dance now. think later.

Tanzende Menschen sind etwas wunderbares. Es lohnt sich, hin und wieder am Rand zu stehen, statt mittendrin zu sein. Zu beobachten, wie sie ihren eigenen Rhythmus zur Musik finden, mit ihrem Tanzpartner Standardtänze neu erfinden oder in größeren Gruppen zu einem einzigen, sich bewegenden Etwas verschmelzen. Und das völlig unabhängig vom Alter – tanzende Menschen sehen schön aus.

Schade ist, wir tun es viel zu selten. Und oftmals brauchen wir ein paar Schlückchen Alkoholisches um uns locker zu machen. Je angetüdelter, desto befreiter. Je befreiter, desto Kopfungesteuerter tanzen wir. Dann ist es egal, wer zuschaut. Dance like no one is watching. So sollte es immer sein. Aber wir sind so gefangen in unserer Alltagsrolle, im stets professionellen und kontrollierten Auftreten, dass wir einen Moment brauchen, bis wir es schaffen, aus dieser Rolle zu schlüpfen.

Am Wochenende habe ich eine Gruppe von fremden Menschen beim Tanzen beobachten können. Privatparty, etwa 70 Gäste. Ein paar der Gäste kannte ich von Erzählungen oder habe nur kurz mit ihnen gesprochen. Zeit für eine kleine Sozialstudie. Es ist spannend, zu sehen, wie deckungsgleich der erste Eindruck mit dem Tanzstil sein kann. Da sind die gutmütigen, die lieben, die die selten oder nie ausbrechen und sich in ihrer Beständigkeit sehr wohl fühlen. Ein bisschen schüchtern, lieber im Hinter- als im Vordergrund. Sie tippeln zaghaft auf einer Stelle, konzentrieren sich bewusst auf ihren Tanzpartner – sei es Freund oder Freundin und sind sich nicht so ganz sicher, ob sie sich tatsächlich wohlfühlen oder lieber wieder an die Bar oder in ein Gepräch flüchten wollen.

Das andere Extrem sind die, die die ganze Tanzfläche dominieren. Davon gibt es bei der Gruppengröße immer mindestens ein oder zwei Gäste. Im fliegenden Wechsel wandern sie zwischen den Tanzgästen umher und tanzen allen und jeden an, egal ob DJ oder ältester Gast. Sie brauchen Aufmerksamkeit. Viel davon. Und Körpernähe. Sie umarmen, busseln, knutschen was das Zeug hält. Ob gleichgeschlechtlich oder nicht. Ein gewisser Alkoholpegel ist an dieser Stelle nicht ganz unwahrscheinlich. Ein bewusst gesteuerter Kontrollverlust gehört einfach dazu. In der Regel sind das genau die Menschen, die auch im Alltag gern die kleinen Rebellen sind. Oder die, die gern Rebellen sein wollen, aber es einfach nicht hinbekommen. Die die Aufmerksamkeit mögen, oder gar brauchen. Die Lauten, die mit den immer aufregenden Geschichten.

Und dann sind da die, die das Gruppengefühl brauchen. Die allein irgendwie verloren sind, aber in der Gruppe aufgehen. Das sind auch die Personen, die es nicht akzeptieren können, dass jemand am Rand steht, an der Bar oder Unterhaltungen führt. Sie tauchen plötzlich auf, fixieren ihr potentielles Tanzopfer und ziehen es auf die Tanzfläche. Ein Nein wird nicht akzeptiert. Je weniger Personen auf der Tanzfläche, desto weniger erträglich für sie.

Gern werden aus Tanz-Duos auch große Gruppen von Tanzenden, die einander anfassen, umarmen. Das ist besonders schön zu beobachten, wenn man weiß, dass diese Menschen bereits seit vielen Jahren befreundet sind. Im Alltag sagt man sich ja selten, wie glücklich man ist einander zu haben. Beim Tanzen weiß man es auszudrücken. Die Musik und der Alkohol machen uns ein bisschen emotionaler und ein bisschen anhänglicher als wir es normalerweise sind und, vielleicht auch, zeigen wollen.

Es gibt aber auch die, die es genießen für sich zu tanzen. Zwar mögen sie es, andere um sich zu haben und ihre Freude via Mimik und Gestik zu kommunizieren. Sei es die Euphorie über bestimmte Songs, oder auch einfach nur über den Akt des Tanzens an sich. Aber gleichzeitig versinken sie auch in der Musik und sie würden es kaum merken, würden sie plötzlich allein auf der Tanzfläche stehen. Das sind die Augenverschließer. Die, die plötzlich merken, dass der Alltag ganz weit ist. Die sich wünschen, die Nacht wäre ein nicht enden wollender Tanz.

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Diese heterogenen Tanz-Charaktere können die Tanzfläche tatsächlich zu einem kleinen winzigen Ausschnitt unserer Gesellschaft machen. Und wenn die Gesellschaft, so wie am Wochenende, größtenteils aus Gästen im Alter 35+ besteht, dann empfinde ich es schon fast als Beruhigung, wie absolut zeitlos diese Art von Bewegung sein kann. Wer die Moves in jungen Jahren hat, hat sie auch im Alter. Wer Spaß am Tanzen hat, wird immer Spaß daran haben. Wer sich wohl fühlt, wer los lassen kann, wer darin aufgeht, der wird nie aufhören.

Tanzende Menschen sind schön. Let`s dance all night. Dance like no one is watching.

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thehalifaxjungle.tumblr.com

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Getaggt mit

pop up und wech.

Es ist zum Trend geworden, auf den Überraschungseffekt zu setzen. Das Neue, das Temporäre, das Limitierte… so viel glanzvoller und aufregender als das, das immer da ist. Pop-up nennt sich das Phänomen im Fachjargon. Davon gibt es inzwischen nicht nur Stores, sondern auch alles, was sonst noch so aus dem Boden gestampft werden kann. Pop-up Dinner, Pop-up Exhibition, Pop-up Event, Pop-up Cinema,… All diese Pilze, die in Windeseile wachsen und nur von kurzer Lebensdauer sind haben in der Regel eins gemein: Sie finden an außergewöhnlichen oder exklusiven Orten statt, ihre Teilnehmer rekrutieren sie größtenteils über Social Media und ihre Attraktivität erhalten sie durch die Verknappung ihrer Leistung. In einer Welt, in der es alles im Überfluss gibt, reizt genau das, das exklusiv und rar ist.

