.

Aber genug davon. Eigentlich hatte ich vor über die Schönheit Floridas zu schreiben. Über die spannende Flora und Fauna mit seinen stolzen Delphinen, wagemutigen Pelikanen, gutmütigen Manatees, angsteinflößenden Alligatoren und Panthern. Über mächtige Mangroven, enorme alte Eichen behangen mit spanischem Moos, die leicht bizarr und der Gegenwart entrückt wirken. Über unzählige Palmen und menschenleere Strände.

Möglicherweise hätte ich auch über die USA als einer der größten Müllproduzenten geschrieben, denn man kommt nicht daran vorbei, sich unentwegt verwundert die Augen zu reiben angesichts der Müllberge, die man als Konsument gezwungen wird zu produzieren. Aber das ist ein Thema, das, so fürchte ich, in den nächsten vier Jahren nur wenig Aufmerksamkeit erhalten wird. Was mich zum neuen Kopf der USA zurück bringt. Daher ein andermal mehr dazu – heute muss der Schock erstmal verdaut werden. Dabei helfen Erinnerungen an, genau, die schöne Flora und Fauna.

home is…

Wenn die Season-Switch Erkältung zuschlägt, dann ist wohl ein guter Augenblick gekommen, einmal inne zu halten und sich Zeit für die Schreiberei zu nehmen. Bleibe ich doch sonst doch nur in der Welt von Queen B und Chuck Bass hängen, um mich über den traurigen Zustand hinwegzutrösten, dass das wilde Leben gerade ganz weit weg ist.

Ein guter Moment auch, um dieses und jenes zu realisieren. Wie schnell die Zeit voran schreitet ist ja bekanntlich nichts Neues. Aber dass in 5 Tagen das 5-jährige Jubiläum meiner vier Wände und mir ansteht, das ist schon ganz schön verrückt. Angesichts des Vorhabens, die Wohnung bald aufzugeben, lohnt sich ein Blick zurück.

Zurück in die Zeit, als die Wohnungssuche in Berlin noch das kleinere Problem war. Man konnte sich ja über vieles wundern und ärgern. Über das nicht enden wollende Drama des Flughafenbaus zum Beispiel. Die steigenden Preise der S-Bahn, den dreisten Fahrradklau, Abfall hinterlassende Parkbesucher, Straßentaugliche Seifenkisten & Bierbikes… Was uns aber damals noch nicht stresste, war die Suche nach einer neuen Wohnung.

Ja, die Suche damals, sie war eine einfache. Ich kniff noch etwas die Augen zusammen als ich den Mietvertrag unterschrieb. 640 Euro, das war damals noch recht viel Geld für 50 qm2 und 1.5 Zimmer. Aber egal, dachte ich mir, es musste schnell gehen. Die Lage passte, die Wohnung war nicht wie viele andere, ich wollte sie haben. Ein paar Dinge realisierte ich erst im Nachhinein. Die etwas laute Kochstraße zum Beispiel. Die Terrasse, die nie nie nie von der Sonne geküsst wird, die kochende Küche im Sommer aufgrund von massiver Sonneneinstrahlung. Ich verfolgte weiterhin die Wohnungsannoncen, in der Hoffnung, doch noch etwas besseres zu finden. Doch die Suche nervte und irgendwann gab ich auf. Denn, auch wenn es einen Moment gedauert hatte, wir beide, die kleine Wohnung und ich, waren warm miteinander geworden. Ich richtete mich langsam ein, es folgte Farbe an den Wänden, irgendwann gar eine Deckenlampe, um nicht weiterhin bei Betreten der Wohnung durch die Dunkelheit zu tapsen. Auch wenn ich die Kochstraße weiterhin für ihren Verkehr verteufelte, so näherten auch wir uns an. Ich entdeckte den Obst- und Gemüsehändler meines Vertrauens, der mich im Sommer mit großartigen Wassermelonen versorgte und nicht nur mit unschlagbaren Preisen punktete, sondern auch mit einer Fußläufigen Erreichbarkeit von 2 Minuten. Das Café Westberlin direkt ums Eck wurde mein Rückzugsort zum Schreiben und Entspannen und bot auch dann stets Nahrung, wenn mein Kühlschrank mal wieder gähnende Leere präsentierte. Unschlagbar: das Ziegenkäse-Rote Beete Stüllchen. Die Nähe zum Tiergarten, sie war weiterhin das ganz große Plus. Zum Joggen stets wunderbar zu erreichen, ob tagsüber oder am Abend. Zum Rumliegen auf der Decke oder zum Spazierengehen – es war und blieb mein liebster Park. Aber auch der Gleisdreieckspark, der sich in den letzten Jahren immer einladender gestaltete, wurde Laufziel, Zeitungsleseziel, Picknickziel.

