pop up und wech.

Es ist zum Trend geworden, auf den Überraschungseffekt zu setzen. Das Neue, das Temporäre, das Limitierte… so viel glanzvoller und aufregender als das, das immer da ist. Pop-up nennt sich das Phänomen im Fachjargon. Davon gibt es inzwischen nicht nur Stores, sondern auch alles, was sonst noch so aus dem Boden gestampft werden kann. Pop-up Dinner, Pop-up Exhibition, Pop-up Event, Pop-up Cinema,… All diese Pilze, die in Windeseile wachsen und nur von kurzer Lebensdauer sind haben in der Regel eins gemein: Sie finden an außergewöhnlichen oder exklusiven Orten statt, ihre Teilnehmer rekrutieren sie größtenteils über Social Media und ihre Attraktivität erhalten sie durch die Verknappung ihrer Leistung. In einer Welt, in der es alles im Überfluss gibt, reizt genau das, das exklusiv und rar ist.

Wie hat sich unser Konsumverhalten in den letzten Jahrzehnten aber auch verändert. Gehe ich einmal von mir aus: In meinen ersten Lebensjahren musste man nichts bewusst verknappen – es war einfach alles knapp. Wenn der Onkel aus dem Westen kam mit seinem Auto voller Aldiprodukte, die ich in meinem Leben noch nicht gesehen hatte, dann war das ein Grund für unkontrollierte Euphorie. Meine Zuckertüte zur Einschulung eröffnete mir zum ersten Mal das Tor zur Welt von Haribo und Ferrero. Kinderschokolade, Werthers Echte, Goldbären. So viele leckere Dinge auf einmal… doch ich aß sie nicht, um möglichst lange Freude daran zu haben. Man konnte ja nicht wissen, wie lange diese neue Freiheit anhalten würde. In meinem Kinderzimmer hortete ich Süßigkeiten, um sie mir bis zu einem ganz besonderen Augenblick aufzuheben. War dieser gekommen, waren die süßen Leckereien alle schlecht. Diese Erfahrung lehrte mich, dann zu genießen, wenn  Genuß und Appetit in meinem Besitz sind.

Das Internet brachte dann plötzlich noch einmal eine ganz neue Form von Verfügbarkeit. Plötzlich war da so viel Angebot und so viel von allem, egal ob wohnhaft in Millionenstadt oder 50-Seelen-Dorf. Man wühlte sich nicht mehr durch dicke Kataloge, schickte Bestellungen per Post ein oder diktierte endlose Bestellnummern dem freundlichen Herrn am Ende der Hotline. Wir konnten alles haben! Und nicht nur das: auch im stationären Handel gab und gibt es immer mehr. Neue Produkte, neue Läden, neue Malls. Es ist wie Schlaraffenland, nur mit EC-Karte und nicht so schön quietschebunt und süß, wie ich mir das immer vorgestellt habe.

Tja und nun, nun sind wir alle so verwöhnt vom Überangebot, dass der Wunsch nach jenen Gütern und Leistungen aufkommt, die nicht in Massen erhältlich sind. Die besonders sind, zu denen wir eine andere Verbindung aufbauen können. Pop-up Stores, zum Beispiel, bieten Produkte an, die limitiert und nicht überall verfügbar sind. Pop-up Exhibitions zeigen Werke, die es sonst nicht zu sehen gibt. Pop-up Dinner vereinen Kochkunst und Ambiente, das es sonst nicht zu erleben gibt.

In den Genuss eines derart besonderen kulinarischen Erlebnisses bin ich letztes Jahr gekommen, als ich am Pop-up Dinner von „Wild und Wiese“ teilnahm. Die beiden Köche haben sich einen ungewöhnlichen Ort für ihr 4-Gänge-Menü gesucht. Im Krematorium im Wedding dinnierte man an langen Tafeln zu beeindruckenden Lichtinstallationen und DJ-erzeugten Klängen. Die Kombination aus Sehen, Schmecken und Hören, die bei normalen Restaurantbesuchen nicht in solch hohem Maße positiv besetzt wird, machte diesen Besuch zu viel mehr als „nur“ essen gehen. Bei hochsommerlichen Temperaturen ein Gefühl wie im fernen Urlaub…

pop up dinner

Bei meiner Recherche zum Thema Pop-up stieß ich auf „The Pale Blue Door“ von Tony Hornecker. Der Londoner Künstler, so könnte man vermuten, brachte den Pop-up Stein 2010 ins Rollen. Er schuf kleine, von persönlichen Erinnerungen behaftete Häuser, in denen Gäste in den einzelnen Räumen dinnieren konnten. Mit diesem Projekt tourte er durch sechs verschiedene Länder und gewann enorme mediale Aufmerksamkeit. Die Installationen, sie sind ein Mix aus Phantasie und Realität. Sie erinnern an lebensgroße Puppenhäuser oder die Werke von sehr talentierten Kindern, die man zu lange im Garten hat allein gelassen.

tony hornecker

Anscheinend sehnen wir uns beim Konsum, beim Genuss, nach mehr Emotionalität, nach echten Erlebnissen, nach etwas anderem als nur einem Bild auf einem Screen und dem Klick auf den Warenkorb. Und es funktioniert. Ich habe schon viele wunderbare Pop-up Stores gesehen, die so viel mehr Atmosphäre kreiert haben, die so viel emotionalisierter waren, als der stationäre Handel, der sich, gefühlt, seit Jahren in Hinblick auf das Einkaufserlebnis nicht weiter entwickelt hat. Was so schade ist, schimpft er doch immer, dass der böse Onlinehandel ihn überrollt. Wo bleiben denn die innovativen Ladenkonzepte und die Strategien zur Kundenbindung (nein, ich meine damit nicht die wahrlich abenteuerliche Möglichkeit des Herze oder Punkte sammelns). Vielleicht sollten sich die Alteingesessenen mal ein Beispiel am jungen Pop-Up-Trend nehmen.

Sind wir gespannt, wie lange dieser Trend anhält, welche neuen Pop-ups noch folgen und was als nächstes kommt. Ich hätte nichts gegen ein paar Ben&Jerry Pop-Up Eistheken (gern in der Berliner Zimmerstraße) oder wie wäre es mit Pop-up Konzerten. Florence + the Machine, Mumford & Sons – ich flüstere euch jetzt mal, dass ihr diesen Trend auf keinen Fall verpassen solltet…

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