Wie hat sich unser Konsumverhalten in den letzten Jahrzehnten aber auch verändert. Gehe ich einmal von mir aus: In meinen ersten Lebensjahren musste man nichts bewusst verknappen – es war einfach alles knapp. Wenn der Onkel aus dem Westen kam mit seinem Auto voller Aldiprodukte, die ich in meinem Leben noch nicht gesehen hatte, dann war das ein Grund für unkontrollierte Euphorie. Meine Zuckertüte zur Einschulung eröffnete mir zum ersten Mal das Tor zur Welt von Haribo und Ferrero. Kinderschokolade, Werthers Echte, Goldbären. So viele leckere Dinge auf einmal… doch ich aß sie nicht, um möglichst lange Freude daran zu haben. Man konnte ja nicht wissen, wie lange diese neue Freiheit anhalten würde. In meinem Kinderzimmer hortete ich Süßigkeiten, um sie mir bis zu einem ganz besonderen Augenblick aufzuheben. War dieser gekommen, waren die süßen Leckereien alle schlecht. Diese Erfahrung lehrte mich, dann zu genießen, wenn  Genuß und Appetit in meinem Besitz sind.

Das Internet brachte dann plötzlich noch einmal eine ganz neue Form von Verfügbarkeit. Plötzlich war da so viel Angebot und so viel von allem, egal ob wohnhaft in Millionenstadt oder 50-Seelen-Dorf. Man wühlte sich nicht mehr durch dicke Kataloge, schickte Bestellungen per Post ein oder diktierte endlose Bestellnummern dem freundlichen Herrn am Ende der Hotline. Wir konnten alles haben! Und nicht nur das: auch im stationären Handel gab und gibt es immer mehr. Neue Produkte, neue Läden, neue Malls. Es ist wie Schlaraffenland, nur mit EC-Karte und nicht so schön quietschebunt und süß, wie ich mir das immer vorgestellt habe.

Tja und nun, nun sind wir alle so verwöhnt vom Überangebot, dass der Wunsch nach jenen Gütern und Leistungen aufkommt, die nicht in Massen erhältlich sind. Die besonders sind, zu denen wir eine andere Verbindung aufbauen können. Pop-up Stores, zum Beispiel, bieten Produkte an, die limitiert und nicht überall verfügbar sind. Pop-up Exhibitions zeigen Werke, die es sonst nicht zu sehen gibt. Pop-up Dinner vereinen Kochkunst und Ambiente, das es sonst nicht zu erleben gibt.

In den Genuss eines derart besonderen kulinarischen Erlebnisses bin ich letztes Jahr gekommen, als ich am Pop-up Dinner von „Wild und Wiese“ teilnahm. Die beiden Köche haben sich einen ungewöhnlichen Ort für ihr 4-Gänge-Menü gesucht. Im Krematorium im Wedding dinnierte man an langen Tafeln zu beeindruckenden Lichtinstallationen und DJ-erzeugten Klängen. Die Kombination aus Sehen, Schmecken und Hören, die bei normalen Restaurantbesuchen nicht in solch hohem Maße positiv besetzt wird, machte diesen Besuch zu viel mehr als „nur“ essen gehen. Bei hochsommerlichen Temperaturen ein Gefühl wie im fernen Urlaub…

pop up dinner

Bei meiner Recherche zum Thema Pop-up stieß ich auf „The Pale Blue Door“ von Tony Hornecker. Der Londoner Künstler, so könnte man vermuten, brachte den Pop-up Stein 2010 ins Rollen. Er schuf kleine, von persönlichen Erinnerungen behaftete Häuser, in denen Gäste in den einzelnen Räumen dinnieren konnten. Mit diesem Projekt tourte er durch sechs verschiedene Länder und gewann enorme mediale Aufmerksamkeit. Die Installationen, sie sind ein Mix aus Phantasie und Realität. Sie erinnern an lebensgroße Puppenhäuser oder die Werke von sehr talentierten Kindern, die man zu lange im Garten hat allein gelassen.

tony hornecker

Anscheinend sehnen wir uns beim Konsum, beim Genuss, nach mehr Emotionalität, nach echten Erlebnissen, nach etwas anderem als nur einem Bild auf einem Screen und dem Klick auf den Warenkorb. Und es funktioniert. Ich habe schon viele wunderbare Pop-up Stores gesehen, die so viel mehr Atmosphäre kreiert haben, die so viel emotionalisierter waren, als der stationäre Handel, der sich, gefühlt, seit Jahren in Hinblick auf das Einkaufserlebnis nicht weiter entwickelt hat. Was so schade ist, schimpft er doch immer, dass der böse Onlinehandel ihn überrollt. Wo bleiben denn die innovativen Ladenkonzepte und die Strategien zur Kundenbindung (nein, ich meine damit nicht die wahrlich abenteuerliche Möglichkeit des Herze oder Punkte sammelns). Vielleicht sollten sich die Alteingesessenen mal ein Beispiel am jungen Pop-Up-Trend nehmen.

Sind wir gespannt, wie lange dieser Trend anhält, welche neuen Pop-ups noch folgen und was als nächstes kommt. Ich hätte nichts gegen ein paar Ben&Jerry Pop-Up Eistheken (gern in der Berliner Zimmerstraße) oder wie wäre es mit Pop-up Konzerten. Florence + the Machine, Mumford & Sons – ich flüstere euch jetzt mal, dass ihr diesen Trend auf keinen Fall verpassen solltet…

auf tempelhofer spuren.

Wir alle haben unsere Lieblingsorte in dieser Stadt. Orte an die wir regelmäßig zurückkehren. Die wir mit etwas verbinden. Die es uns ermöglichen Dinge zu tun, die wir mögen. Orte, die wir als schön empfinden, befreiend, ruhig oder imposant.

Ich ertappe mich immer wieder dabei, an Orte zurückzukehren, über die ich tatsächlich viel zu wenig weiß. Allerhöchste Zeit also, mal wieder in den Recherchemodus zu verfallen. Ort des Interesses: Flughafen Tempelhof. Natürlich kennt man als Berliner die Geschichte der Berlin-Blockade und der Luftbrücke, man weiß den Bau zeitlich einzuordnen, man erinnert sich an die Schließung 2008 und die vielen Diskussionen die es hinsichtlich seiner Zukunft gab. Aber das ist letztendlich doch nur ein kleiner Tropf auf dem Historienstein – es gibt so viel mehr zu entdecken.

Es ist wichtig sich der Geschichte bewusst zu sein, denn gewissermaßen ist das doch auch eine Form von Wertschätzung. Wir wandern heute wie ganz selbstverständlich über diese unfassbar große Fläche. Wir sehen die überdimensional großen Flughafenhallen, skaten & joggen über ehemalige Start- und Landebahnen, picknicken und grillen, stellen die wildesten Sachen mit Drachen und Windböhen an, tanken Sonnenstrahlen und Erholung. Wir lieben dieses Gelände für seine Weite, das Gefühl von Freiheit und für den Freiraum, der rar ist in Berlin. Nirgendwo anders in dieser Stadt befinden sich so wenig Menschen auf so viel Fläche.