Verließ ich meine Wohnung über den Hof, so durchquerte ich stets die Zimmerstraße, die in den 5 Jahren wohl die größten Veränderungen durchlief. Die Trabi-Safari war stets da, soweit ich mich erinnern kann. Der Welt-Ballon auch, wurde in der Zwischenzeit aber ausgetauscht und leuchtet inzwischen im Dunkeln. Außerdem geriet er bei regem Wind in Schieflage und erschreckte etwa 20 Touristen, woraufhin er für einige Woche am Boden bleiben musste. Ein Stasi Museum kam und ging. Ein Winters-Hotel eröffnete und brachte nicht enden wollende  Bus-Kolonnen mit sich. Das Mauerpanorama von Asisi öffnete, ein amerikanischer Schulbus verkaufte Waffeln und Eis und verschwand wieder. Der Händler von russischen Fellmützen und Gasmasken wurde vom Pizzaladen verdrängt.Ein Trabi-Museum eröffnete. Einzig treue Seelen der Zimmerstraße waren die beiden Designläden mit originalen made in Berlin Produkten, in denen man auch als Nicht-Touri wunderbar stöbern konnte sowie ein Laden namens „Wall Street Gallery“, dessen Bestimmung ich noch nicht herausfinden konnte. Lediglich von spiritueller Natur scheint er zu sein. Des nachts brennt stets eine Kerze im Schaufenster, angezündet von einer grauhaarigen Dame im langen Gewand, die aussieht, wie die weibliche Version von Gandalf.

Nun ist die Zeit für einen Tapetenwechsel und ein neues Kapitel gekommen. Die Suche nach einem neuen Zuhause ist für alle ein Drama, die genaue Vorstellung von dem haben, was sie wollen und wo sie es wollen. Es führt dazu, dass man plötzlich recht flexibel mit dem ursprünglichen festgelegten Miet-Budget umgeht. Und feststellt, dass Berlin doch irgendwie gar nicht so groß ist. Sicherlich gibt es sie noch, die Wohnungen für 600 bis 700 Euro pro Nase, die ganz zauberhaft sind. Aber sie liegen eben immer da, wo sie nicht liegen sollten. Und ja, ein bisschen anspruchsvoll möchte man in Berlin eben noch gern bleiben. Noch sind wir nicht bei Londoner, Pariser oder New Yorker  Zuständen angekommen. Noch möchten wir so zentral wohnen, wie wir es uns vorstellen – wobei zentral immer da ist, wo man gerade sein Zentrum sieht. Wo die Freunde wohnen, man arbeitet, man sich Freizeit und Entspannung gut vorstellen kann.

Nun, allen Umzugswilligen sei an dieser Stelle viel Durchhaltevermögen und Erfolg gewünscht. The hunt has just begun.

 

gen osten und westen.

Ich spiele in letzter Zeit öfter mal Tourist in meinem eigenen Land. Und merke dabei: es gibt eine Menge zu entdecken. Tatsächlich habe ich weite Teile von meinem eigenen Heimatland noch gar nicht gesehen. Auch wenn die Urlaube in meiner Kindheit mich stets nur in deutsche Gebirge oder an die Ostsee führten: ich habe mir tatsächlich erst einen Bruchteil meines Landes erarbeitet. Was vielleicht auch nicht ganz überraschend ist, gehöre ich doch zu der Generation, die, auch wenn die Zeit der Mauer nicht ganz so prägend war, einen enormen Drang verspürte andere, fremde Orte und Länder kennenzulernen. Deutschland hatte ein wenig an Glanz verloren. Die große weite Welt lag unentdeckt vor einem.