Der Flughafen wurde auf einem ehemaligen Exerzierplatz erbaut. Hier fand bereits 1909 der erste Motorflug statt. Es folgten viele Demonstrationsflüge, die auf großes öffentliches Interesse stießen. Das Tempfelhofer Feld war gar Schauplatz für den ersten Passierflug über 1.35h und den Höhenrekord von 172 Metern. Für das Jahr 1909, wie ich finde, eine erstaunliche Leistung. Im selben Jahr flog ein gewisser Hubert Latham den ersten Streckenflug über eine Stadt – von Flughafen Tempfelhof zum Flugplatz Johannisthal (nahe Adlershof).

1922 überlegte man das Gelände für Messen zu nutzen, entschied sich dann aber doch für die Rolle als Zentralflughafen. 1924 wurde die heute noch bestehende Berliner Flughafen-Gesellschaft gegründet und der Ausbau des Flughafens begann. Dazu gehörten auch die drei westlichen Hallen, die sich schnell als zu klein erwiesen, woraufhin die drei östlichen Hallen mit einer Höhe von acht Metern gebaut wurden. Über den ebenfalls neu eröffneten U-Bahnhof Flughafen (heute Paradestraße) konnte der Flughafen erreicht werden. Interessant: Diese Flughafenanbindung war seinerzeit weltweit einzigartig. Doch nicht nur die Anbindung ans öffentliche Netz war ein Novum. Nach dem weiteren Ausbau des Flughafens, der 1930 folgte, um auf die rasche Entwicklung des Luftverkehrs zu reagieren, stand Tempelhof mit seinem Verkehrsaufkommen noch vor London, Paris und Amsterdam.

Erneut stieß der Flughafen schnell an seine Kapazitäten und so entschied man sich 1934 für einen weiteren Neubau. Architekt Ernst Sagebiel wurde beauftragt ein bauliches Konzept zu entwickeln, das der monumentalen Architektur des Nationalsozialismus entsprach und bis zu 6 Mio. Passagiere pro Jahr befördern konnte. 1936 begann der Bau, die Fertigstellung des Gebäudes erfolgte 1941. Für zwei Jahre war das neue Flughafengelände mit einer Fläche von 307.000 Quadratmetern das Flächengrößte Gebäude der Welt, bevor es vom Pentagon abgelöst wurde. Der britische Architekt Lord Norman Foster bezeichnete Tempelhof eins als „Mutter aller Flughäfen“, da er der Bau erstmalig alle Anforderungen eines modernen Flughafens vereinte und zur Zeit seiner Fertigstellung, in dieser Form einmalig war.

Während des Baus des „neuen“ Flughafens kam es übrigens zu keinerlei Beeinträchtigungen des Flugverkehrs da das neue Gelände quasi um das alte herum konstruiert wurde und man verschiedene umliegende Bereiche wie Volkspark, Sportplätze und Kleingartenflächen einbezog. Der U-Bahn-Zugang verschob sich im Zuge des Baus des neuen Flughafen-Geländes zum Bahnhof Kreuzberg, der damals in Flughafen umbenannt wurde und heute Platz der Luftbrücke heißt.

Für mich auch besonders interessant zu erfahren: Von Oktober 1939 bis Märze 1940 befürchtete man eine Bombardierung des innerstädtischen Flughafens, so dass man die zivilen Passagiere mit Bussen zum Flughafen in Rangsdorf transportierte – der Nachbarort meines Heimatdorfes am Rande von Berlin, von wo aus Stauffenberg seinen Anschlag auf Hitler startete.

Der weitere Ausbau des Flughafens wurde Ende der 30er Jahre eingestellt. Hermann Göhring entschied Teile der Produktion eines Flugzeugwerks nach Tempelhof zu verlagern, wodurch der Flughafen zu einem der größten Endmontagewerke für Bomber weltweit wurde. Man produzierte größtenteils in den unterirdischen Anlagen des Flughafens. Hier wurden ab ´39 viele Zwangsarbeiter eingesetzt, die entlang des Columbia-Damms und des Tempelhofer Felds in Baracken untergebracht waren.

Der „neue“ Flughafen wurde tatsächlich nie ganz fertig gestellt. Während des Krieges wurde er durch Alliierte Angriffe immer weiter beschädigt. Kurze vor Ende des Krieges stellte man den zivilen Luftverkehr dann auch aus Mangel an Treibstoff gänzlich ein. Die letzte Lufthansa Maschine flog im April 1945 von Tempelhof nach Warnemünde.

In der Schlacht um Berlin eroberte die Rote Armee Tempelhof. Hitler gab anscheinend den Befehl der kompletten Zerstörung des Flughafens durch Sprengung, dem man sich aber widersetzte. Lediglich die Haupthalle wurde durch eine Sprengung für einige Zeit unbenutzbar. Alle Teile des alten Flughafens dagegen wurden zerstört und der unterirdische Bunker samt Filmarchiv brannte komplett aus.

Im Juli ´45 übernahmen dann die Amerikaner den Flughafen und es begannen die Aufräumarbeiten, so dass man bereits im August den Flugbetrieb wieder aufnehmen konnte.

Eine ganz neue Bedeutung erhielt der Flughafen, der in den Jahren nach Kriegsende größtenteils als militärischer Stützpunkt diente, im Jahr 1948, als die Sowjetunion alle Straßen und Schienenverbindungen nach West-Berlin sperrte. Eine trotzige Reaktion auf die Währungsreform – für das noch immer in Trümmern liegende Berlin, in dessen Westsektor 2.2 Millionen Menschen lebten, die komplett von der Belieferung von außen abhängig waren, eine Katastrophe. Über fast ein ganzes Jahr war West-Berlin von der Belieferung über die Luft abhängig. Die Amerikaner optimierten das Prinzip Luftbrücke, so dass man die Fracht von 750 Tonnen auf 2000 Tonnen pro Tag steigern konnte. Dies funktionierte größtenteils darüber, dass man 3 Luftkorridore beflog, die als Einbahnstraßen fungierten. Die äußeren Korridore wurden für die ankommenden Flüge genutzt, der mittlere für die Abflüge. Jedes ankommende Flugzeug hatte nur einen einzigen Landeversuch – wenn dieser scheiterte, musste es wieder zurück fliegen. Bei der straffen Taktung von 3 Minuten pro Flugzeug verständlich. Zeitweise landete gar alle 90 Sekunden eine Maschine in Tempelhof. Nach 30 Minuten musste jedes Flugzeug wieder starten. Den Abwurf von Gütern hatte man nach einer kurzen Testphase wieder eingestellt, da es sich als unzweckmäßig herausstellte.