Und so schön und faszinierend jede Reise in die wirkliche Fremde ist: Ein bisschen mehr Heimat sollte man hier und da für sich entdecken. Viel Gutes liegt tatsächlich ganz nah. Zum Teil nur ein paar Katzenhüpfer entfernt. Und wenn nicht ein paar Katzenhüpfer, dann auch nicht viel mehr als zwei Folgen Tatort oder vier Folgen der Lieblings-Netflixserie.

Da wäre zum Beispiel das wunderschöne Elbsandsteingebirge. Gerade mal ein Autostündchen entfernt. Man fährt quasi geradeaus, biegt drei Mal links ab und schon ist man da. Und Hallo Dresden & Leipzig: wann seid ihr denn so hübsch geworden? Von Krieg und Sowjets verunstaltet, haben sich die beiden Städte ganz arg gemausert. Leipzig tritt so selbstbewusst auf, man könnte meinen, es sei nie das kleine hässliche Ostkind gewesen, das so viel Häme und Spott über sich ergehen lassen musste.

Auch das Rheinland war bisher unentdecktes Terrain. Der Kölner Dom, du meine Güte. Was für ein beeindruckendes Ding. Da staunt man über die italienischen und spanischen Meisterwerke von Gotik und Barock und schafft es nicht einmal die lächerlichen 500 km gen Westen zu reisen. Abe warum auch, die Sonne scheint schöner in der Ferne und sind wir mal ganz ehrlich: die Dolce Vita, die Pasta Pomodoro und Gelato infinitamente sind in Kombination natürlich absolutes Totschlagargument. Kein Wunder, dass Köln auf der Holzbank sitzen bleiben musste, während die Schulkameraden bereits um den Sieg kämpften.

Und ist man erst einmal da, so stellt man fest: so ganz uninteressant ist die gesamte Region um Köln nicht. Ich muss ja gestehen: ich hatte so meine Vorbehalte, wenn es um die diversen Rhein-Metropolen ging. Was man aus Kölner Karnevalszeiten so mitbekommt, das ist einem als Berliner ja nicht ganz geheuer.  Und beim Düsseldorfer Modegeschmack kann man auch nur verwundert den Kopf schütteln. Manch einer mag ja Recht haben, wenn er sagt, Berlin fehlt es manchmal etwas an Chic, aber das was Berlin zu wenig hat, hat Düsseldorf doch ganz klar zu viel.

Aber: irgendwie hat dann doch jede Stadt ihren Charme und sowohl Köln, als auch Düsseldorf, konnte ich bisher positives abgewinnen. Und während ich das schreibe, kotzt mich meine eigene Großstadtarroganz mal wieder an, denn wie selbstverständlich bildet man sich doch ein, anderswo gäbe es dieses und jenes nicht und überhaupt, anderswo geht’s eh nicht besser.

Am letzten Wochenende kam dann noch Münster, Bad Honnef und Köln zu meinem Stadtschatz dazu. Beschauliche Städtchen, eingebettet in idyllische Landstriche. Entdeckt in diesem Zuge auch: das Siebengebirge mit all seinen Burgen und Wandermöglichkeiten. Du meine Nase, Deutschland du wirst immer hübscher. Ein Plädoyer also an alle, die mal wieder raus wollen, ohne Deutschland zu verlassen. Ein langes oder kurzes Wochenende, das nicht an die Ostsee führt (so wunderbar sie auch ist). Es ist an der Zeit, mal ein paar neue Geschichten zu schreiben. Von sächsischen Felsformationen, 50 Bergen, ruhigen Seen und Denkmalen, die größer sind als der Eifelturm. Von mehr Fahrrädern als Einwohnern. Von Fahrradstraßen rund um Altstädte. Von schwerfälligen, düsteren Gemäuern, die uns mit auf eine Zeitreise nehmen.

Danach geht’s dann wieder zurück nach Berlin. Weil’s daheim eben doch am schönsten ist.

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vom dorf im pflaumenhain.