Nicht nur Amerikaner transportierten die Hilfsgüter nach Berlin. 33% davon übernahmen die Briten. Neben den Amerikanern und Briten unterstützen auch Piloten aus Australien, Neuseeland, Kanada und Südafrika.

Im Mai 1949 sah sich die Sowjetunion schließlich veranlasst, die Blockade aufzulösen. Unglaubliche Mengen an Fracht wurden während der Zeit der Berlin-Blockade transportiert. In 277.569 Flügen bewegte man 1,5 Mio. Tonnen Kohle, knapp 500.000 Tonnen Lebensmittel, 160.000 Tonnen Baustoffe und knapp 230.000 Passagiere. 83 Personen verloren bei Flugunfällen ihr Leben.

Eine ganze Menge Geschichte also und das alles ist nur eine Zusammenfassung der markantesten Eckpfeiler. Erinnern wir uns also beim nächsten Besuch an die bewegende Geschichte dieses mächtigen Areals und vergessen sie nicht. Ganz gleich, wie sich der Ort in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird.

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und jährlich grüßt das murmeltier.

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Es kommt mir vor, als hätte ich vor ein paar Wochen erst das Jahr 2014 Revue passieren lassen. Nun hängt 2015 in den letzten Atemzügen. Der Puls wird ruhiger, das Tempo gedrosselt, die Welt ein wenig langsamer, bevor wir uns alle im neuen Jahr, im gleichen rasanten Tempo wiederfinden.

Während 2014 chaotisch, unruhig, miesepetrig war, konnte 2015, wie erhofft, vieles, was 2014 verbockt hatte, wieder gut machen. 2015 hat ganz viel neu gemacht und ganz viel gut. Diesmal sagt der Blick zurück nicht „Möge das  neue Jahr anders werden“, sondern „Möge das neue Jahr so bleiben“.

Jeder von uns blickt zurück und erinnert sich an ein paar Ereignisse ganz besonders detailliert, während andere in zarten Skizzen verschwimmen. Bei all den Sinneseindrücken, die da permanent auf uns einprasseln, fragt man sich doch, warum bestimmte Momente, Situationen, Emotionen besonders im Gedächtnis bleiben. So erinnere ich mich an den heißen Sommer vor allem anhand der Erinnerung an einen Abend, an dem ich um 20 Uhr durch die stehende 35 Grad heiße Berliner Luft radelte, um mit Freunden im Weinbergspark zu liegen und bei der kurzen drei-minütigen Regenhusche Luftsprünge zu machen. Ich trug ein rotes Kleid, war beladen mit frischen Sommer-Sale Schnäppchen aus meinem Lieblingsladen und kaufte auf dem Weg Oliven ein. Ich erinnere mich noch daran, wie großartig die sich abkühlende Luft angefühlt hat. Das wiederum führt zu vielen anderen Abenden draußen bei Wein und Käse, Wanderschaften entlang der Spree, auf Decken sitzen, Kietzbummeleien und plötzlich erscheint das ganze Jahr wie ein einziger Berliner Hochsommer, der hätte nie zu Ende gehen müssen. Hach, es lebe die selektive Erinnerung.

Die Monate im Büro dagegen verkleben zu einem einzigen Erinnerungsbrei. Wenn auch ein guter Erinnerungsbrei – eine Erleichterung nach 2014. Natürlich blickt man zurück und kann sagen, was man alles gemeinsam erreicht hat. Aber Details lassen sich nur anhand von ganz bestimmten Ereignissen rekonstruieren. Dieser Alltagstrott, er raubt uns ganz anscheinend die Erinnerung.

Umso wichtiger ist es, den Trott durch selbst kreierte Ereignisse und Höhepunkte zu durchbrechen. Abstecher in die Natur, Sprünge auf Heuballen, Picknicke am See, Ausflüge in Weinberge, fremde Städte erkunden, beste Schokolade essen, fürstlich dinieren, vom Meer erwischt werden, Füße in den Strand stecken, lachen bis zum Bauchweh, Apfelbäume lieben lernen, vermissen & sich freuen, lauthals und schief singen, wild tanzen.

Dieses Jahr hat uns erneut gelehrt, uns nicht mehr von Dingen tangieren zu lassen, die wir sowieso nicht ändern können. Geklaute Fahrräder zum Beispiel oder verplante Flüge. Zumindest geben wir uns allergrößte Mühe. Wir haben aus 2014 gelernt, wenden es an und merken, dass es manches einfacher macht. Weniger aufregen zum Beispiel. Oder Arbeit, die Spaß macht. Urlaub nehmen. Seine Meinung sagen. Wir haben keine Vorsätze für 2016, behaupten wir, und doch haben wir insgeheim bereits ein paar persönliche Ansprüche im Kopf fest verankert. Das oberste Ziel aller: jauchzend durch 2016 zu wandern.

Happy new year everyone!

 

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Berlin verlassen.

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Düsseldorf entdecken.

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In Portugal verlieben.

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Herbstsonne tanken.

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Stark fühlen.

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Barfuß sein.

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Draussen tanzen.

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Im Park liegen.

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Basel erkunden.

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Zeit mit dem besten Hund verbringen.

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Natur tanken.

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Hamburg wiedersehen.

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Wald riechen.

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Freundschaften pflegen.

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Kennenlernen.

 

zwischen fado & selfiesticks.

Eigentlich gab es da einen Plan für die zwei Wochen Urlaub – für die vollen 10 Tage ohne die üblichen Verpflichtungen, dem sich immer ähnelnden Tagesablauf und dem ständigen aber doch stets scheiternden Wunsch in 40h+ Arbeitswochen Beziehung, Freunde, Sport, Kreativität und viel Schlaf zu quetschen.

Der Plan war unter anderem: Viel Sehen, viel Lesen, viel Schlafen, ein bisschen Schreiben, ein bisschen Sport. Lissabon war der auserkorene Ort für diese bescheidenen Bedürfnisse. Eine Stadt, in die es dieses Jahr gefühlt jeden zweiten aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zog.

Ich kann bereits vorweg nehmen, dass der Plan hinsichtlich ein bisschen Schreiberei kläglich scheiterte. Beim Gedanken daran, einen Laptop aufzuklappen – dieser tägliche, all morgendliche Handgriff, der sich im Laufe eines Arbeitstages unzählige Male wiederholt; die Vorstellung vom konzentrierten Blick auf den Bildschirm, dem Gefühl der Tasten unter den Fingern – erschauderte ich und der Raum, der eigentlich da war, um Worte auf digitalen Seiten erscheinen zu lassen, wurde vom Bedürfnis eingenommen, Eindrücke letztlich nur in Bildern einzufangen und zu teilen.

Bilder von einer Stadt, die ihre glanzvollste Zeit bereits hinter sich gelassen hat. Die trotz ihrer gerade mal 500.000 Einwohnern eine beachtliche Größe hat, weil sie von Touristen durchspült wird. Die Spaziergänge zu Mini-Workouts werden lässt, weil beachtliche Höhenunterschiede bewältigt werden müssen. Die nicht viel von breiten Gehwegen hält. Eine Stadt mit ihrem charakteristischen Fliesen-Dekor an den Außenwänden der Häuser. Vielerorts wunderschön, pittoresk und doch oft mit einem morbiden Charme versehen. Leerstand in bester Lage, baufällige, vor sich hin modernde, allein von Tauben bewohnte Gebäude mit zugemauerten oder fest vernagelten Fenstern.

In einer Ausgabe des Spiegels hieß es 1992 „Die Hauptstadt des Weltschmerzes soll zur High-Tech-Metropole umgebaut werden“. Es herrsche Aufbruchsstimmung. Nun, es mag viel passiert sein, in diesen letzten 23 Jahren, doch ein Großteil der Baukunst, die damals schon vor sich hin bröckelte, tut es auch heute noch. Ich war erstaunt über so viel Leerstand, über so viel Verfall. Die vielen Baustellen erscheinen wie Tropfen auf dem heißen Stein des Restaurierungsbedarfs. Zu einer High-Tech-Metropole hat sich die Stadt nicht gemausert, aber das würde auch gar nicht zu ihrem Charakter passen.

Der Kontrast zwischen alt & neu, zwischen traditionell & modern – er sticht in Lissabon besonders hervor. Während man zwischen Wäscheleinen an Häuserwänden entlang wandert, auf denen Großmutters Schlüppis hängen und Tuk Tuks an einem vorbei rauschen, sieht man Verkäufer Selfiesticks anpreisen, bekommt man offensichtlich und ohne Zurückhaltung Hasch angeboten, hört man das Hupen der großen Freizeitdampfer, die ihre Passagiere zurück in die Arme des All-Inclusive Entertainment-Programms holen. Moderne Restaurants zäumen das Ufer des Tejo, allesamt im reduzierten, geradlinigen Stil, wenn nicht gar mit der allseits beliebten industriellen Note versehen. Im Mercado da Rebeira – einer riesengroßen Markthalle, wie man sie genauso in Berlin finden könnte – essen und trinken sich Touristen und vor allem die jüngeren Generationen der Portugiesen durch ein riesiges Angebot an allem, was das internationale Herz eines jeden Geniessers begehrt – umgeben von Elektro-Beats und lautem Stimmengewirr. Während man in Alfama am späten Abend durch die schmalen Gassen wandert, von den Klängen des Fado umzingelt und in kleinen Restaurants einkehrt, die alsbald Käse, Brot und Butter servieren. Im Bairro Alto, dem historischen Zentrum, schieben sich die Touristen über das Kopfsteinpflaster, essen dort, wo es Menükarten in vier Sprachen mit vielen bunten Bildern gibt, während man versucht ihnen Sonnenbrillen, blinkende Mickey-Maus-Ohren und Hüte zu verkaufen.

Des nachts erwacht Lissabon sowieso erst zum Leben und erstrahlt in einem ganz anderen Licht. Die Dunkelheit legt sich wie ein Weichzeichner auf die Stadt, das Licht der alten Laternen kreiert einen natürlichen Sepia-Effekt, dessen Wirkung auf die Atmosphäre der Stadt sich irgendwo zwischen verwegen, romantisch und geheimnisvoll bewegt. Jede Stadt mag des nachts ein anders Gesicht zeigen, als am Tage – in Lissabon ist mir der Unterschied besonders aufgefallen.

Diese Reise nach Lissabon, sie hat sich manchmal angefühlt wie eine Reise in längst vergangene Tage. Diese wahnsinnig alt erscheinenden Bauten, die man einst mit sehr viel Liebe zum Detail erbaut hat, nun zum Teil nur noch ein Schatten ihrer Selbst sind. Meine Wahrnehmung bewegte sich irgendwo zwischen absoluter Faszination und großer Verwunderung. Verwunderung über so viel Leerstand und so viel Fläche, die in meinen Augen eines Laien nur schwer wieder restauriert und saniert werden kann.

Nicht nur Lissabon sollte jedoch entdeckt werden. Jedes Stadtkind braucht im Urlaub den Kontrast der Natur und sehnt sich zumindest für einen Moment, weit weg von Menschen und Trubel. An Portugals Küste findet man – besonders in der Off-Season – diese Abgeschiedenheit. Menschenleere Strände, nahezu unheimlich ruhige Dörfer, dafür die unruhige See mit tosenden Wellen, die in ihrer Intensität so verschieden und damit so gefährlich sind. Sammelt sich das Wasser in der einen Minute in einer zarten, den Strand beträufelnden Welle, bäumt es sich im nächsten Moment zu einer gewaltigen Masse zusammen, die den ganzen Strand, samt Fußgängerweg überflutet.

Auf dem Weg an die Algarve fährt man durch eine sich verändernde Landschaft. Findet man nahe Lissabon noch Weinreben, Oliven- Zitrus- und Granatapfelbäume, erreicht man irgendwann große Bestände der Korkeiche im Landesinneren. Kurz vor der Algarve durchquert man höhere Lagen mit Nadelwäldern aus Kiefern und Pinien. Am süd-westlichsten Punkt Europas endet die Algarve in einer felsigen, bis zu 70 Meter hohen Steilküste mit karger, baumloser Vegetation.

Schön war es liebes Portugal – ich komme gern wieder, vor allem dann, wenn du deine Strände so menschenleer zeigst. Nur werde ich beim nächsten Mal nicht die Autobahn befahren, sondern wie alle anderen klugen Portugiesen die Landstraßen, damit du lernst, dass das Prinzip Maut so nicht funktionieren kann. Und ich werde mich in acht nehmen vor deinen Wellen. Ich werde viel von deinem großartigen Rotwein trinken, frischen Fisch & Käse essen, Kaffee in kleinen Lissaboner Cafés vermeiden und dafür Espresso und Kirsch-Likör an den kleinen Kiosken trinken, die nicht nur günstig sind, sondern auch hübsch aussehen. Und wenn ich nach Sintra fahre, werde ich mir definitiv eine Jacke mitnehmen. Chau!

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vom dicken B in den strandkorb.