Wieder zurück auf Berliner Boden, fühlt sich das Stadtleben von Bangkok (wörtlich übersetzt mit Dorf im Pflaumenhain) irgendwie surreal an. Berlin ist – im Vergleich – so aufgeräumt, so leer, so strukturiert. Meine Augen suchen die Gehwege nach Essenständen ab, in meinen Ohren klingt immer noch der Lärm der Straßen, das Hupen der Taxis, der Dröhnen der Tuk Tuks. Beim Verlassen von Geschäften laufe ich gegen keine Hitzewand. Ich sehe keine Stromkabel, die sich zu dichten Wollknäueln zusammen fügen und muss nachts nicht aufpassen, dass mir eine Kakerlake über meine nackten, in Sandalen steckenden Füße rennt.

Ja, Bangkok ist wahrlich keine schöne Stadt. Aber sie ist eine verrückte, chaotische Stadt, die auf neue Besucher viel Faszination ausübt und sicherlich einen jeden in ihren Bann zieht. Leben könnte ich in dieser 12 Millionen Metropole nicht. Die Hitze, sie würde mich wahnsinnig machen. Bangkok ist im Jahresdurchschnitt die weltweit heisseste Stadt – mit einer durchschnittlichen Tagestemperatur von 28 Grad. Hinzu kommen der Lärm und der Smog, verursacht von einem katastrophalen Verkehrsaufkommen. Das U- und Hochbahnnetz der Stadt kann nur einen kleinen Teil des öffentlichen Verkehrs abdecken. Dafür hat die Stadt das größte Busnetz weltweit. Man addiere rund 100.000 Taxis, gefühlt hunderttausende Roller und ein paar tausend Tuk Tuks und fertig ist das perfekte, nie enden wollende Verkehrschaos. Die uns bekannte Rushhour wird in Bangkok obsolet. Rushhour ist ein omnipräsenter Zustand. Atemschutzmasken sind angesichts der massiven Luftverschmutzung also nicht verwunderlich. Gerade jene, die den Abgasen direkt ausgesetzt sind, wie Tuk Tuk Fahrer und Straßenverkäufer, sind besonders häufig mit ihnen zu sehen.

Leider fehlt es der Stadt an Grünflächen, welche sich positiv auf die urbane Luftqualität auswirken würden. Als Berliner sind wir so verwöhnt von den vielen Parks und Freiflächen, die sich überall finden lassen. Von grünen Oasen inmitten von viel Trubel, die Ruhe und Erholung versprechen. In Bangkok gibt es gerade mal zwei größere Parks – Schatten sucht man hier leider größtenteils vergeblich. Auch die vielen Kanäle, die die Stadt einst hatte – Bangkok wurde gar als Venedig des Ostens bezeichnet – existieren heute nicht mehr. Sie mussten den vielen Straßen weichen, auf denen sich heute der Verkehr staut. Auf den Kanälen spielte sich das tägliche Leben und der tägliche Handel ab. Überbleibsel ist der schwimmende Markt, der besonders für Touristen ein beliebtes Ziel ist.

Bangkok ist sage und schreibe 17 mal größer als die nächst größere Stadt. Hier konzentriert sich die gesamte Wirtschaftskraft des Landes. Dies ist, angesichts der Tatsache, dass Bangkok in einer Senke und gerade mal 2 Meter über dem Meeresspiegel liegt, eine besonders kritische Tatsache. Steigt der Meeresspiegel wie vorhergesagt wird an, so bedeutet dies eine ernste Bedrohung für Thailands Wirtschaft. Davon abgesehen, wie unvorstellbar die Evakuierung einer 12 Millionen Metropole ist.

Von 1970 bis 2000 hat sich die Einwohnerzahl der Stadt verdoppelt. Die Metropolisierung begann in Asien deutlich später – geschah dafür aber in einem unfassbaren Tempo. Welche Herausforderungen dies für die Stadtplanung bedeutet, ist vorstellbar. Ein gesamtstädtisches Konzept ist quasi nicht existent. In Windeseile werden Hochhäuser dort hochgezogen, wo eben noch Wellblechhütten standen. Ein 5-Sterne Hotel neben bitterer Armut. Hochmodernes neben Traditionellem. Business-Tower neben Tempelanlage (wovon es übrigens sage und schreibe 485 gibt). Bangkok ist eine Stadt des krassen Kontrasts. Es sind zwei Welten die da aufeinanderprallen und die Schere zwischen Arm und Reich, sie klafft riesengroß.