Jene Mitbürger, die ihre ersten Kindheitsjahre noch in der DDR verbrachten, fühlen sich zur See, genauer gesagt, zur Ostsee, sicher genauso hingezogen wie ich. Viele schöne Optionen von Reisezielen gab es schließlich nicht. Keine Dreh-den-Globus-und-Finger-drauf-Spielchen. Ich hörte meine Eltern nicht sagen „Oh, in Guatemala sind wir ja noch nie gewesen, da sollen wir unbedingt mal hin!“ Statt dessen durften sie aus der Vielfalt der sowjetisch besetzten Ostseebäder wählen. 

Meine Erinnerung an die Ostsee setzt sich also aus verschwommenen Bildern, Erzählungen, und Fotos zusammen. Ein Schwarz-Weiß-Film zieht sich penetrant über jedes einzelne Bild im Kopf. 

Meine erste Schulmappe zum Beispiel fand hier ihren Weg zu mir als ich vier war. Nicht, weil meine Eltern meinten, man könne das Kind nicht früh genug auf den Unterricht vorbereiten, sondern weil mein Mini-Ich sich unsterblich in das hübsche Ledertäschchen verliebt hatte. So kam es, dass ich mit einem leeren Schulranzen auf dem Rücken begeistert den Möwen am Strand hinterher jagte. Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, dass ich mit meiner Einschulung zwei Jahre später hart in die Realität der sich ständig wandelnden Taschenmode geworfen wurde. Was größtenteils mit dem Fall der Mauer zu tun hatte. Meine Version der Schultasche war out. Ohne es zu wissen, trug ich damals schon DIE Verkörperung von Old-School spazieren, die heute als ziemlich mega verdammt hip gefeiert wird. Einzug hatten damals, von heute auf morgen, die amerikanischen O’Neils und Scouts gehalten, die natürlich viiiiel cooler waren, da größer und imposanter und farbenfroher. Langsam dämmerte es mir: es gab viel zu entdecken in dieser neuen Welt. 

Auch lernte ich an der See schmerzhaft, dass nicht alle Mietzekatzen so herzzerreissend süß waren, wie mein pechschwarzes Mohrchen daheim. Dabei wollte ich doch nur mal über das weiche Fell streicheln. Das garstige Ding rächte sich sich mit einem ordentlichen Hieb und traf nur allzu gut, so dass man sich sicherheitshalber entschied eine Anzahl von Tollwutspritzen in meinen Bauch zu jagen. Als wäre das nicht alles schon dramatisch genug gewesen, suchte ich bei der Heimkehr vergeblich nach meinem Haustier. Bis zum heutigen Tag glaube ich in schwarzen Katzen meine wiedergeborene Mohrchen zu sehen. Kindheit kann brutal sein. 

Aber verlieren wir uns nicht in Details. Die Ostsee weckt Sehnsüchte & Erinnerungen. Ich werde mich wohl immer ein wenig mehr mit ihr verbunden fühlen, als mit anderen Reisezielen. Doch eins gilt es nach wie vor zu verstehen: wohin pflanzt man sein Ostseeherz denn nun? Viele Jahre lang dachte ich, der Darß sei jener Ort, den man, einmal gefunden, nie wieder her gibt. Prerow mit seinem wunderschönen Sandstrand, dessen Highlight der verwegene, wüste und stürmische Weststrand bildet. Das hübsch hergerichtete Zingst, die zuckersüßen Orte wie Wieck und Ahrenshoop.

Doch nun führte mich ein Wochenendausflug nach langer Zeit zurück auf die Urlaubsinsel meiner Kindheit. Usedom hat mein Ostseeherz im Sturm erobert. Dünenwälder und kilometerlange Strände, eine grüne, hügelige Landzunge soweit das Auge reicht. Märchenhäuser und maritimer Charme. Perfekter weißer Sand. Über 42 Kilometer erstreckt sich der Strand der Außenküste. Das längste zusammenhängende Stück, das es zu erlaufen gibt, misst ganze 8.4 km und bildet somit die längste Strandpromenade Europas. 

Die Sonne strahlte vom Himmel, als würde sie dort nie verschwinden wollen. Die zarten Zuckerwattewölkchen am Horizont haben sich – da bin ich mir ganz sicher – nur zur Deko aufgebaut. Barfüßiges Flanieren in der am Strand aufschlagenden Gischt der Wellen. Meine verblassten und vergrauten Kindheitserinnerungen haben wieder Farbe angenommen.

Eine Sache ist jedoch charakteristisch für die Ostseeküste allgemein. Zu finden auf dem Darß wie auf Usedom: Paare im Outdoor-Einheitslook – bevorzugt Jack Wolfskin – die, gewappnet gegen alle wetterlichen Widrigkeiten, sich zum Ziel gesetzt haben den Tag, komme was wolle, ohne Frösteln und Luftzug durch poröse Baumwollfasern zu überstehen! Ich warte auf den Tag, an dem die Dinger zu Dutzend im Vorteilspack verkauft werden und ich eine Großfamilie, einer wie der andere aussehend, am Strand tollen sehe. Ich werde anhalten und ein Foto machen. Versprochen. 

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Den ganzen Tag tanzen.

Ein Festival-Besuch ist gleichbedeutend mit Abschalten und Alltag vergessen. Was das konkret heißt, ist von Besucher zu Besucher verschieden.

Der gemeine weibliche Festival-Gänger tupft sich Glitzer ins Gesicht und setzt sich ein Blumenkränzchen aufs Häuptchen. Der männliche dagegen greift zum Filzstift, um sich einen oder mehrere Penisse auf Gesicht oder Bekleidung zu malen und freut sich, wenn er eine Scream-Maske oder einen pinken Bademantel auftreiben kann, mit dem er stolz durchs Festivalgelände zieht. Weniger vertreten, aber doch nicht selten sind jene, die sich in Ganzkörperfrotteeanzüge stecken, um ihre Festival-Tage als Kuh, Affe, oder Winnie the Pooh zu verbringen. Und dann sind da noch die, die im Voll- und Dauerrausch nicht in der Lage sind sich in irgendwas zu verwandeln und statt dessen johlend und grölend ihre Saufkumpanen in Schubkarren durch die Gegend fahren, einen gewissen Zerstörungswahn ausleben, in dem sie Schach-Matt mit Zelten spielen und ihr Bier beim Konzert nicht trinken sondern durch die Menge schmeißen.

Ein Festival-Besuch ist also immer wieder ein kleines Erlebnis. Das wichtigste ist aber natürlich die Musik, das Drumherum nur eine zu bestaunende, interessante, bunte, verstörende, wilde Begleitung, auf die man verzichten könnte aber nicht möchte. Wenn dieses Potpourri aus Besuchern zu Tausenden vor einer Bühne steht und den Stimmen ein paar weniger oder gar eines Einzelnen folgt, dann wird eh alles eins und man vergisst die dramatischen Anblicke, die sich angesichts von Dixie-Klos und Zeltlagern unfreiwillig zeigten.