Preisverhältnisse, so wie wir sie kennen, werden völlig ausser Kraft gesetzt. Man kann ein Gericht für etwas mehr als einen Euro erhalten. Ein Bier kostet gleich viel oder mehr. Für einen Kaffee oder Eis zahlt man in der Regel europäische Preise. Man kann sich stundenlang für ein paar Euro von Taxi oder Tuk Tuk durch die Gegend fahren lassen. Ein Tagesticket für den Sky-Train kostet fast drei mal so viel wie ein Gericht an einem der Straßenstände und etwa so viel wie 45 Minuten Taxifahren. Kleidung, technisches Geräte, alle Marken, die aus Europa, den USA importiert werden, liegen im uns bekannten Preissegment. Für einen Thai mit dem Durchschnittseinkommen von unter 400 US-Dollar im Monat absoluter Luxus.

Was besonders auffallend war: so chaotisch, durcheinander, heruntergekommen die Stadt auch ist, ihre Gehwege sind auffallend sauber, obwohl nirgendwo Mülleimer zu finden sind. Wenn man Glück hat, findet man hier und da süße kleine Müllbeutel, wo man sein Papier entsorgen kann. Dazu kehren Thailänder regelmäßig die Gehwege – ein Bild, was in Berlin undenkbar wäre. Hier stehen an jeder Ecke Mülleimer und dennoch versinken wir im Müll.

In der Nacht verändert sich Bangkok und entwickelt eine ganz andere Dynamik. Die sengende Hitze und das gleißende Sonnenlicht weichem buntem Licht, das von riesigen Werbeflächen, den vielen Shops und Restaurants strahlt. Die Gehwege sind voller als am Tage, das Nachtleben pulsiert eifrig. Befindet man sich auf einem der Hochhäuser und schaut hinunter auf die hektischen Straßen, die von hier oben wie kleine Ameisenkolonnen aussehen, lässt man den Blick schweifen in die Weite der Stadt, die vielen blinkenden Skyscraper, dann vergisst man für einen Moment die Kontraste und sieht Bangkok so, wie es sich nach aussen präsentieren möchte. Dabei wird die Stadt immer tief mit seinem traditionellen und spirituellen Charakter verwurzelt bleiben. Egal wie viele Häuser man noch in die Höhe schießt, das Bild, welches sich einprägt, wird auf der Straße geschaffen. Es zeigt die Wats mit goldenen Buddhas, Blumenkränze als Glücksbringer, Woks am Straßenrand, Verkaufsstände wohin das Auge reicht.

Man kann sicherlich gespannt sein, wie sich Bangkok in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird. Ich hoffe, sie bekommt einige ihrer größten Probleme wie Luftverschmutzung und Verkehr in den Griff. Und ich hoffe, man findet auch in Zukunft noch so großartige Papaya Salate, Phad Thais, Currys und Mango Smoothies in der Si Lom Straße wie heute.


  
  

    

far far away

Abstand vom Berliner Winter, er war so bitter nötig. Ab Februar fallen viele von uns, mich eingeschlossen, ja beinahe in eine Winterdepression. Und das so kurz vor dem absehbaren Ende. Dann beginnen die letzten harten Meter, auf denen es gilt durchzuhalten und nicht an den ständig grauen, dunklen, kalten Tagen zu verzweifeln. In den Wochen vor dem Urlaub kämpfte ich mich morgens auf dem Radel durch die immer gleichen null Grad. Dicke Fäustlinge an den Fingern, die ich eigentlich schon längst verbannt haben wollte. Zwei Paar Socken an den Füßen, weil ich die hässlichen, aber wunderbar wärmenden EMUs schon längst verbannt hatte. Der Himmel hing schwer und grau-weiß auf die Stadt hinunter und weil es Mister Wettergott gern herausfordernd mag, liess er dem regelmässig niederprasselnden Regen auch noch Schnee, Graupel und Hagel beimischen. Die Anzahl meiner Vitamin D-Kapseln katapultierte sich von 0 aufs Maximum der empfohlenen Tagesdosis, ich zog es in Erwägung eine Tageslichtlampe in meinem Wohnzimmer aufzubauen und fing tatsächlich wieder an zu joggen – währenddessen ich mir einredete, den Frühling schon riechen zu können. In Wirklichkeit musste ich aufpassen, nicht in der leicht angefrorenen Pfütze auszurutschen. Nur die Aussicht auf Sonne und Wärme hat mich davor bewahrt beim allmorgendlichen Blick aus dem Fenster keine Schreikrämpfe zu bekommen.