Und so wird gesungen und gesprungen, frische Luft geatmet in Dosen wie man es schon ewig nicht mehr getan hat. Und ein ganz anderer Tagesrhythmus gelebt, der sich nach dem Line-Up richtet und der Frage „Wann spielt wer wo?“. Zwischen den Auftritten wandert man durch eine kleine Phantasiewelt, in der es nur um Spaß, Nervenkitzel, Alkohol und Köstlichkeiten geht. Umso härter das Aufeinandertreffen von Alltag auf Festival-Rückkehrer. Schmerzhaft, sich wieder Regeln fügen zu müssen. Still zu sitzen statt rum zu wackeln, ans Fenster zu müssen um Frischluft zu atmen.

Komm‘ – lass uns tanzen gehen.

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Ameisen.

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Phantastische Wesen.

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Juhu, Sonne!

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Sunglass-Selfie.

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Drei Tage kein Beton.

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Alle holen ihre Gummistiefel raus.

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Volle Konzentration.

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Aftermath.

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Von beherzten Sprüngen auf Heuballen.

Das Geheimrezept für einen perfekten Sonntag kannte ich an sich schon. Kein Stress, liebe Menschen, eine hübsche Umgebung, gutes Essen. Sind wir mal ehrlich, viel mehr braucht man doch nicht. Ich möchte mir dennoch erlauben etwas anspruchsvoller zu werden. Ergänzend und präzisierend füge ich hinzu: Wald, Wiese, See, Heuballen, Störche, Rehe, Pferde, Fahrrad, Käsebrote, ein von Schleierwolken durchzogener blauer Himmel. Sommer.

Ja mei, wer hätte gedacht, dass der Norden von Berlin so ein zauberhaftes Fleckchen Erde sei. Ich gestehe, meine Vorstellung war ein wenig von Vorurteilen behaftet. So ganz kann ich nicht rekonstruieren, wie sich diese Vorurteile manifestierten (wie das ja häufig so bei Vorurteilen ist), jedenfalls zog es mich bisher bevorzugt in sämtliche andere Himmelsrichtungen. OK, ich bin ehrlich, meist zog es mich an die immer gleichen Eckchen: Heimat (also Süden) oder gen Wannsee. Wie lange man doch manchmal braucht, um Orte zu entdecken, die so nah sind.

Diese wunderbare, nahezu Menschenleere Gegend kann ich als Ausflugsort wirklich nur jedem ans Herz legen (fast jedem – es soll schließlich ein beschaulicher Ort bleiben). Von Bernau aus folgt man ganz einfach dem Radweg, der, wenn man ihm kraftvoll und See-hungrig folgt, direkt an die Ostsee führt. Diese Strecke von Berlin nach Usedom ist seit gestern auf meiner to-do-Liste derer Dinge, die man sich vornimmt und dann seeeehr lange braucht, bis man sie tatsächlich in die Tat umsetzt. Mein Anspruch an meine Realisierungspläne seien an dieser Stelle jedoch wirklich ernst zu nehmen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich bereits mit vollen Fahrradtaschen, 25 Litern Wasser und einem wund gesessenen Hintern über die Fahrradwege flitzen.

Während man den Blick über die weiten Wiesen streifen lässt, die majestätischen Windräder aus der Nähe bestaunt, den Geruch von frisch gemähtem Gras einatmet und überlegt, warum das kleine Wölkchen dahinten am Himmelsdach an einen Mumin erinnert, vergisst man all das, das es an einem Sonntag zu vergessen gilt. Der Blick auf die nächste Woche löst sich in Luft auf.

Das schöne an dieser Gegend ist die landschaftliche Abwechslung. Weites Feld, Wald, See. Erreicht man den als Endziel auserkorenen See, so steht selbstverständlich fest, dass eine ausgedehnte Rast dazu gehört. Punkt. Dazu gehört die Picknickdecke mit all ihren köstlichen Details und eine Badehose, wahlweise Bikini oder einfach nüscht, wenn sich ganz doll gern hat. Und wenn der Tag sich dann dem Ende neigt, das Licht sich dämpft und die ersten Mücken ihren Durst stillen, dann guckt man auf einen stillen See, nippt am Vino und denkt sich: Es sind halt doch die kleinen Dinge. 

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More pictures to come…

vom woanders sein.

In Europa zu wohnen hat einen ganz klaren Vorteil im Vergleich zu riesengroßen und isolierten Ländern wie beispielsweise USA, Kanada und Australien. Innerhalb von minimaler Flugzeit ist man in einem anderen Land. Und fliegt man, so wie ich, an diesem Wochenende nach Basel, dann hat man sogar die Wahl zwischen drei Ländern. Was für ein Luxus. So kann man seinen Freitag in Deutschland verbringen und durch die grünen Wiesen streifen, am Samstag Basel entdecken und sich im Genuss von Schweizer Schokolade suhlen und am Sonntag die Einsamkeit der französischen Weinreben kennenlernen. Als wäre das nicht genug, schwingen im Gedanken noch all die anderen verlockenden Optionen mit: Ein Abstecher nach Paris und seiner schönsten Kirche Sacré-Cœur; ein kleiner Ausflug zum Gardasee, Pasta Pomodoro und Gelato; ein Besuch des Praters mitsamt Mozartkugelpicknick.

Die Region um Basel sollte fürs Erste jedoch genügen, wickelte sie ihre Besucher doch allein mit strahlendem Sonnenschein und menschenleerer Natur um den Finger. Wie lieb kann man Berlin da haben, wenn man nach einem viel zu kurzen Wochenende bei klarer Luft, Vogelgezwitscher, Weitblick, Wiesen- und Weinbergwanderungen von Easyjet unsanft zurück in den Alltag geflogen wird.

Kaum hat man den Flughafen verlassen und besteigt ein öffentliches Verkehrsmittel, so schlagen einem Gerüche entgegen, die Wiese und Kuhnmistgeruch zu einem Odor werden lassen, an den man sich gern zurück erinnert. Motz und Straßenfeger sind allgegenwärtig, viel zu viele Menschen wuseln herum, die eigene Wohnung ist zu klein geworden.

Das macht die Provinz also mit uns: sie verwandelt in klaustrophobische Misanthropen.