Und so betrat ich in heller, wahnsinniger Urlaubsvorfreude einen Flieger bei 4 Grad und stieg 15h später bei knapp 40 Grad aus. Licht, endlich wieder Licht! Die Wärme lullte ein und verwandelte sich langsam in Hitze, während ich entzückt war vom Grün der Bäume und vom Geruch des Sommers.

In Bangkok war die Luft allerdings noch eingenommen von Verkehr, vom Lärm der Tuk Tuks, vom Gewusel der Rollerfahrer. Straßenstände über Straßenstände, die verrücktesten Dinge in Woks und auf Grillen. Reichtum vs. bittere Armut. Wellblechdächer vs. Skyscraper. Im Norden Thailands dann die satte Vegetation von Teakholzbäumen, Bambus, Orchideen und Hibiskus. Chiang Mai ist die zweitgrößte Stadt des Landes und zählt doch nur 135.000 Einwohner. Trotzdem gibt es um die 1000 Unterkünfte für Reisende. Zu dieser Zeit, es beginnt der Sommer, die Hauptreisezeit ist vorbei, findet man viele Hotels fast leer vor. Die Preise sinken mit jedem Tag, last-minute Buchungen lohnen sich. Aktivitäten wie Trekking-Touren oder 12-Stunden Tagesausflüge dagegen verlieren etwas an Attraktivität. Die Nähe zum fast Menschenleeren Pool ist zu reizvoll. Abends auf dem Markt von Stand zu Stand futtern. Pad Thai und Papaya Salat für einen Euro. Immer unterschiedlich, aber immer lecker. Die leckersten Mango-Smoothies für einen halben Euro. Und Wassermelone, jeden Morgen Wassermelone.

Dafür nie dabei: das Handy. Unfreiwillig ist der Kontakt zur Außenwelt, zumindest in Hinblick auf whatsapp, sms und co. abgebrochen. Über einseitige Kommunikation also bitte nicht wundern. Deutschland fühlt sich auch deshalb sehr weit weg an.

    
  

#mania.

Aufregen tut manchmal wirklich gut und ich kann jedem empfehlen, sich hin und wieder über irgend etwas Belangloses aufzuregen. Sei es über das Wetter, den Berliner Verkehr, Paarship-Werbung, unreife Avocados, Taxi-Fahrer, schlechten Kaffee. Ziel sollte es jedoch nicht sein, zu jenen Mitbürgern zu mutieren, deren einziger Lebensinhalt es scheint, nach Gründen zu suchen, ins Wettern zu verfallen. Das sind dann nämlich die, die glauben andere erziehen zu müssen und ihre  – so glauben sie – einzig richtige Form von Lebensführung missionarisch unters Volk zu bringen. Das sind die, die erhobenen Zeigefingers an der roten Ampel auf die Anwesenheit von Kindern verweisen. Die, die alles schon gesehen haben. Die, die alles wissen. Für sie ist ihre Lebensweisheit letztendlich nur ein Vorwand, um ordentlich wettern, schimpfen, motzen und grummeln zu können. Alte Leute machen das ja ganz gern. Manch junge meinen gar, sie freuten sich aufs Alter, weil sie dann das Recht hätten, den ganzen Tag über zu motzen. Bitte nicht. Denn wenn die Bevölkerung 2030 wie vorhergesagt aus 16 Millionen Rentern besteht, dann ist`s vorbei mit heiter Sonnenschein.

Aber wie auch immer. Wie bei allen anderen Dingen gilt auch hier: solange nur in Maßen genossen, schadet es weder einem selbst noch den anderen. Und weil so ein Sonntag ein guter Tag zum Aufregen ist, dank des gedanklichen Raums, der einem dafür zur Verfügung steht, widmen wir uns doch gleich mal einem Thema, das für alle, die sich in den sozialen Netzwerken bewegen, omnipräsent ist. Ein Phänomen, über das ich mich gern stundenlang echauffieren könnte. Einfach ausgedrückt: Verschlagwortung von Bildmaterial, im hippen Fachjargon wird`s zum Hashtag. Hashtags auf Instragram im Speziellen.