Aber: Wie wunderbar, dass man diese Kontraste selbst herbeiführen kann. Gegensätze sind gut, nur so wissen wir den Charakter einzelner Dinge zu schätzen, zu lieben, zu fürchten, zu vermissen. Langsamkeit & Tempo, Stille & Lärm,  Überstunden & nichts tun, Genuss & Abstinenz, Leggings & Bleistiftrock, Lachen & Weinen, Massen & Menschenleere, Weitsicht & Hochhäuser, Luftmatratze & eigenes Bett, Gemeinsamkeit & allein sein, Filterkaffee & Siebträgerespresso. Die Liste ließe sich endlich fortführen. Und manchmal, ja manchmal da macht das Erleben eines Kontrastes etwas mit uns. Und wenn es nur der Drang nach Veränderung ist. Aber vielleicht ist daran auch nur der Frühling schuld.

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von kleiderschrankkrisen & anderen geschichten.

Trotz der riesengroßen Onlinewelle: ein treuer Fan des stationären Handels bin ich stets geblieben. Ich liebe es durch die Läden zu streifen, zu stöbern, die Warenpräsentation zu begutachten, das Interior-Design zu vergleichen, anzuprobieren (mal mehr mal weniger) und dann im Idealfall das Erstandene direkt im Beutelchen nach Hause zu tragen.

Ein Geburtstagsgutschein hat mich am gestrigen Tage animiert, einen kleinen Abstecher in die Gegend zu machen, die das Shoppingherz ein wenig höher schlagen lässt. Rund um die Alte Schönhauser Straße tummeln sich zu viele Läden, die meine Kaufbeherrschung bedrohen. Da ein Gutschein aber selbstverständlich immer eine wunderbare Ausrede für das Betreten eines Ladens ist, zögerte ich keine Sekunde. Ziel war der jüngste Ableger des schwedischen Großkonzerns H&M, dem ich bisher noch nicht allzu oft einen Besuch abgestattet hatte.

Ein wenig Recherche zeigt, auf welch‘ lange Unternehmenshistorie Hennes & Mauritz zurück blicken kann. Das Modehaus wurde bereits 1947 gegründet, in mein Bewusstsein drängt es sich erst mit 14 oder 15 – damals war es die Erlösung von C&A, Pimpkie und Orsay. Hauptsitz des Unternehmens ist Stockholm, wo um die 140 Designer an den schnellen Kollektionen arbeiten. Denn H&Ms Devise ist: modische Ware, günstige Preise, hoher Warenumschlag. Das Sortiment setzt sich dabei aus drei Ebenen zusammen: Basics, Trends und Fashion. All dem liegt eine clevere Marketing-Strategie zugrunde, die tragbare Preise mit dem Fashion-Geist der Laufstege dieser Welt verknüpft.

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Rank 2. Dramatischerweise dicht gefolgt von Frau Fischer.

H&M ist aber so eine Sache. Man kann fürchterlich genervt sein von den immer gleichen Modellen, die sich Saison für Saison wiederholen. Man kann frustriert sein, wenn man ein Teil nach der ersten Wäsche zum Trocknen aufhängt (hatte es beim Kauf schon die gleiche Schieflage?). Man kann erstaunt darüber sein, wie lange man einige Modelle schon im Schrank hat und man kann Leute überrascht sagen hören „Sowas gibt es bei H&M?“

Ich persönlich habe einige Modelle, die mich über viele Jahre begleiten. Ebenso hatte ich jedoch auch unzählige Basics, die im Rekordtempo durch meinen Schrank gewandert sind. Und noch viel schlimmer: Ergebnisse von Schnäppchenjägerei, bei denen man hinterher feststellt, dass selbst diese 10 bis 20 Euro absolut nicht hätten die Geldbörse verlassen müssen.

Ja, im Laufe der Zeit stellt man fest, dass es ärgerlich ist, das Gefühl zu haben, man hätte nichts Vernünftiges im Kleiderschrank. In den 20ern fand ich es okay, veränderte sich mein Geschmack doch alle zwei Jahre. Meine Zahlungsbereitschaft galt damals nur der Marke Blutsgeschwister, zeigte sich bei ihr schließlich eine hohe Wertstabilität. ebay und Kleiderkreisel sei dank vermute ich hier nur sehr geringe Verluste.

Nun ist jedoch eine Zeit gekommen, in der häufiges Aussortieren aufgrund von minderwertiger Qualität oder nicht-Gefallen frustriert. Viele Frauen kennen das Gefühl sich nicht mehr mit ihrer Garderobe identifizieren zu können. Oder sich einfach nur satt gesehen zu haben. Das gipfelt dann gern in einer handfesten Kleiderschrank-Krise. Einziger Ausweg: Radikalität beim Ausmisten & eine Bereitschaft zur Neuinvestition. Diesmal mit dem Ziel das Erlernte in den Käufen umzusetzen. Heißt: verdammt, es wird teurer.

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So betrat ich also den Laden, der meiner aktuellen Modelaune und dem Verlangen nach mehr Nachhaltigkeit entsprach. „& other stories“ ist der jüngste Streich von H&M und gehört wie COS zu den Premium-Marken des Unternehmens. Zwischen 50 und 100 Euro bewegen sich die meisten Teile, Schuhe starten bei 100. Der Store in der Alten Schönhauser lädt zum Wohlfühlen ein. Mit viel Liebe zum Detail wird die Ware präsentiert. Es ist keine Massenabfertigung. Man muss sich durch keine überladenen Stangen wühlen und durch enge Gänge schlängeln. Jedes Teil hat seinen Platz, alles ist wunderbar in Szene gesetzt – mittels kleiner kreativer Botschaften erfolgt gar eine direkte Kundenansprache. Eine Marketingstrategie, auf die ich wunderbar anspringe. Insgesamt also ein Einkaufserlebnis das soviel wunderbarer ist, als wie man es von H&M, Zara, Mango etc. gewohnt ist. Der Stil ist abhängig von der „story“, denn die Kollektionen teilen sich in vier Bereiche auf, benannt nach den Städten Berlin, Stockholm, New York und Paris. Generell würde ich ihn als avangardistisch, puristisch beschreiben. Ein Mix aus feminin & maskulin. Aktuell viele graphische Elemente. Viele starke Farben. Viele weich fließende Kleider. Ein bisschen 70er, ein bisschen Futurismus, ein bisschen Skandinavien.

Natürlich hat es seinen Preis und es wird sich erst noch zeigen, wie es um die Qualität tatsächlich bestellt ist. Aktuell gilt jedoch die Konzentration auf relative Kaufbeherrschung, denn der Frühling steht vor der Tür und all die wunderbaren zarten Frühlingsfarben, die weich fließenden Materialien, die schönen Schnitte, sie rufen laut und deutlich meinen Namen. Raunen mir zu, dass es an der Zeit ist für einen Frühjahrsputz im Kleiderschrank.