Ich verstehe den ursprünglichen Charakter von Hashtags, die von Twitter-Nutzern eingeführt wurden, um ihre Tweets zu kontextualisieren. Auch erschließt sich mir der enorme Marketing-relevante Nutzen, den Unternehmen aus den Rauten ziehen können.  Grundsätzlich finde ich an der Idee, Bilder, die für viele User interessant sein könnten, einem Kontext zuzuweisen, auch nicht verkehrt. Wir möchten Menschen zeigen, dass Berlin schön ist, sein kann, obwohl viele die Stadt als hässlich bezeichnen? Zeigen wir ihnen die schönen Seiten und #gen „Berlin“. Wir sind große Fans von Chinesischen Faltenhunden? Lasst uns unsere Liebe teilen und die knuffigen Bilder meinetwegen auch für anderen Chinesische Faltenhunde-Fans verfügbar machen.

Ebenso wenig, eigentlich eher im Gegenteil, stört mich die individuelle Beschreibung von Bilderinhalten anhand von Hashtags. Nicht jedes Bild kann das vermitteln, was der Bildeigentümer damit ausdrücken möchte. Ein deskriptives Hashtag macht viel mehr Spaß, als die simple Zuweisung von Adjektiven oder Kategorien, deren Zusammenhang zum Bild so offensichtlich ist, dass es schon wieder keinen Sinn macht.

Diese zum Teil irritierende, nicht erklärliche, bisweilen groteske Verwendung von Rauten lässt mich immer wieder wundern. Warum in aller Welt, sollte ich daran interessiert sein, mein Foto einer Bildsammlung von „Männern“ oder „Frauen“ beizufügen? Warum sollte meine Interpretation von „schön“ oder „süß“ oder „klein“ ein wertvoller Beitrag zur Bildergemeinschaft dieser Welt sein? Warum sollte es eine Ansammlung von Bildern geben, auf denen ungeschminkte Frauen, Bilder ohne Filter oder Bärte zu sehen sind?

Gucken Leute sich die Fotos hinter den Hasttags wirklich an? Warum verspüre ich das Bedürfnis ein Bild anhand von Hashtags zu erklären, die nicht erklärend sind? Oder glaube ich, dass interessierte Instagram-Nutzer tausende von Bildern zu einem Hashtag durchwühlen? Was passiert eigentlich mit diesen gigantischen Ansammlungen von verschlagworteten Darstellungen? Werden sie irgendwann, in 50 oder 100 Jahren herangezogen, um den Zeitgeist unserer Generation zu analysieren und zu interpretieren? Wird man sich dann fragen, warum so viele Menschen halbnackt vor Badespiegeln standen, sich in Fahrstühlen fotografierten und warum Frauen stets ihre Lippen in Schnuten von sich streckten?

Wie lange wird sich dieses Phänomen wohl noch halten? Und was macht es aus unserer Kommunikation? Wird die Verknüfung von # & Begriff fester Bestandteil unserer Sprache? So wie sich einst LOL, HDL und BFF in unsere verbale Welt schlichen. Wird man sich irgendwann auch als uncool outen, wenn man HashtagTGIF oder HashtagDealbreaker durch die Flure ruft? Hach, was die digitale Welt mit unserer Sprache macht – es ist schon ein seltsames Phänomen.

Auch überraschend ist: plötzlich spricht niemand mehr von der allseits so gefürchteten Komplettüberwachung. Von der gefährlichen Transparenz des eigenen Lebens. Nineteeneighty-Four ist der fröhlichen Vertaggung des eigenen Lebens gewichen. Das Netzwerk hat dem Wort Transparenz eine ganz neue Bedeutung gegeben. Im Jahr 2014 zählte Instagram bereits 20 Milliarden Bilder. Statistiken aus diesem Jahr zufolge kommen jeden Tag etwa 26.4 Millionen neue Beiträge dazu.

#holymoly! #wasfüreinewundersameweltinderwirleben.

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